Rockerkrieg: «Es geht um Bordelle und viel Geld»
Aktualisiert

Rockerkrieg«Es geht um Bordelle und viel Geld»

Handgranaten, Schiessereien, Tote: In Deutschland wird der Rockerkrieg immer brutaler. Auch in der Schweiz dürfte sich die Lage zuspitzen, sagt Ermittler Thomas Jungbluth.

von
L. Hanselmann

Herr Jungbluth, in der Schweiz ist offenbar ein Rockerkrieg zwischen Hells Angels und Black Jackets ausgebrochen. Wie kam es dazu?

Thomas Jungbluth: Unsere Erfahrung ist, dass Provokationen praktisch immer zu Gewalt führen. Auch in Nordrhein-Westfalen (NRW) haben wir gewalttätige Auseinandersetzungen gehabt. Ich kann aber keine Ferndiagnose erstellen.

Stehen die Hells Angels unter Druck?

Ja. Seit 2005 hat sich die Zahl der konkurrierenden Gruppen und damit auch der Mitglieder in NRW in etwa verdoppelt. In den letzten Jahren haben vor allem Kämpfe zwischen Hells und Bandidos Schlagzeilen gemacht. Bei diesen sind auch zwei Gangmitglieder erschossen worden. Relativ neu ist die Satudarah, die ursprünglich aus Holland kommt und den Hells Angels in den Medien offensiv den Krieg erklärt hat.

Wie beginnt ein Rockerkrieg?

Bei der Satudarah in NRW war es vermeintlich harmlos: Sie provozierte die Hells Angels mit Beleidigungen im Internet, stellte ihre Präsenz öffentlich mit Gruppenaufmärschen und Rückenaufnähern zur Schau und eröffnete im Umfeld der Angels ein Klubheim. Der nächste Schritt waren Schlägereien, schliesslich kam es zu Schussattacken auf Vereinsheime und auch einmal auf eine Person.

Hells Anges vor Gericht

Um was geht es bei den Kämpfen?

Die meisten Motorradklubs fordern einen Alleinanspruch in einem bestimmten Gebiet oder versuchen, sich gegenseitig diesen Anspruch streitig zu machen. Es geht um Geschäfte, die sie nicht mit anderen teilen wollen.

Welche sind das?

Mitglieder der Hells Angels in NRW sind beispielsweise an Bordellen beteiligt. Andere organisieren die Türsteherszene.

Was ist mit Drogen?

Mehrer Gangmitglieder wurden schon wegen Drogen verurteilt, aber nie eine ganze Gruppierung. Wir können bisher nicht beweisen, dass ganze Outlaw Motorcycle Groups (OMCG) im grossen Stil in den Handel mit Rauschgift involviert sind.

Um wie viel Geld geht es?

Da gibt es keine seriösen Schätzungen. Die Geschäfte müssen allerdings so lukrativ sein, dass es sich lohnt, dafür mit fast allen Mitteln zu kämpfen.

Hat die Gewalt in den letzten Jahren zugenommen?

Ja. Allein dieses Jahr gab es in NRW sechs Schiessereien, an denen Gangmitglieder beteiligt waren. 2012 detonierten Handgranaten vor einem Vereinslokal und einem Wettbüro der Hells Angels in Duisburg. Bei den Satudarah fand man ein Schnellfeuergewehr, zwei gefüllte Magazine, eine MP und eine grössere Menge Munition.

Warum nimmt die Gewalt zu?

Das hat höchst wahrscheinlich mit dem Auftreten von neuen Gruppierungen und dem daraus folgenden Verdrängungskampf zu tun. Grundsätzlich schätzen wir alle OMCGs als aggressiv und gewaltbereit ein.

Spitzt sich die Lage auch in der Schweiz zu?

Dass hoffe ich nicht. Dass die Hells Angels auch in der Schweiz stärker unter Druck geraten, ist aber gut möglich.

Was kann die Polizei dagegen tun?

Wir in NRW fahren ein sehr offensives Konzept: Wir kontrollieren die Gruppierungen intensiv und begleiten ihre Veranstaltungen.

Der Rocker-Krieg war auch Thema in Spiegel-TV:

Quelle: Youtube/RockerDoku

Eine längere Doku der ARD über die Hells Angels und die Bandidos in Deutschland finden Sie hier:

Quelle: Youtube/Trancealien2

Thomas Jungbluth ist Leitender Kriminaldirektor beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen. Er befasst sich seit 2007 intensiv mit der Entwicklung der organisierten Kriminalität, namentlich der Rockerbanden.

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