Finanzkrise: Es geht auch ohne Amerika
Aktualisiert

FinanzkriseEs geht auch ohne Amerika

Europas Börsen reagieren relativ gelassen auf das Nein zur US-Rettungsaktion. Für den Moment hat die Panik der letzten Tage den Zenit überschritten. Es geht auch ohne USA, sagen die Märkte.

von
Lukas Hässig

Die überraschende Abfuhr für den US-Rettungsplan hat bisher nicht zu einem Erdbeben an Europas Handelsplätzen geführt. Im Gegenteil, bei den zuletzt von Panik getriebenen Investoren scheint sich heute Morgen so etwas wie ein neuer Sinn für Realitäten breit zu machen. Die Kurse der Finanztitel konnten ihr Vortagesniveau einigermassen halten. Das Vertrauen könnte zurückkehren.

UBS-Titel schlagen sich nicht schlecht

UBS lagen am Mittag gut ein Prozent im Minus, CS legten leicht zu. Unter die Räder geraten Privatbankentitel wie Julius Bär, deren Kurse lange stabil geblieben waren, mit minus 5 Prozent.

Auch im Ausland fand kein dramatischer Ausverkauf von Finanztiteln statt. Deutsche Bank verloren gut 2 Prozent, Commerzbank knapp 4 Prozent. Die Verluste der französischen BNP Paribas, der italienischen Unicredit und der englischen Royal Bank of Scotland sowie Barclays betrugen maximal 5 Prozent. In den letzten Wochen waren sich die Anleger weit Schlimmeres gewohnt.

Die Notenbanken machten mit gezielten Liquiditätsspritzen deutlich, dass sie das Bankensystem stützen würden. Derzeit stellt die Schweizerische Nationalbank täglich wiederkehrend 10 Milliarden Dollar zur Verfügung. Der Zins lag heute früh mit 3 Prozent höher als gestern. Das deutet auf starken Geldbedarf der Banken hin.

Erstmals wieder Nüchternheit statt Panik

Das dünne Eis scheint für den Moment zu halten, was nach dem gestrigen Debakel im US-Repräsentantenhaus viele Beobachter überrascht. Der von den Behörden befürchtete Dominoeffekt in der Finanzindustrie, bei dem einer Bank nach der anderen das Geld ausgeht und den Geldfluss zum Stillstand bringen könnte, hat für den Moment an Schrecken verloren. Die Panik gegenüber dem Bankensystem scheint in Europa einer emotionsloseren Sichtweise Platz zu machen.

Sieger und Verlierer schälen sich heraus

Nimmt man die Kurse von heute Vormittag als Massstab, befürchten die Anleger keine kurz bevorstehenden Pleiten grosser Banken in Europas. Hingegen schälen sich Sieger und Verlierer klarer heraus. In der Schweiz glaubt eine Mehrheit der Anleger an eine profitierende CS und eine weiterhin schwächelnde UBS, in England übertrumpft Barclays nach dem Lehman-Brothers-Schnäppchenkauf Konkurrentin Royal Bank of Scotland, die unter der überzahlten Akquisition von ABN Amro leidet. Die Franzosen zählen generell zu den Siegern der Finanzkrise, allen voran BNP Paribas, deren Aktien in den letzten zwölf Monaten nur 16 Prozent verloren haben.

Allmählich trennt sich die Spreu vom Weizen. Die europäische Finanzlandschaft wird umgekrempelt, Sieger und Verlierer kommen zum Vorschein. Generell profitieren jene Finanzinstitute, die unbeschädigt oder nur mit geringen Blessuren durch die Finanzkrise gesteuert sind. Vor schweren Zeiten stehen hingegen stark getroffene Banken wie die Schweizer UBS oder grosse englische und deutsche Hypothekeninstitute. Auch Finanzkonglomerate ohne klare Strategie könnten auf Staatshilfe angewiesen sein, so wie die belgisch-holländische Fortis.

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