Aktualisiert 22.06.2013 12:17

Mark Streit

Erstmals ein Star in der wahren NHL

Der angekündigte Wechsel von den New York Islanders zu den Philadelphia Flyers ist für Mark Streit (35) ein gewaltiger Aufstieg. Sportlich und hockeygesellschaftlich.

von
Klaus Zaugg

Die Philadelphia Flyers sind laut, steinreich und tief in der Seele stockkonservativ und gewaltbereit. Eines der amerikanischsten Hockeyunternehmen überhaupt.

Vielleicht ist es ja so, dass ein Hockey-Team ein wenig den wirklichen Charakter einer Stadt zeigt. Philadelphia ist eine raue Stadt. Sie spiegelt die Härte und Rücksichtslosigkeit, die nun einmal auch zur amerikanischen Lebenskultur gehören, stärker als viele andere Städte. Obwohl die zweitgeschichtsträchtigste Stadt im Land, obwohl ein wichtiger Industriestandort und bis 1800 die Hauptstadt der USA, fehlt die fiebrige Dynamik von New York. Dass ausgerechnet aus Philadelphia die Mannschaft hervorgegangen ist, die die NHL in den 1970er-Jahren buchstäblich mit Krieg überzogen hat, ist also nicht bloss eine Laune der Geschichte.

«Die Schläger von der Broad Street»

Die Philadelphia Flyers sind die ersten, die Gewalt und Einschüchterung – «kriegerisches» Gebaren in allen Variationen eben – zur Strategie, zur Philosophie, ja zum Markenzeichen eines Klubs machen. Mit durchschlagendem Erfolg. 1974 und 1975 gewinnen sie den Stanley Cup und gehen als «Broad Street Bullies» («Die Schläger von der Broad Street») und «Ferocius Flyers» («grimmige Flyers») in die Geschichte ein. Die NHL-Macher sind nicht so sehr von dieser Gewalttätigkeit entsetzt. Vielmehr sehen sie mit Schrecken, welcher Ruf diese brutale Mannschaft in ganz Nordamerika geniesst.

Erst 1967 haben die Philadelphia Flyers die grosse Bühne der NHL betreten. Die NHL umfasst zu diesem Zeitpunkt nur sechs Teams («Original Six») und wird erstmals aufgestockt. Die Flyers werden das erste sogenannte «Expansion Team», das den Stanley Cup gewinnt. Nie hat es eine bösere, härtere und schlimmere Mannschaft gegeben als diese Flyers der frühen 1970er-Jahre. Sie kombinierten in einzigartiger Weise Brutalität mit spielerischer Klasse. Aus dieser Zeit stammt der Spruch: «Wir waren am Boxmatch und auf einmal ist ein Eishockey-Spiel ausgebrochen.»

Am meisten Strafminuten

Die Reglemente und spielerisch brillante Teams wie die Montreal Canadiens beendeten diesen bösen Spuck. Aber diese gewalttätige Vergangenheit ist tief in der Seele der Flyers eingebrannt. Von Zeit zu Zeit dring sie wieder an die Oberfläche. So ist es nur logisch, dass die Philadelphia Flyers am NHL-Spiel mit den meisten Strafminuten beteiligt sind: 419 Strafminuten verhängten die Schiedsrichter am 5. März 2004 in der Partie Ottawa gegen Philadelphia: 206 gegen Ottawa, 213 gegen Philadelphia. Mehr als 213 Minuten pro Partie hat in der NHL noch nie ein Team kassiert. Und Philadelphias Dave «the Hammer» Schultz hält auch den Strafenrekord für eine Saison: 472 Minuten als Stanley Cup-Sieger in der Saison 1974/75.

Allerspätestens in der «neuen» NHL seit der Lockout-Saison 2004/05 ist ein Team wie jenes der Philadelphia Fylers der 1970er-Jahren nicht mehr möglich. Aber mit «zivilisiertem» Hockey ist es nicht mehr gelungen, den Stanley Cup nach Philadelphia zu holen. 1976, 1979, 1985, 1987, 1997 und 2010 ging das Finale verloren. Ein Puzzle-Teilchen fehlte immer.

Eines der wertvollsten NHL-Unternehmen

Die Philadelphia Flyers gehören seit ihrer Gründung der Familie von Ed Snider (geboren 1933). Dem in vierter Ehe verheirateten Macher gehört neben dem Team ein Sport-Imperium, inklusive des alten (Spectrum) und des neuen Stadions (Wells Fargo Center). Dazu die passenden Firmen (TV-Stationen) für die Vermarktung. Die Flyers gehören mit einem Wert von 336 Millionen Dollar (mehr als doppelt so viel wie die Islanders), einem Umsatz von 124 Millionen Dollar und einem Gewinn von rund 10 Millionen Dollar zu den zehn wertvollsten und profitabelsten NHL-Unternehmen. Geld war noch nie ein Problem, Schwierigkeiten bereitet bloss die Einhaltung der von der Liga verordneten Salärobergrenze von 64,3 Millionen Dollar. So ist es auch nur logisch, dass die Flyers Mark Streit im Alter von 35 Jahren noch zum bestbezahlen Schweizer Mannschaftsporter aller Zeiten machen (5,25 Millionen Dollar Jahreslohn).

Das Ziel ist endlich, der erste Stanley Cup seit 1975. Mit Mark Streit ist das Aufrüsten noch lange nicht abgeschlossen. Manager Paul Holmgren arbeitet seit einiger Zeit am ultimativen Transfergeschäft: Er versucht von Anaheim den Amerikaner Bobby Ryan (26) zu bekommen. Der kräftige Flügel ist ein 30-Tore-Skorer, stammt von der US-Ostküste und passt prima zu den Flyers.

Mark Streits Wechsel von den Islanders zu Philadelphia ist, so er denn wie angekündigt über die Bühne geht, ein gewaltiger sportlicher und hockeygesellschaftlicher Aufstieg. Vergleichbar mit einem Transfer von den Lakers zu den ZSC Lions in der Schweiz. Jetzt wird Streit erstmals ein Star in der wahren NHL.

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