Jagd nach Tätern von Paris: «Es drohen Folgeattentate und Geiselnahmen»
Aktualisiert

Jagd nach Tätern von Paris«Es drohen Folgeattentate und Geiselnahmen»

Die Fahndung nach den Attentätern ist für die Einsatzkräfte hochgefährlich. Ein Experte für Polizeitaktik erklärt, wie man in solchen Fällen vorgeht.

von
Marco Lüssi
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Bei der Stürmung eines jüdischen Supermarkts am 9. Januar kam es zu mehreren Explosionen.

Bei der Stürmung eines jüdischen Supermarkts am 9. Januar kam es zu mehreren Explosionen.

AFP/Gabrielle Chatelain
Der Geiselnehmer wurde beim Angriff getötet.

Der Geiselnehmer wurde beim Angriff getötet.

AFP/Gabrielle Chatelain
Menschen bringen sich in Sicherheit, als die Polizei zugreift.

Menschen bringen sich in Sicherheit, als die Polizei zugreift.

Keystone/AP/Michel Euler

Die Schlinge um die Männer, die in Paris zwölf Menschen getötet haben, scheint sich zuzuziehen. Ein deutscher Polizeibeamter und Ausbildner für Polizeitaktik, der anonym bleiben möchte, hat 20 Minuten erklärt, was die Polizei bei der Jagd nach den Tätern beachten muss.

Die Attentäter sind noch auf der Flucht, man scheint aber ungefähr zu wissen, in welcher Gegend sie sich aufhalten könnten. Wie geht die Polizei genau vor?

Im Moment läuft noch die Fahndungsphase, doch die Täter spüren wohl, dass sich das Netz um sie langsam zuzieht. Das setzt sie unter Druck und schafft eine Hochrisikosituation. Diese Männer sind schwerbewaffnet, im Kampf ausgebildet und zu allem entschlossen. Es drohen Folgeattentate und Geiselnahmen. Die Polizei muss damit rechnen, dass die Täter noch einen draufsetzen wollen, indem sie ein weiteres Massaker anrichten. Nicht nur für die Einsatzkräfte herrscht höchste Gefahr, sondern auch für die Zivilbevölkerung.

Wie kann die Polizei dieses Risiko reduzieren?

Man wird versuchen, einen Teil der Fahndung verdeckt durchzuführen. Die Täter sollen möglichst spät merken, dass ihnen die Polizei auf den Fersen ist.

Wie geht es weiter, wenn die Polizei die Täter lokalisiert hat und sie sich beispielsweise in einem Gebäude verschanzen?

Dann wird die Polizei die Umgebung abriegeln und dafür sorgen, dass sie von dort nicht mehr wegkommen. «Die Situation einfrieren», nennt man das in Polizeikreisen.

Und wie geht es dann weiter?

Dann beginnt die Verhandlungsphase. Man wird versuchen, mit den Tätern Kontakt aufzunehmen und sie zu fragen, ob sie eine Möglichkeit sehen, das Ganze unblutig zu beenden.

Auch mit Tätern dieses Kalibers wird verhandelt?

Ja, ganz bestimmt. Dabei geht es für die Polizei vor allem darum, Zeit zu gewinnen. Während die Verhandlungen laufen, arbeiten die Einsatzkräfte verschiedene Zugriffsvarianten aus, und darunter sind natürlich auch «finale Varianten», also solche, die zum Tod der Täter führen. Zudem wird ein Fluchtauto bereitgestellt, für den Fall, dass die Täter ein solches fordern. Dies auch darum, weil die Chancen für einen Zugriff gut sind, wenn sie ins Auto steigen wollen. Je länger die Verhandlungsphase dauert, desto mehr steigen die Erfolgschancen der Polizei.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Attentäter sich auf Verhandlungen einlassen werden, dürfte allerdings gering sein.

Stimmt, das ist sehr unwahrscheinlich. Zudem werden Terroristen in ihren Ausbildungscamps auch im Umgang mit Polizeiverhandlern geschult. Dort lernen sie, dass sie mit der Polizei möglichst nicht in Kontakt treten oder diesen immer wieder abbrechen sollen.

Nehmen wir an, die Polizei entscheidet sich zum Zugriff. Worauf muss sie achten?

Das wird sehr, sehr schwierig. Die Polizisten müssen damit rechnen, dass die Männer Sprengstoff bei sich haben und dass sie das Gebäude, in dem sie sich verschanzen, mit Sprengfallen gesichert haben. Die Gefahr ist gross, dass die Ersten, die das Gebäude stürmen, ums Leben kommen.

Wie gross ist die Chance, dass man die Täter überhaupt lebend fassen kann?

Das gelingt am ehesten, wenn die Polizei das Überraschungsmoment auf ihrer Seite hat – wenn die Täter also nicht wissen, dass sie lokalisiert worden sind, und überrumpelt werden. Sollten sie aber erkennen, dass sie ausweglos umzingelt sind, ist es möglich, dass sie Selbstmord begehen, etwa, indem sie sich in die Luft sprengen. Dies ist bei islamistischen Terroristen ja nichts Aussergewöhnliches.

Wäre es sinnvoll, wenn sich die Polizei militärische Verstärkung holen würde?

In der Schweiz oder Deutschland wäre das kaum denkbar, in Frankreich eher, dort ist man weniger zimperlich. Ich kann mir vorstellen, dass die Armee zum Einsatz kommt. In diesem Fall würde man mit den Mitteln des militärischen Häuserkampfs vorgehen – dann würde nicht mehr verhandelt.

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