18.12.2019 08:35

Leben als Sans-Papiers

«Erwischt mich die Polizei, muss ich ins Gefängnis»

Der 19-jährige Äthiopier B. D. lebt sei fünf Jahren ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Der Bund will Sans-Papiers wie ihm nun zu Ausweisen verhelfen.

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Tausende abgewiesene Aslysuchende leben in der Schweiz. Eine Studie der Eidgenössischen Kommission für Migration (EKM) zeigt: Ende 2017 lebten 8500 abgewiesene Asylsuchende von Nothilfe.

Tausende abgewiesene Aslysuchende leben in der Schweiz. Eine Studie der Eidgenössischen Kommission für Migration (EKM) zeigt: Ende 2017 lebten 8500 abgewiesene Asylsuchende von Nothilfe.

Keystone/Salvatore di Nolfi
Um Nothilfe zu beziehen, müssen sie in vorgeschriebenen Unterkünften leben und ihre Anwesenheit mit Unterschrift bestätigen. Trotzdem können sie gebüsst oder inhaftiert werden.

Um Nothilfe zu beziehen, müssen sie in vorgeschriebenen Unterkünften leben und ihre Anwesenheit mit Unterschrift bestätigen. Trotzdem können sie gebüsst oder inhaftiert werden.

Keystone/Walter Bieri
Das will die EKM ändern. Sie schlägt einen neuen Ausweis vor, der «die Illegalität des Aufenthalts aufhebt». Er soll dafür sorgen, dass Betroffene bei «Kontrollen durch Ordnungskräfte nicht wiederholt als illegal Anwesende gebüsst werden».

Das will die EKM ändern. Sie schlägt einen neuen Ausweis vor, der «die Illegalität des Aufenthalts aufhebt». Er soll dafür sorgen, dass Betroffene bei «Kontrollen durch Ordnungskräfte nicht wiederholt als illegal Anwesende gebüsst werden».

Keystone/Georgios Kefalas

B. D.*, woher kommen Sie, und wann sind Sie in die Schweiz eingereist?

Ich bin 19 Jahre alt, komme aus Äthiopien und bin im Juni 2014 in der Schweiz angekommen. Es war nicht mein Zielland, es war eher Schicksal, das mich hierherführte.

Wie sieht Ihr Aufenthaltsstatus aus?

Ich habe keine Aufenthaltsbewilligung. Mein Asylgesuch wurde vor fünf Jahren abgelehnt. Weshalb ich abgewiesen wurde, habe ich damals sprachlich nicht genau verstanden. Die Behörden haben mir nicht geglaubt, was ich gesagt habe.

Wo wohnen Sie jetzt?

Ich wohne seit 2016 in der Notunterkunft Glattbrugg. Ich wurde von Winterthur, wo ich zuerst war, hierhertransferiert. Aber ich hoffe, dass ich bald hier rauskomme. Ich habe ein Härtefallgesuch eingereicht. Um als Härtefall Asyl zu bekommen, muss man mindestens fünf Jahre in der Schweiz sein, Deutsch können, integriert sein und Schweizer kennen. Das erfülle ich alles, deshalb habe ich das Formular im August eingereicht. Nun bin ich am Warten. Ich hoffe, ich erhalte im nächsten Jahr einen positiven Bescheid.

Wie sieht ein typischer Tag von Ihnen aus?

Ich gehe drei Tage in der Woche freiwillig als Kinderbetreuer arbeiten. Zwei Tage bin ich ebenfalls freiwillig in der Schule. Und seit diesem Oktober mache ich Sport in einem Gym.

Wie gefällt es Ihnen in der Schweiz?

Mir gefällt die Pünktlichkeit der Schweizer. Macht man mit jemandem ab, hält man sich an die abgesprochene Zeit. Auch die Sauberkeit hier mag ich, es ist nicht so wie in Afrika. Und natürlich gefällt mir der ÖV in Zürich, der funktioniert wunderbar. Eigentlich gibt es nichts, was mir hier nicht gefällt, abgesehen von ein paar amtlichen Hindernissen.

Was stört Sie?

Die Zeit, die mit Warten verstreicht. Ich bin nun seit fünf Jahren hier, habe seit Monaten den Härtefallantrag eingereicht und die Fristen zur Bearbeitung sind lange. Es wäre schön, wenn das schneller gehen würde und man schneller Bescheid bekäme. Dann wäre man nicht so in der Schwebe.

Ist es für Sie stressig, dass Sie keine Bewilligung haben?

Ja, es ist schwierig ohne Ausweis. Ich kann so vieles nicht machen, wie richtig arbeiten, Geld verdienen und so weiter.

Werden Sie oft kontrolliert von der Polizei?

Nicht sehr oft, aber ab und zu. Erwischt mich die Polizei, dann muss ich jeweils für kurze Zeit ins Gefängnis. Wenn sie mich wieder rauslassen, teilen sie mir immer mit, dass ich das Land verlassen müsste. Aber ich bleibe hier. Angst vor der Polizei habe ich deswegen nicht. Wenn ich sie von weitem sehe, schaue ich, dass ich mich in normalem Tempo wegbewege.

*Name der Redaktion bekannt

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