SIG-Sekretär zum Raubkunst-Streit - «Erwarten vom Kunsthaus mehr Transparenz und eine schnelle Lösung»

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SIG-Sekretär zum Raubkunst-Streit«Erwarten vom Kunsthaus mehr Transparenz und eine schnelle Lösung»

Die Bührle-Sammlung im Zürcher Kunsthaus ist umstritten. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund fordert eine schnellstmögliche Lösung bezüglich der Transparenz.

von
Lynn Sachs
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Seit der Eröffnung ist eine hitzige Debatte um die Kunstsammlung des Waffenproduzenten Emil G. Bührle entbrannt.

Seit der Eröffnung ist eine hitzige Debatte um die Kunstsammlung des Waffenproduzenten Emil G. Bührle entbrannt.

20min/Taddeo Cerletti
Im Oktober wurde der Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich eröffnet.

Im Oktober wurde der Erweiterungsbau des Kunsthauses Zürich eröffnet.

20min/Taddeo Cerletti
Seine Kunstsammlung steht unter Verdacht, auch Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialismus zu beinhalten.

Seine Kunstsammlung steht unter Verdacht, auch Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialismus zu beinhalten.

20min/Taddeo Cerletti

Die Bührle-Sammlung im Kunsthaus Zürich steht unter Verdacht, unter anderem Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialismus zu beinhalten. Nun hat das Kunsthaus am Mittwoch angekündigt, eine unabhängige Expertengruppe für die Bewertung der bisherigen Herkunftsforschung der Bührle-Stiftung einzusetzen. Zudem werde eine Offenlegung des Leihvertrags zwischen der Kunstgesellschaft und der Bührle-Stiftung geprüft. In einem Interview sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG, was er davon hält.

Herr Kreutner, was sagen Sie zur Ausstellung der Bührle-Sammlung im Kunsthaus?

Wir halten es für richtig und wichtig, dass die Bilder der Bührle-Sammlung im Kunsthaus Zürich für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind. Daran möchten wir auch nichts ändern. Aber wir haben schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Kontextualisierung der Sammlung, also vor allem Bührles Verstrickungen mit Nazideutschland und die Umstände, wie er die Bilder erworben hat, im Kunsthaus Zürich ungenügend dargestellt sind. Die jetzige Form der Ausstellung ist so sicher nicht befriedigend.

Welchen Vorgang würden Sie begrüssen?

Wir würden uns wünschen, dass das Kunsthaus Zürich zusammen mit der Bührle-Stiftung sich von Anfang an proaktiver verhalten hätte und zu Zugeständnissen und Transparenz bereit gewesen wäre. Unsere Forderungen, die wir bereits mehrfach wiederholt haben, betreffen eine Erweiterung und Ergänzung des Dokumentationsraums, die lückenlose Aufklärung der Provenienz aller Bilder der Bührle-Sammlung und eine Anerkennung von «Fluchtgut» als «NS-verfolgungsbedingte entzogenes Kulturgut». Dazu braucht es auch die Bereitschaft, im Dialog weiterzukommen und Versäumnisse einzugestehen.

Der SIG setzt sich schon seit vielen Jahren dafür ein, dass so genanntes «Fluchtgut» gleich behandelt wird wie «Raubkunst» und der Begriff «Fluchtgut» zugunsten von «NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut» aufgegeben wird.

Was halten Sie von einer unabhängigen Expertenkommission und der Offenlegung der Verträge?

Die Einsetzung einer solchen Expertenkommission ist wichtig, da bislang keine unabhängige Untersuchung zum Stand der Provenienzforschung der Bührle-Sammlung stattgefunden hat. Der SIG setzt sich sehr stark für eine nationale unabhängige Expertenkommission ein, so wie es sie auch in vielen anderen europäischen Ländern gibt. Zudem erwarten wir von der Zürcher Kunstgesellschaft und der Bührle-Stiftung, dass sie spätestens im Januar eine Lösung gefunden haben, um rund um den Leihvertrag Transparenz zu schaffen. Das würde das Vertrauen in das Kunsthaus Zürich und die Bührle-Stiftung teilweise wiederherstellen.

Das Berner Kunstmuseum gab mehrere Bilder aus der Gurlitt-Sammlung an Erben zurück. Die Bührle-Stiftung lehnt hingegen Ansprüche auf Rückgabe ab. Sie seien unter anderem verjährt. Was sagen Sie dazu?

Im Gegensatz zur Bührle-Stiftung hat das Kunstmuseum Bern einen offensiv auf Gerechtigkeit basierenden Ansatz gewählt. Das Berner Kunstmuseum hat den Begriff «NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut» zum Massstab für die Rückgabe von Bildern gemacht. Das ist ein überfälliger Paradigmenwechsel in der Schweizer Museumspolitik. Die Vergangenheit der Bilder wird anerkannt und Verantwortung übernommen, indem auch Fluchtgut zur Restituierung freigegeben wird.

Dass unzählige Kunstwerke nicht nur einfach geraubt, sondern Menschen auf der Flucht und in existentieller Not ihre Bilder zu unfairen Preisen haben verkaufen müssen, sind traurige Fakten. Die Absage der Bührle-Stiftung zur Anwendung dieser Bezeichnung und Definition zu diesem Zeitpunkt, mitten in der Debatte, ist deshalb mehr als überraschend und irritierend.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von Antisemitismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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