Aktualisiert 05.05.2015 17:00

Marine Le Pen«Es gab keine andere Lösung»

Nach der Suspendierung seiner Mitgliedschaft in der rechtsextremen Front National tobt Jean-Marie Le Pen. Er wirft seiner Tochter Treubruch und Verrat vor.

Marine Le Pen hat sich gegen ihren Vater und Parteigründer Jean-Marie Le Pen durchgesetzt.

Marine Le Pen hat sich gegen ihren Vater und Parteigründer Jean-Marie Le Pen durchgesetzt.

Betont kühl gab sich Marine Le Pen am Tag, nachdem sie den Vatermord vollzogen hatte. «Es gab keine andere Lösung», urteilte die Chefin von Frankreichs rechtsextremer Front National (FN) über die gegen Parteigründer Jean-Marie Le Pen verhängten parteiinternen Strafen.

Die 46-Jährige entledigt sich so ohne sichtbare Gewissensqualen des Vaters, der für ihre eigenen Machtambitionen immer mehr zum Problem wurde. Zwar will sich der Familien-Patriarch nicht kampflos zurückziehen – wirklich schaden dürfte er seiner Tochter aber nicht.

Bald kein Ehrenpräsident mehr?

Was das FN-Exekutivbüro am Montagabend entschied, ist eine Zäsur in der mehr als 40-jährigen Geschichte der rechtsextremen Partei. Die Mitgliedschaft des Mannes, der den Front National 1972 gegründet hatte, wurde ausgesetzt; den Titel des FN-Ehrenpräsidenten, den er seit 2011 trägt, dürfte er bald verlieren.

Damit zog die Parteispitze um Marine Le Pen die Konsequenz aus einer Reihe antisemitischer und rassistischer Provokationen des 86-Jährigen. Zuletzt hatte der Parteigründer zum wiederholten Male die Gaskammern der NS-Konzentrationslager als «Detail» der Geschichte des Zweiten Weltkriegs bezeichnet.

Sieg bei Präsidentschaftswahl möglich

Das ist Gift für die Strategie seiner Tochter, die die rechtsextreme Partei mit einem gemässigteren Kurs hoffähig machen will – und die davon träumt, vielleicht schon 2017 in den Elysée-Palast einzuziehen.

Was vielen noch vor nicht allzu langer Zeit ausgeschlossen erschien, ist inzwischen zumindest Meinungsforschern zufolge durchaus denkbar: Laut einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage würde die FN-Chefin bei den Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren in der ersten Runde die meisten Stimmen bekommen.

Und sollte sie in der Stichwahl auf den unbeliebten sozialistischen Amtsinhaber François Hollande treffen, könnte sie sogar knapp gewinnen.

Die Warnungen, dass der Front National an die Macht gelangen könnte, wischt spätestens seit den Europawahlen vor einem Jahr niemand mehr einfach so beiseite. Damals war die FN mit knapp 25 Prozent erstmals stärkste Kraft in Frankreich geworden. Marine Le Pen sieht das als Erfolg ihres Kurses – und reagierte entsprechend heftig, als ihr Vater wieder querschoss.

«Treuebruch» und «Verrat»

Die am Montagabend verhängte Strafe ist für den 86-Jährigen ein nicht hinnehmbarer Affront – auch wenn ihm zumindest theoretisch mit einem Parteiausschluss eine noch härtere Strafe gedroht hatte.

Einen «Treuebruch» und «Verrat» warf er seiner Tochter vor, sprach von einem «Komplott» gegen ihn und bezeichnete das FN-Exekutivbüro als «Hinrichtungskommando». Und er drohte: «Ich denke nicht an die Rente, ich denke an Attacke» – eine klare Kampfansage an seine jüngste Tochter.

Spaltung unwahrscheinlich

Doch kann Le Pen der Parteichefin gefährlich werden? Experten halten das für eher unwahrscheinlich. «Bei den Parteifunktionären werden nur sehr wenige es riskieren, Jean-Marie Le Pen öffentlich zu verteidigen», sagt etwa der Front-National-Spezialist Joël Gombin.

«Die Dynamik ist eindeutig auf der Seite von Marine Le Pen. Und niemand hat ein Interesse daran, sich in einer von vornherein verlorenen Sache zu engagieren.»

Für viele FN-Anhänger ist der Parteigründer, der es bei den Präsidentschaftswahlen 2002 bis in die Stichwahl geschafft hatte, zwar eine Art lebende Legende. Doch Sylvain Crépon von der Universität Paris-Ouest-Nanterre betont: «Zuneigung bedeutet nicht automatisch politische Unterstützung.»

Eine Spaltung, wie sie die Rechtsextremen Ende der 90er Jahre erlebt hatten, erscheint heute höchst unwahrscheinlich.

Dass die kühl agierende Parteichefin mit dem Vorgehen gegen ihren Vater ein kalkulierbares Risiko eingegangen ist, zeigen auch Umfragen: Laut einer am Wochenende veröffentlichten Umfrage wünschen 32 Prozent der Franzosen, dass sie mehr Einfluss in der Politik hat – ein Rekordwert für die Rechtsextreme. Der Wert für ihren Vater liegt inzwischen bei nur noch zwei Prozent. (sda)

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