Humanitäre Katastrophe: «Es fehlt an vielem ...»
Aktualisiert

Humanitäre Katastrophe«Es fehlt an vielem ...»

Die radioaktive Bedrohung rückt die humanitäre Situation in Japan in den Hintergrund: Ein Mitarbeiter des Japanischen Roten Kreuzes erzählt, wie die Menschen gegen Kälte, Angst, Trauer und Krankheiten kämpfen.

von
Runa Reinecke

Das havarierte Atomkraftwerk in Fukushima versetzt die Menschen in Angst und Schrecken. Dabei gerät eine sich zur selben Zeit im Nordosten Japans abspielende Tragödie in Vergessenheit. Francis Marcus befindet sich derzeit in Tokio, um als Medienverantwortlicher der internationalen Föderation des Roten Kreuzes seine japanische Kollegen zu unterstützen. Mit 20 Minuten Online sprach er über die medizinische und psychologische Versorgung der Menschen im Katastrophengebiet und die damit verbundenen logistischen Herausforderungen.

20 Minuten Online: Herr Marcus, wie erleben Sie die Situation der Menschen in Japan?

Francis Marcus: Wir verfolgen hier gespannt die neusten Entwicklungen über das Fernsehen. Natürlich bin ich wegen der radioaktiven Bedrohung, die von Fukushima ausgeht, sehr besorgt. Genau wie meine japanischen Kollegen konzentriere ich mich aber auf die Hilfe in den von der Naturkatastrophe hart getroffenen Gebiete im Nordosten. Leider rückt die atomare Bedrohung, über die in den Medien bevorzugt berichtet wird, das humanitäre Desaster zunehmend in den Hintergrund.

Gibt es im vom Tsunami betroffenen Nordosten überhaupt noch eine Infrastruktur? Wie gelangt Hilfe dorthin?

Arbeitskollegen berichteten mir, dass einige Strassen befahrbar sind. So können die Hilfsgüter mit Kraftfahrzeugen in diese Regionen gebracht werden.

Wie sieht die Arbeit in diesen Gebieten aus?

Für das Japanische Rote Kreuz sind mehr als 60 medizinisch arbeitende Teams in den zerstörten Gebieten tätig. Sie arbeiten in mobilen, temporär errichteten Versorgungsstationen und Spitälern unserer Organisation. Die Bedingungen für die Menschen in den betroffenen Regionen sind sehr hart. Es fehlt an vielem …

Was wird besonders dringend benötigt?

Benzin, damit die Hilfsgüter mit unseren Fahrzeugen zu den Menschen gebracht werden können. Wegen der Benzinknappheit verzögert sich der Transport von dringend benötigten Lebensmitteln und Arzneien in die betroffenen Regionen. Damit die Menschen versorgt werden können, wird das Japanische Rote Kreuz von Benzinzulieferern bevorzugt behandelt.

Vor wenigen Tagen kam es zu einem Temperatursturz – im Nordosten ist es bitterkalt …

Das erschwert die ohnehin katastrophale Situation für die Menschen zusätzlich. Viele, die in den über 2000 Evakuierungszentren Schutz suchen, frieren.

In diversen Medien wurde berichtete, dass es viele Menschen in den überfüllten Notunterkünften nicht mehr aushalten und draussen leben …

Darüber wissen wir nur wenig. Vermutlich halten sie sich mehrere Stunden ausserhalb der Notunterkünfte auf, um der Enge vorübergehend zu entfliehen.

In den Notunterkünften leben die Menschen dicht gedrängt zusammen. Droht dadurch die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten?

Ärzte aus den Evakuierungszentren erzählten von Menschen, die an Grippe leiden. Auch Durchfallerkrankungen sind ein Problem. Dennoch ist die Situation im Moment nicht alarmierend. Wir müssen uns aber um chronisch Kranke und alte Leute sorgen.

Wie steht es um die psychische Verfassung der Betroffenen?

Viele dieser Menschen erlebten Schreckliches. Sie haben nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihre Familienangehörigen oder Freunde verloren. Sie brauchen jemanden, mit dem sie über ihre Probleme und den Verlust reden können. Aus diesem Grund wird jedes unserer medizinischen Teams von einer psychologischen Fachperson unterstützt. Aus Erfahrung wissen wir, dass Menschen durch Katastrophen schwer traumatisiert werden können. Deshalb ist die psychologische Nothilfe sehr wichtig.

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