Aktualisiert 21.08.2010 19:33

Atomstreit

Erstes AKW mit Kernbrennstoff bestückt

Der Iran hat mit der Inbetriebnahme seines ersten Atomkraftwerks begonnen. Die ersten Brennstäbe sind in den Reaktor gebracht worden.

Iranische und russische Ingenieure bestückten am Samstag die Anlage in Buschehr unter Aufsicht von Beobachtern der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) mit Kernbrennstoff, nach und nach sollen insgesamt 163 Brennelemente in das Reaktorgebäude und anschliessend in den Reaktorkern gebracht werden. Die USA hatten Russland aufgefordert, die Inbetriebnahme des Kraftwerks aufzuschieben, bis Teheran bewiesen habe, dass es keine Atomwaffen entwickle.

Der iranische Vizepräsident und Chef der Atomenergiebehörde Ali Akbar Salehi nannte Buschehr ein Symbol für den iranischen Widerstand gegen den Druck aus den Westen im Atomstreit. «Trotz des Drucks, der Sanktionen und Mühsal, die der Westen uns bereitet hat, sind wir heute Zeuge der Inbetriebnahme des grössten Symbols für Irans friedliche Nutzung der Atomenergie», sagte Salehi.

Der Leiter der russischen Atomenergiebehörde, Sergej Kirijenko, beglückwünschte den Iran zum «Countdown für das Atomkraftwerk Buschehr». Nach dem Bestücken der Anlage wird es gut zwei Monate dauern, bis der 1000-Megawatt-Reaktor tatsächlich Strom für iranische Städte liefert.

Russland will Missbrauch der Anlage verhindern

Der Vertrag über den Bau des Leichtwasserreaktors in Buschehr zwischen dem Iran und Russland wurde im Jahr 1995 geschlossen, er hat ein Volumen von einer Milliarde Dollar. Die Fertigstellung des Projekts verzögerte sich aber seit Jahren. Moskau machte dafür technische Gründe geltend, Beobachter glauben aber, dass Moskau das Projekt nutzte, um vom Iran Zugeständnisse im Streit über dessen Atomprogramm zu erreichen.

Russland hat zugesagt, die Anlage zu sichern und zu verhindern, dass nukleares Material für ein mögliches Waffenprogramm abgezweigt wird. Trotz der Lieferungen aus Russland betreibt der Iran ein eigenes Programm zur Anreicherung des Kernbrennstoffs Uran. Der UN-Sicherheitsrat hat Teheran wiederholt aufgefordert, dieses Programm zu stoppen. Hintergrund sind Befürchtungen, der Iran strebe den Bau von Atomwaffen an. Die Teheraner Regierung hat stets erklärt, das Atomprogramm diene ausschliesslich friedlichen Zwecken. Trotz UNO-Sanktionen hält sie bislang an dem Programm fest.

Israel kritisierte die Inbetriebnahme des ersten iranischen Atomkraftwerks scharf. Es sei völlig inazeptabel, dass ein Land, das so offenkundig internationale Vereinbarungen verletzte, in den Genuss der Atomenergie kommen solle, sagte ein Sprecher des israelischen Aussenministeriums.

Vertrag zwischen Schah und Siemens aus dem Jahr 1974

Das Projekt in Buschehr geht zurück auf das Jahr 1974. Damals schloss Schah Resa Pahlewi mit dem deutschen Siemens-Konzern einen Vertrag über den Bau eines Reaktors ab. Siemens trat von dem Abkommen zurück, als der Schah 1979 durch die Islamische Revolution gestürzt wurde. Die teilweise fertiggestellte Anlage wurde durch irakische Bombardements während des Kriegens zwischen dem Iran und dem Irak (1980-1988) beschädigt. Bevor der Iran sich mit Russland auf die Wiedererrichtung des Kraftwerks einigte, waren bereits Verträge mit Argentinien, Spanien und anderen Ländern unterzeichnet worden, die auf Druck der USA aber wieder annulliert wurden. (sda/dapd)

Atomkraftwerk Buschehr

Das erste iranische Atomkraftwerk Buschehr steht rund 1200 Kilometer südlich der Hauptstadt Teheran am Persischen Golf. Der jetzt fertiggestellte erste Reaktorblock wird nach seinem Beladen mit 165 Brennstäben aus Russland voraussichtlich im November 2010 an das Stromnetz angeschlossen.

Im März 2011 soll der Leichtwasserreaktor seine Maximalleistung von 1000 Megawatt erreichen. Geplant sind auf dem Areal zwei weitere Blöcke.

Der erste Reaktorblock ist ein Mix aus westlicher und russischer Technik. 1974 hatten vor allem deutsche Ingenieure mit dem Bau der Anlage im Auftrag des Schah begonnen.

1995 beauftragte der Iran die russische Firma Atomstroiexport für eine Milliarde US-Dollar mit dem Weiterbau. Die Kombination unterschiedlicher Reaktortechniken gilt als aufwendig. (sda)

Der Bau des iranischen Atomkraftwerks in Buschehr begann vor rund 35 Jahren. Ein Rückblick:

1974/1975: Nach einem Auftrag des Schahs an die deutsche Siemens- Tochter Kraftwerk Union beginnen die Arbeiten an zwei Atomreaktoren in Buschehr am Persischen Golf. Laut Vertrag sollen sie bis 1981 fertig sein.

1979: Nach dem Sturz des Schahs steigt Kraftwerk Union aus dem Projekt aus. Angeblich sind die beiden Blöcke zu 80 und 60 Prozent fertig. Die Bauarbeiten werden eingestellt. Im ersten Golfkrieg (1980-1988) zwischen dem Irak und dem Iran werden die Anlagen bombardiert.

1982: Nachdem Teheran mehrfach die Internationale Handelskammer in Paris angerufen hat, entscheidet diese, dass Siemens die noch nicht gelieferten Kraftwerkskomponenten ausliefern muss und mit dem Iran über die Fertigstellung weiterverhandeln soll. Nach Siemens- Angaben werden bis Mitte der 1980er Jahre Bauteile geliefert.

1995: Der Iran und Russland schliessen einen Vertrag über den Bau von vier Blöcken. Bis zum Jahr 2000 soll das Kraftwerk ans Netz gehen. Vor allem aus den USA kommt Kritik.

1996: Russische Spezialisten beenden die technische Überprüfung der erhaltenswerten Bausektoren. Russische Baufirmen sollen das Kraftwerk im wesentlichen neu errichten.

2007: Russlands Präsident Wladimir Putin sichert bei einem Besuch in Teheran die Fertigstellung zu, nennt dafür aber keinen Termin.

2009: Russland und der Iran unternehmen einen Testlauf. Es habe sich um einen sogenannten technischen Start der Anlage gehandelt, da der von Russland gelieferte Brennstoff noch von der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA versiegelt sei, hiess es damals.

2010: Frühestens im November soll das Kraftwerk ans Netz gehen. (sda)

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