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Linda de Mols ComebackEs gammelt am deutschen TV

Ist Deutschland das TV-Frischfleisch endgültig ausgegangen? Nach dem «Wetten, dass...?»-Besetzungsdesaster holt Sat.1 für eine neue Show jetzt den wandelnden Hosenanzug aus dem Museum.

von
Catharina Steiner
Linda de Mol in einer Promo für ihre neue Show «The Winner is...». Bild: © SAT.1/Roy Beusker

Linda de Mol in einer Promo für ihre neue Show «The Winner is...». Bild: © SAT.1/Roy Beusker

Flachsblondes Haar, herziger Holland-Akzent und ein mehr oder weniger gut sitzender Hosenanzug. Falls Sie das vermisst haben, retten wir jetzt Ihren Tag: Ja, Linda de Mol ist zurück. Auf Sat.1 wird sie ab April durch die neue Casting-Show «The Winner is...» führen. Im neuen Format sollen Sänger und Gesangsgruppen gegeneinander antreten und um ein Preisgeld von einer Million Euro kämpfen. In der Jury sitzen neben Musiker und Produzent Mousse T. («Horny») laut Pressemitteilung auch «hundert normale Leute». Aha. Titel und Konzept der neuen Sendung klingen mindestens so unoriginell wie die Bestellung de Mols zur Moderatorin.

Fernsehen vor Hartz IV

Zugegeben, 1992, als de Mol mit ihrer «Traumhochzeit» startete, war die unverbraucht-fröhliche Art der Hilversumerin in Millionen von Wohnzimmern willkommen. Es war eine Zeit des kollektiven Optimismus. Deutschland hatte sich eben erst wiedervereinigt, die Wirtschaft boomte, Bill Clinton wurde Präsident und das Wort Hartz IV gab es noch nicht. Da passte eine Show, in der verliebte Paare in harmlosen Wettkämpfen um eine protzige Hochzeit ritterten, perfekt in die Fernseh-Landschaft. Wenn das Siegerpaar allwöchentlich im Rolls Royce gen Standesamt entschwand, sahen 11 Millionen Augenpaare zu. Und alle, aber auch wirklich alle, hatten Linda de Mol lieb. Man musste schon ein Zyniker der übelsten Sorte sein, um nicht gerührt zu sein.

Doch seither sind 20 Jahre ins Land gezogen. Die Welt hat sich verändert, und damit auch das Fernsehen. Messies, Knastbrüder, getauschte Frauen und eklige Dschungel-Prüfungen regieren den Bildschirm. Kaum noch vorstellbar, dass die Zuschauer einst so versessen auf Formate wie «Traumhochzeit» waren. Grossen Anteil daran hatte zweifellos Linda de Mol, die jene Ära der Schwerelosigkeit perfekt verkörperte. Wir schreiben aber das Jahr 2012, und die Besetzung de Mols wirft einige Fragen auf. Mittlerweile 47-jährig, hat sich die Holländerin zumindest optisch kaum verändert. Die Frisur ist die selbe, das Outfit brav wie eh und eh, und das fröhliche «lass es uns anpacken » Lächeln scheint im diskret verjüngten Gesicht zementiert. Zieht das noch beim Publikum? Und wo sind die jungen, unverbrauchten Talente?

Gehen Deutschland die Talente aus?

Gibt es diese schlichtweg nicht, oder fehlt den Senderchefs der Mut, ein Risiko einzugehen? Statt nach neuen Moderatoren zu fahnden, greifen sie lieber auf TV-Veteranen wie de Mol zurück. Wie tief die deutsche Show-Landschaft in der Krise steckt, zeigte sich zuletzt bei der Suche nach einem Nachfolger für Thomas Gottschalk. Monatelang suchte das ZDF nach jemandem, der «Wetten, dass...?» zu neuen Höhenflügen verhelfen könnte. Doch schnell wurde klar, dass der Sender schon froh sein musste, irgendjemanden für den Job zu finden. Ein Moderator nach dem anderen winkte ab - Günther Jauch un Hape Kerkeling waren nur einige, die angefragt wurden. Lieber eine Personalrochade als frisches Blut: Statt eine Lanze für junge Nachwuchsmoderatoren zu brechen, engagierte man den etablierten Markus Lanz. Zu brav, zu langweilig, zu ernst, kritisieren viele. Vielleicht ist ein anachronistisches Format, wie es «Wetten, dass...?» nun mal ist, nur mit einer spiessigen Besetzung zu retten. Die Zukunft wird es zeigen. Doch den Versuch, neue Wege zu gehen, wäre es allemal wert gewesen.

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