Kraftakt: Erster Schweizer durchquert Ärmelkanal
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KraftaktErster Schweizer durchquert Ärmelkanal

Starke Strömung, kaltes Wasser, reger Schiffsverkehr: die 33 Kilometer zwischen England und Frankreich zu überwinden, ist kein Zuckerschlecken. Der Churer Gino Deflorian hat die grosse Leistung vollbracht.

von
Hannes von Wyl

Am Dienstag um 9.25 Uhr Ortszeit springt der Schwimmer Gino Deflorian im englischen Samphire Hoe in den 17 Grad kalten Atlantik. Bei Flut und starker Strömung will er schaffen, was vor ihm noch keinem Schweizer Mann und erst zwei Schweizerinnen gelungen ist: Die Nonstop-Durchquerung des 33 Kilometer breiten Ärmelkanals.

«Eigentlich wollte ich meine Karriere schon beenden», sagt Gino Deflorian. «Als mein Trainer aber vom Ärmelkanal erzählte, wusste ich: Das muss ich tun. Koste es, was es wolle.»

England - Frankreich: 6000 Kalorien

Es ist kein leichtes Unterfangen. Der Kanal zwischen der britischen Insel und der französischen Küste zählt mit 500 Schiffen pro Tag als eine der meistbefahrensten Wasserstrassen der Welt. Nach vier Stunden und 50 Minuten kann Deflorian einem Frachtschiff denn auch nur knapp ausweichen, berichtet sein Bruder Patric Deflorian.

Im 17 Grad kalten Wasser verliert der Schwimmer zudem ständig an Körperwärme. Im 40-Minuten-Rhythmus erhält er von seinem Trainer, der ihn in einem Boot begleitet, eine Trinkflasche mit isotonischen Getränken und einem Farmerstengel zur Stärkung. Bis er französischen Sand unter seinen Füssen spürt, verbraucht er rund 6000 Kalorien.

Nutella und Cola

«Es gibt Momente, da denkst du dir: Es ist noch weit, sehr weit», sagt Deflorian. «Aber ich habe mir vorgenommen, in Cap Gris Nez anzukommen. Und darauf habe ich mich konzentriert.» Wegen der starken Strömung muss Deflorian einen weiten Bogen schwimmen. Aus 33 Kilometer Luftlinie werden 44 geschwommene Kilometer.

Nach acht Stunden wird der Kanalschwimmer langsam müde. Als Belohnung für die bereits zurückgelegte Strecke und als Motivationsschub für die noch vor ihm liegende erhält Deflorian ein Nutella-Brot und eine Coca Cola. «In diesem Moment gibt es nichts Besseres», sagt er.

Konstant und stabil

Vor der Kanaldurchquerung trainierte der Spitzensportler 13 Mal pro Woche. Das ist Standard bei Schwimmern seiner Leistungsklasse. An Schweizermeisterschaften gewann Deflorian 2012 Bronze im 1500 Meter Crawl, im 4x200 Meter Crawl holte er Silber. Wochen vor seinem Unterfangen schwamm er zusätzliche Kilometer, auch in kaltem Wasser.

Um 20.30 Uhr hat Deflorian mit seinem gleichmässigen Schwimmrhytmus auch den Letzten der Schwimmer überholt, die ebenfalls an diesem Tag zur Kanaldurchquerung gestartet sind. Mit 54 Armzügen pro Minute schwimmt der Bündner Meter um Meter. «Konstanter und stabiler kann man das nicht schwimmen», meint Trainer Gerard Moerland.

Nach 666 Minuten und rund 36'000 Schwimmzügen erreicht der 24-Jährige schliesslich die französische Küste. «Nach elf Stunden schwimmen fällt es schwer, aufzustehen und das eigene Körpergewicht zu tragen», sagt Deflorian. Mit Mühe stemmt er sich aus dem Wasser, reisst die Arme hoch und jubelt.

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