Frei ohne Begründung: Erste Schweizer Firma gibt Jokertage für Lehrlinge
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Frei ohne BegründungErste Schweizer Firma gibt Jokertage für Lehrlinge

Jokertag statt blaumachen, Ehrlichkeit statt den Chef belügen. Bei der Volvo Group können Lehrlinge Jokertage beziehen. Was bringt das einem Betrieb?

von
S. Spaeth
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Die Volvo Group (Schweiz) führt ab August 2020 als erste Schweizer Firma für die Lehrlinge zwei Jokertage pro Jahr ein.

Die Volvo Group (Schweiz) führt ab August 2020 als erste Schweizer Firma für die Lehrlinge zwei Jokertage pro Jahr ein.

Volvo
Die Volvo Group ist in der Schweiz an neun Standorten vertreten und hat rund 250 Angestellte, 55 davon absolvieren eine Lehre.

Die Volvo Group ist in der Schweiz an neun Standorten vertreten und hat rund 250 Angestellte, 55 davon absolvieren eine Lehre.

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«Die Jokertage sollen Ehrlichkeit und Eigenverantwortung unserer Lernenden fördern», sagt Remo Motta, Marketing- und Kommunikationschef bei der Volvo Group (Schweiz) zu 20 Minuten.

«Die Jokertage sollen Ehrlichkeit und Eigenverantwortung unserer Lernenden fördern», sagt Remo Motta, Marketing- und Kommunikationschef bei der Volvo Group (Schweiz) zu 20 Minuten.

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Ausschlafen nach einer Party, ein günstiger Flug am Tag vor den offiziellen Ferien oder null Bock auf gar nichts, weil die Beziehung gerade kriselt. Das alles sind Situationen für Jokertage. Will heissen: unkompliziert dem Unterricht fernbleiben, ohne Begründung und Diskussion. Das ist für viele Unter- und Oberstufenschüler sowie an gewissen Mittelschulen möglich. Und selbst Rekruten können mittlerweile ohne Begründung in der RS zwei Tage fehlen.

Das Nachsehen hatten bis jetzt die Lehrlinge, sowohl im Betrieb als auch in der Berufsschule. Für sie gilt blaumachen oder durchbeissen. Nun prescht der erste Schweizer Arbeitgeber vor. Die Volvo Group führt in der Schweiz ab August 2020 für seine Lehrlinge zwei Jokertage pro Jahr ein. «Die Jokertage sollen Ehrlichkeit und Eigenverantwortung unserer Lernenden fördern», sagt Remo Motta, Marketing- und Kommunikationschef bei der Volvo Group Schweiz, zu 20 Minuten. Verboten ist der Bezug eines Jokertags etwa an Schultagen oder am jährlichen Lernendentag. Mit den zusätzlichen Tagen die Ferien zu verlängern, liegt drin.

Wegen Blaumacher-Verdacht länger weg

Bei Situationen, in denen ein Feriengesuch womöglich abgelehnt wird, sind Lernende laut Motta in einem Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach einem freien Tag und dem schlechten Gewissen, das eine Lüge beim Chef mit sich bringt. «Mit Jokertagen können wir solche Situationen verhindern und Ehrlichkeit und Eigenverantwortung fördern», so Volvo-HR-Chefin Elisabeth Ziörjen. Die Volvo Group Schweiz ist an neun Standorten vertreten und hat rund 300 Angestellte. 55 davon absolvieren Lehren in den Berufen Auto-Mechatroniker, Detailhandelsfrau oder Auto-Fachmann.

«Wegen Blaumachern kämpfen Unternehmen mit Tausenden von Minusstunden», sagt Lehrlingsberater Peter Heiniger. Er steckt hinter der Idee der Lehrlings-Jokertage und hat auch die Volvo Group beraten. Heiniger geht davon aus, dass mit der Einführung von Jokertagen die Anzahl verlorener Arbeitsstunden sinkt: «Wer dem Job nur einen Tag fernbleibt, gerät unter Blaumacher-Verdacht. Darum bleiben Jugendliche oft zwei oder drei Tage daheim und erschwindeln sogar noch ein Arztzeugnis.» Darum sind laut Heiniger Jokertage, die ohne Begründung bezogen werden können, sowohl für die Jugendlichen als auch für die Betriebe ein Gewinn.

Gutes Marketinginstrument

Lehrlingsberater Heiniger hofft, dass bald weitere Firmen dem Beispiel folgen und auf Jokertage setzen: «Diese Art Flexibilität ist ein Bedürfnis der Generation Z.» Bei Volvo müssen die Jugendlichen den Jokertag grundsätzlich bis am Vorabend eingeben. Zudem sind die Jokertage laut Heiniger auch ein gutes Marketinginstrument, um sich als zeitgemässen Arbeitgeber zu positionieren.

Das sieht man beim Kaufmännischen Verband ähnlich, der die Einführung von betrieblichen Jokertagen begrüsst. «Jokertage können die Attraktivität der Lehrbetriebe erhöhen», sagt Sprecherin Emily Unser. Noch viel wichtiger seien aber die Anstellungsbedingungen in der Lehre, etwa ein fairer Lohn und sechs Wochen Ferien.

Lediglich fünf Wochen Ferien haben die 55 Lehrlinge bei Volvo Trucks. Was passiert, wenn die Jugendlichen ihre Jokertage nicht beziehen? Gibts dann eine Belohnung? «Nein. Unsere Ansicht nach sind Jokertage schon Belohnung genug», sagt Volvo-HR-Chefin Elisabeth Ziörjen.

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