Aktualisiert 30.10.2012 12:58

Kritik am Finanzsystem«Es braucht Investitionen, nicht Wetten»

Gefährliche Finanzprodukte boomen – und vernichten Tausende Jobs. «Wir leben in einer Casino-Ökonomie», sagt Professor Marc Chesney und fordert ein Umdenken in Lehre und Forschung.

von
Sabina Sturzenegger
Marc Chesney: Die Grossbanken leben ihre Risiken auf dem Rücken der Gesellschaft aus. (Bild: ZVG)

Marc Chesney: Die Grossbanken leben ihre Risiken auf dem Rücken der Gesellschaft aus. (Bild: ZVG)

Herr Chesney, die UBS will ihre Investmentbank radikal verkleinern und Vermögenswerte mit hohem Risiko abbauen. Was sagen Sie dazu?

Marc Chesney: Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber er geht noch lange nicht weit genug. Der massive Abbau zeigt, wie sich die Grossbanken anpassen.

Nämlich?

Chesney: Grossbanken wie die UBS und die CS sind immer noch zu wenig bereit, ihre Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Das Motto des Kapitalismus heisst: Wer Risiken eingeht, muss diese auch tragen. Die Grossbanken wälzen ihre Risiken aber zu oft auf Anleger, Angestellte und Steuerzahler ab.

Hat sich seit dem Ausbruch der Finanzkrise nichts geändert?

Chesney: Zu wenig. Die meisten Grossbanken verkaufen nach wie vor Unmengen undurchsichtiger Konstrukte, sogenannter strukturierter Produkte. Und sie gehen damit nach wie vor ein viel zu hohes Risiko ein.

Immerhin sind die Eigenkapitalvorschriften heute strenger...

Chesney: Ja, aber sie gehen nach wie vor zu wenig weit. Wünschenswert wäre ein Eigenkapital von 30 bis 40 Prozent. Neben dem Trennbankensystem braucht es zudem einen Zertifizierungsprozess, um gefährliche Finanzprodukte zu verbieten.

Diese erleben aber einen Boom. Was sagen Sie dazu?

Chesney: Es erstaunt mich nicht sehr. Damit kann man einfach viel Geld verdienen. Das Problem ist aber: Die Realwirtschaft braucht Investitionen, nicht Wetten. So funktioniert nur eine Casino-Ökonomie, keine reale Ökonomie.

Zurück zur UBS und ihren Abbauplänen: Was passiert mit den Entlassenen?

Chesney: In der Regel sind Investmentbanker junge und intelligente Leute. Sie werden hoffentlich wieder einen Job finden, sofern sie bereit sind, umzudenken.

Was meinen Sie konkret?

Chesney: Es braucht viele gut ausgebildete Leute mit Kenntnissen in Finanzen und Ökonomie. Statt in den Banken könnten sie ihre Ausbildung für die Realwirtschaft sinnvoll einsetzen.

Warum wollen noch immer alle bei den Banken arbeiten?

Chesney: An den Universitäten wird das heutige Finanzsystem viel zu wenig hinterfragt. Nur eine Minderheit der Studierenden und Professoren stellt kritische Fragen.

Das heisst?

Chesney: Die Mehrheit übernimmt einfach die Meinung, dass Grossbanken und Hedgefonds effizientere Märkte fördern und dass die Selbstregulierung funktioniert. Aber das stimmt nicht, das haben wir bei verschiedenen Banken-Rettungen gesehen.

Was fordern Sie?

Chesney: Es braucht eine Erneuerung von Lehre und Forschung, damit wir die Probleme der Finanzwelt in den Griff bekommen. An den Universitäten bilden wir die Elite von morgen aus, tun aber so, als ob es die Finanzkrise nie gegeben hätte.

Marc Chesney ist Professor am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich. Er beschäftigt sich mit der Beziehung zwischen modernem Finanzwesen und Ethik. Chesney ist Vorstandsmitglied von Finance Watch, einer Brüsseler Organisation, die ein Gegengewicht zur Finanzlobby bildet. (egg)

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