20-Minuten-Reporterin im Donbass – «Erstmals höre ich die Artillerie aus nächster Nähe»

Publiziert

20-Minuten-Reporterin im Donbass«Erstmals höre ich die Artillerie aus nächster Nähe»

20-Minuten-Chefreporterin Ann Guenter befindet sich in der Ukraine nahe des Konfliktgebiets. Die kriegerischen Handlungen hätten am Dienstag stark zugenommen, sagt sie.

von
Bettina Zanni
1 / 8
Chefreporterin Ann Guenter stellt in der Ukraine vor Ort eine zunehmend angespannt Lage fest. 

Chefreporterin Ann Guenter stellt in der Ukraine vor Ort eine zunehmend angespannt Lage fest. 

20 Minuten
Ann Guenter wohnt bei einer Pastorenfamilie. Diese sei ganz gelassen, sagt sie. 

Ann Guenter wohnt bei einer Pastorenfamilie. Diese sei ganz gelassen, sagt sie. 

20 Minuten/Ann Guenter
Die Chefreporterin ist mit einem ukrainischen Kaplan unterwegs, der ukrainischen Soldaten geistlich beisteht.

Die Chefreporterin ist mit einem ukrainischen Kaplan unterwegs, der ukrainischen Soldaten geistlich beisteht.

20 Minuten/Ann Guenter

Darum gehts

Ann, du befindest dich in der Region Luhansk, zwei Kilometer von der Kontaktlinie zwischen den Separatisten und der ukrainischen Armee entfernt. Wie ist die aktuelle Lage?
Jetzt, am Mittag, nehmen die Spannungen zu. Erstmals höre ich die Artilleriebeschüsse aus nächster Nähe. Die letzte Nacht verlief hingegen überraschenderweise ruhig. Noch am Montag rechneten viele Menschen in der Ukraine mit einem Einmarsch der Russen, da Putin die beiden Regionen Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine als unabhängige «Volksrepubliken» anerkannt hat.

Machen sich die Ukrainerinnen und Ukrainer für einen Krieg bereit?
Bis jetzt zumindest kann hier von Kriegsstimmung nicht die Rede sein. Ich wohne bei einer Pastorenfamilie, die ganz gelassen ist. Die Ukrainerinnen und Ukrainer sind es gewohnt, dass es im Alltag immer wieder zu Artilleriebeschüssen zwischen pro-russischen Separatisten und ukrainischen Soldaten kommt. Nur nehmen diese Beschüsse aktuell stark zu. Hören die Leute, dass irgendwo eine Artillerie eingeschlagen ist, rennen sie instinktiv in den Keller.

Inwiefern haben die Beschüsse zugenommen?
Ich bin mit einem ukrainischen Kaplan unterwegs, der ukrainischen Soldaten geistlich beisteht. Am Montag waren wir in einem Dorf, das fünf Minuten vorher von der Artillerie pro-russischer Separatisten beschossen wurde. Die Kinder in einer Grundschule weinten und waren im Keller. Sie trauten sich nicht mehr raus, weil es kurz vorher geknallt hatte. Auch trafen wir auf zwei ukrainische Soldaten, deren Auto von Schrapnellen getroffen worden war. Die Windschutzscheibe und die Reifen waren komplett zerstört.

Werden die Russen einmarschieren?
Es wird weitere Gefechte zwischen den pro-russischen Separatisten und den ukrainischen Soldaten geben. Irgendwann wird die Situation eskalieren, sodass die Separatisten Russland um Hilfe bitten. Mit der Anerkennung der Unabhängigkeit der beiden Separatistengebiete hat Putin einen Vorwand, um mit seinen grossen Truppen einzumarschieren. Im Osten der Ukraine wird es einen Krieg geben. Mit der Unterzeichnung des Dekrets zur Anerkennung der beiden «Volksrepubliken» sind dafür alle Voraussetzungen gegeben.

Im ersten Moment könnte man die Anerkennung auch als positives Zeichen verstehen.
Ja, für die Separatisten ist die Anerkennung natürlich etwas Positives. Aber für die Ukraine ist diese hochproblematisch. Putin hat immer noch seine Grossmachtsfantasien. Sind die Russen einmal in die Separatistengebiete einmarschiert, werden sie vielleicht weitere Gebiete der Ukraine abspalten wollen. Zudem wird Putin versuchen, einen strategisch wichtigen Landkorridor zur bereits annektierten Insel Krim zu schaffen. Die Krim ist ein strategisch wichtiger Ort. Vor der Küste liegen grosse, noch unerschlossene Öl- und Gasvorkommen. Auch sind die Häfen am Schwarzen Meer für Russland interessant.

Wie werden die Ukrainerinnen und Ukrainer auf einen Einmarsch reagieren?
Für viele Menschen in der Ukraine ist klar, dass sie sich wehren würden, sollten die Separatisten in der Ukraine an Boden gewinnen. Auch der Kaplan sagte, dass er dann zur Waffe greifen müsste. Aber ein Problem mit den Russen an sich haben viele nicht.

Warum nicht?
Die Leute unterscheiden zwischen Putin und den Russen. Mit den Russen verbindet sie sehr viel. Hier im Osten reden alle russisch und nicht ukrainisch. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer haben auch Verwandte in Russland. Putin hingegen ist für sie ein Politiker und ein Feindbild. Für sie ist er krank, aber sehr klug. Ein Teil der Ukrainer und Ukrainerinnen will, dass die Ukraine ein europäisches Land wird. Vor allem die ältere Bevölkerung möchte aber russisch bleiben. Sie lieben die Ukraine, sehen aber nicht ein, warum es eine solch starke Trennung zwischen Russland und der Ukraine braucht.

Hast du Angst vor einem Krieg?
Heute gehe ich noch in die Graue Zone, das Grenzgebiet zwischen den Separatisten und dem ukrainischen Staatsgebiet, um Soldaten zu interviewen. Am Abend kehre ich aber nach Kiew zurück. Mir ist langsam nicht mehr so wohl.

Wie schützt du dich?
Ich trage eine kugelsichere Weste und einen Helm. Bei einem Luftschlag hilft aber weder eine solche Weste noch ein Helm. Darum werde ich auch nicht direkt ins Kriegsgebiet gehen.

*Ann Guenter ist Chefreporterin bei 20 Minuten. 

My 20 Minuten

Deine Meinung

100 Kommentare