Aktualisiert 23.04.2014 14:34

Ex-Ref Urs Meier«Es geht tief, wenn man so attackiert wird»

Schiedsrichter Patrick Graf wurde nach seinem Fehlpfiff im Cupfinal bedroht. Ex-Referee Urs Meier kennt das Gefühl und stärkt seinem Berufskollegen den Rücken.

von
Eva Tedesco

Cupfinal-Schiedsrichter Patrick Graf erhielt nach seinem krassen Fehlentscheid im Spiel zwischen dem FC Basel und dem FCZ Morddrohungen. Er ist nicht der erste Unparteiische, der mit solchen massiven Reaktionen zu kämpfen hat. Urs Meier, ehemaliger Schiri-Chef in der Schweiz und Nummer 1 der Welt, wurde 2004 von britischen Fans bedroht und als Staatsfeind ausgemacht. Meier hatte im EM-Spiel England – Portugal das vermeintliche Siegtor von Sol Campbell zum 2:1 nicht anerkannt. Im Gegensatz zum Fall von Patrick Graf war sein Entscheid korrekt. Dennoch erhielten Meier und seine Familie Morddrohungen am Telefon und per Fax sowie über 16'000 Hass-Mails.

Urs Meier, Sie können aus eigener Erfahrung nachempfinden – was geht in Patrick Graf vor?

Ich stehe mit Patrick in Kontakt. Das Wichtigste ist, dass er ehrlich war und nicht aus Druck des Publikums und der Situation heraus entschieden hat. Das wäre viel schwieriger zu verkraften gewesen. Seine Entscheidung war mutig und unpopulär, weil er überzeugt war, richtig zu handeln. Auch wenn sie im Nachhinein falsch war, so sollte man ihm doch Respekt entgegenbringen.

Graf hat laut Schiri-Chef Carlo Bertolini Morddrohungen erhalten. Wie Sie nach der EM 2004, nur in bescheidenerem Rahmen.

Klar hat eine EM oder WM ganz andere Konsequenzen und Dimensionen, aber ich kann sagen, dass Patrick eine schwierige Zeit durchmacht. Er ist ein sehr ehrlicher und anständiger Typ, und man kann sich vorstellen, wie tief das geht, wenn man so attackiert wird. Es ist nichts Schönes, aber leider kann man nichts dagegen machen. Es wird immer Menschen geben, die ihre Kritik auf diese Art und Weise loswerden wollen. Ich wünschte mir, dass sich diese Leute nur eine Sekunde darüber Gedanken machen würden, wie es ist, wenn sie so einen Entscheid fällen müssten. Es ist bitter, denn es trifft einen Menschen, der nicht aus böser Absicht entscheidet, sondern immer das Richtige tun will.

Der Cupfinal war der Traum von Patrick Graf und hätte der Höhepunkt seiner Laufbahn werden sollen. Macht der eine Fehlpfiff seine bisherige Karriere zunichte?

Das glaube ich nicht. Je höher es geht, desto grösser ist das Risiko. Und so etwas kann halt passieren. Aber klar, es bleibt immer etwas haften. Mit ihm muss man nun viel reden und er muss die Geschichte verarbeiten. Er darf es nicht in sich reinfressen. Das wäre nicht gut.

Patrick Graf hat seinen Fehler eingestanden. Das verdient Respekt, aber Konsequenzen gibt es keine.

Das stimmt so nicht. Zum Beispiel fehlt Viktor Kassai – die aktuelle Nummer 1 der Weltrangliste – an der WM in Brasilien. (Kassai hatte an der EM 2012 beim Spiel Ukraine gegen England ein Tor der Ukrainer nicht anerkannt. Die Ukraine verlor 0:1 und schied aus, Anmerk. d. Red.) Meistens erhalten solche Refs keine grossen Spiele mehr oder sie müssen für zwei oder drei Runden in die Challenge League. Allerdings bin ich der Auffassung, dass ein Schiedsrichter nicht besser wird, wenn er gesperrt wird. Die Konsequenzen bekommen Aussenstehende meist nicht mit. Sie werden intern entschieden und das ist auch richtig so.

Um so krasse Fehler zu reduzieren, könnte sich Carlo Bertolini ein Modell aus der National Football League (NFL), wo TV-Bilder verwendet werden, vorstellen, wie er gegenüber der «Berner Zeitung» sagt. Ist das auch für Sie ein System, das den Refs helfen könnte?

Nein, denn es gibt eine Wahrheit auf dem Platz und die Wahrheit, die TV-Kameras aufzeigen, und das ist für mich nicht die gleiche. Das klingt im ersten Moment komisch, aber ich kann auf TV-Bildern keine Absicht erkennen, die Geschwindigkeit stimmt nicht, und auch die Distanzen sind oft verzerrt. Zudem müsste die Kameraführung von einer neutralen Seite her kommen. Das Risiko, dass sich die Kamera auf einen speziellen Spieler «einschiesst», ist zu gross. Eine Szene via TV-Bilder zu interpretieren ist für mich nicht die Lösung. Im Gegensatz zu der Torlinienkamera. Da stehe ich voll dahinter. Tor oder nicht, dass ist eine Schwarz-Weiss-Entscheidung und da kann die Kamera helfen.

Die Schweizer Unparteiischen stehen derzeit arg in der Kritik. Kein Schweizer Ref an der WM ist zudem ein weiterer Beweis, dass wir seit Ihrem Rücktritt und jenem von Massimo Busacca keine guten Schiris mehr haben. Ist das dem Fehlen von Persönlichkeiten zuzuschreiben oder wird das Ressort Schiedsrichter schlecht geführt?

Es gibt immer wieder solche Phasen, wo die Schiedsrichter untendurch müssen. Massimo und ich haben schon lange Verbesserungsvorschläge abgegeben, denn das Problem liegt darin, dass sich der Fussball immer schneller entwickelt als das Schiedsrichterwesen – zu Ungunsten der Refs.

Sie plädieren für Profischiedsrichter?

Ja, aber nicht nach dem Modell der Engländer, wo der Ref einfach zu hundert Prozent Schiri ist und Lohn erhält. Wir müssen die Ausbildung verbessern, die Infrastruktur anpassen. Wie eine Profimannschaft brauchen Refs einen Trainer, Masseur, einen Vorbereitungsplan, Training und eine gute Ausbildung – wie eine 11. Mannschaft in der Super League. Und dann bin ich überzeugt, dass die Schere zusammengeht.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.