Aktualisiert 09.08.2011 17:45

Brutalität nimmt zuErster Toter bei Krawallen

Die Ausschreitungen fordern ihr erstes Opfer: Die Polizei hat einen toten Mann in einem Auto gefunden. 16 000 Polizisten sollen in London nun eine vierte Chaos-Nacht verhindern.

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Die schweren Krawalle von Jugendlichen in London haben den ersten Toten gefordert: Ein 26-Jähriger, der in der Nacht zum Dienstag angeschossen wurde, starb im Krankenhaus, teilte Scotland Yard mit. Der Mann war am Montagabend mit mehreren Schusswunden in einem Auto im Bezirk Croydon gefunden worden. Zu den Hintergründen seines Todes ist bisher nichts bekannt.

Einige Teile Londons sehen aus wie nach einem Bombenangriff: Häuser liegen ausgebrannt in Trümmern, Rauch steigt über der englischen Hauptstadt auf. Nun hat sich der aus den Ferien zurückgeeilte Premierminister David Cameron erstmals an die Öffentlichkeit gewandt: «Wir werden alles tun, um die Ordnung wiederherzustellen», sagte er in einer Fernsehansprache. Als Sofortmassnahme werden 10 000 zusätzliche Polizisten aus ganz England in die Vororte Londons geschickt. Ingesamt kämpfen dann 16 000 Ordnungshüter gegen die Randalierer.

«David Cameron kann sich auf keinen Fall eine vierte Krawallnacht leisten», erklärt eine BBC-Korrespondentin die Aufstockung. Die Londoner Polizei hat inzwischen Eltern in der britischen Hauptstadt aufgefordert, ihre Kinder in der kommenden Nacht zu Hause zu behalten.

Social Media als Brandstifter

Die Ausschreitungen hatten sich in der Nacht auf Dienstag auf weitere Stadtteile ausgeweitet, so auch auf das Quartier Ealing. «Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet, unfassbar», sagt ein Anwohner zur BBC. Die Polizei - mit 6000 Beamten im Einsatz - verhaftete rund 450 Randalierer, die teilweise Molotow-Cocktails auf Polizisten geworfen hatten. Gegen 69 Personen sei Anklage erhoben worden. Damit nicht genug: In der Nacht zum Dienstag hat es erstmals auch Plünderungen, Brandstiftungen und Randale in Birmingham, Liverpool und Bristol gegeben.

Die Regierung versucht mit allen Kräften, die Ausschreitungen in den Griff zu kriegen. Das Problem: Viele der zumeist kleinen Gruppen von Jugendlichen nutzen SMS, Instant Messenger und Twitter, um ihre Angriffe zu koordinieren und sich einen Vorsprung vor der Polizei zu verschaffen. Sie gehen skrupellos vor: «30 maskierte Jugendliche haben vor meinen Augen einen Floristen-Laden angegriffen und niedergebrannt – völlig ohne Grund», sagt eine Augenzeugin.

Mob fackelt Autos ab

Die Jugendlichen schrecken auch nicht vor Gewalt gegen Beamte zurück: In London nahm die Polizei drei Personen unter dem Verdacht des versuchten Polizistenmordes fest. Der Beamte war am frühen Dienstagmorgen in Brent im Norden der Hauptstadt angefahren worden. Er hat nach Plünderungen mehrere Fahrzeuge angehalten. Dabei sei ein Auto davongefahren und habe den Beamten erfasst, teilte die Polizei mit. Das Fahrzeug sei später erneut gestoppt und drei Personen festgenommen worden.

Im Stadtteil Croydon brannte ein ganzer Häuserblock, meterhohe Flammen züngelten in den Nachthimmel. Anwohner mussten evakuiert werden. Der «Guardian» zitierte einen Polizisten mit den Worten: «Wir kommen nicht dagegen an. Wir haben die Zerreissgrenze überschritten.»

Polizeiwache in Brand gesetzt

In Hackney attackierten hunderte Jugendliche Geschäfte und zündeten Autos an. Plünderer erbeuteten Alkohol, Zigaretten, Süssigkeiten und Toilettenpapier. «Das ist der Aufstand der Arbeiterklasse. Wir verteilen den Wohlstand um», sagte der 28-jährige Bryan Phillips, der sich selbst als Anarchist bezeichnet.

Gewalt schwappt in weitere Städte über

Die Gewalt griff erstmals auch auf Städte ausserhalb Londons über. Im Zentrum von Birmingham wurden in der Nacht zum Dienstag 87 Jugendliche festgenommen, nachdem sie Schaufenster eingeworfen und Auslagen geplündert hatten. Eine Polizeiwache wurde den Angaben zufolge von Randalierern in Brand gesetzt.

In Liverpool zog ein Mob von mehreren hundert Vermummten durch die Strassen, zwang Autofahrer aus den Fahrzeugen auszusteigen und setzte die Wagen danach in Flammen. In Bristol versuchten Polizisten, eine randalierende Meute von rund 150 Jugendlichen in Schach zu halten.

(Video: YouTube/TheUlidian02)

Plünderer in den Strassen des Londoner Vororts Clapham. (Quelle: YouTube)

Brennendes Pub in Woolwich im Osten Londons. (Quelle: YouTube)

Am dritten Tag griffen die Unruhen auf Städte wie Liverpool über. (Quelle: YouTube)

Ballistische Test erwartet

Die Krawalle hatten in der Nacht zum Sonntag im Problemviertel Tottenham begonnen. Zwei Tage zuvor war dort der 29-jährige Mark Duggan von einem Polizisten erschossen worden. Unklar war, ob der farbige Familienvater das Feuer eröffnet hatte. Ergebnisse ballistischer Tests sollen am Dienstag veröffentlicht werden.

Randalierer hatten daraufhin in Tottenham Büros, Wohnungen, Supermärkte, Polizeiautos und einen Doppeldecker-Bus in Brand gesetzt und Geschäfte ausgeplündert. Die Sachschäden an Gebäuden und öffentlichen Einrichtungen gehen in den mehrstelligen Millionenbereich.

(am/sda)

London: Traditionelle Multikulti-Stadt

Die 7,5-Millionen-Metropole London nennt sich selbst gern einen Schmelztiegel. Menschen aus mehr als 100 Nationen leben hier zumeist friedlich zusammen - weit mehr Sprachen und Dialekte werden gesprochen.

Fast jeder dritte Londoner hat heute ausländische Wurzeln. Die Vielfalt der britischen Hauptstadt hängt mit der langen Kolonialgeschichte des Landes zusammen und spiegelt sich in ihren Stadtvierteln.

Rund 13 Prozent der Londoner stammen aus Asien. Die grösste Gruppe unter ihnen sind mit über 400'000 Menschen die Inder. Jeweils fast 150'000 Menschen kommen darüber hinaus aus Pakistan und Bangladesch. Zehn Prozent der Einwohner haben Wurzeln in Afrika und in der Karibik. Mehr als drei Prozent kommen ursprünglich aus China.

Der oft belebende Mix der Stadt lässt sich auch an den Religionen und ihren Bauten ablesen. Es gibt rund 150 Moscheen, 40 Hindu-Tempel und 25 Sikh-Tempel. London, das als aufregende, aber auch sehr teure Grossstadt gilt, wirkt aber auch als Magnet für ganz Grossbritannien. Jeder achte Brite lebt in der Hauptstadt.

Multikulturelles Leben gehört zum Alltag dazu und wird meist als selbstverständlich wahrgenommen. Hass-Thesen und Rassismus gibt es trotzdem. Zum nationalen Aufregerthema taugte das allerdings selten. Mangelnde Integration von Migranten, das Bildungsgefälle und soziale Benachteiligung bleiben aber drängende Probleme. (sda)

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