Verbotene Videos auf dem Pausenplatz: «Es geht ums Schockieren, nicht ums Geilmachen»
Aktualisiert

Verbotene Videos auf dem Pausenplatz«Es geht ums Schockieren, nicht ums Geilmachen»

Die Zahl der wegen Pornografie verurteilten Minderjährigen steigt stark an. Auch die Polizei wird immer aufmerksamer.

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ehs/bus/wsa
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Im Jahr 2017 wurden 363 Minderjährige wegen Pornografie beschuldigt oder verurteilt – eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr.

Im Jahr 2017 wurden 363 Minderjährige wegen Pornografie beschuldigt oder verurteilt – eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr.

Pro Juventute
Die Steigerung hat auch damit zu tun, dass die Polizeien ihre Untersuchungen verstärkt haben. Eine Umfrage von 20 Minuten zeigt, dass das Phänomen fast schon zum Alltag vieler Jugendlicher gehört.

Die Steigerung hat auch damit zu tun, dass die Polizeien ihre Untersuchungen verstärkt haben. Eine Umfrage von 20 Minuten zeigt, dass das Phänomen fast schon zum Alltag vieler Jugendlicher gehört.

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«Wir sind die erste Generation, die zu jeder Tageszeit ansehen kann, wie Menschen miteinander Sex haben», sagt ein Leser. Verschickt würden auch extreme Videos mit Gewalt oder Sex mit Tieren.

«Wir sind die erste Generation, die zu jeder Tageszeit ansehen kann, wie Menschen miteinander Sex haben», sagt ein Leser. Verschickt würden auch extreme Videos mit Gewalt oder Sex mit Tieren.

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Ein Pornofilm im Klassenchat, ein Nacktselfie auf Facebook, ein Tiersex-Video auf dem Pausenhof: Immer mehr Minderjährige müssen sich wegen Pornografie vor dem Richter verantworten. Im letzten Jahr stieg die Zahl der straffälligen und beschuldigten Minderjährigen in diesem Bereich auf 363 – 27 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor. Dies zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik des Bundesamts für Statistik.

Ein besonders deutliches Plus verzeichneten die Behörden bei der Altersgruppe der 11- bis 14-Jährigen, in der sich 199 Personen verantworten mussten. Das Phänomen ist weit verbreitet, wie eine Umfrage von 20 Minuten zeigt. Leser R. S.* sagt, er habe schon selbst solche Videos verschickt. «Wir sind die erste Generation, die sich zu jeder Tageszeit ansehen kann, wie Menschen miteinander Sex haben», sagt er.

«Das ganze Dorf hat es gesehen»

Nicolas (17) sagt, er habe im Chat seiner Fussballmannschaft schon pornografische Fotos gesehen und gleich in den Klassenchat gestellt. «Einmal ging ein Bild von einem Mädchen aus meinem Wohnort herum. Ich glaube, das ganze Dorf hat das gesehen.»

Bryan (14) sagt, er sei schon von Älteren in Whatsapp-Chats eingeladen worden. «Da wurden grausige Sachen herumgeschickt.» Die 15-jährige Franziska sagt, auf dem Pausenplatz an ihrer Sekundarschule seien schon pornografische Videos herumgezeigt worden.

Polizei ist aufmerksamer

Selbst extreme Inhalte finden den Weg auf die Handys. Es seien auch Aufnahmen mit Tieren oder Fäkalien auf seinem Handy gelandet, sagt R. S.: «Wer Aufmerksamkeit will, braucht das Abartige.» Leser E. I.* sagt, häufig würden extreme Pornos geteilt. «Es geht eher darum, zu schockieren, anstatt geil zu machen.» Der Zürcher Luca (15) sagt, er habe schon mehrere pornografische Videos erhalten, leite sie aber nicht weiter: «Damit macht man sich strafbar.»

Auch die Behörden sind aktiver als früher, wenn es um die Bekämpfung von Pornografie bei Minderjährigen geht. Der starke Anstieg der Verurteilungen ist auch das Resultat der Sensibilisierung und von polizeilichen Ermittlungen. Bei der Kantonspolizei Zürich besucht der Dienst Jugendintervention immer häufiger Schulen. «Wir sind aufmerksamer geworden», sagt Sprecher Marc Besson.

«Videos sind recht gravierend»

Auch Lehrer und Schulsozialarbeiter seien «sehr sensibel» geworden. Sie melden sich etwa, wenn sie einen Verdacht oder Hinweise haben, eine Schülerin leide unter Nacktfotos, die von ihr geteilt werden, oder wenn sie den Verdacht haben, dass Schüler Pornografie verschicken. Recherchieren die Polizisten erst einmal, könne sich der Kreis der Verdächtigen rasch ausweiten, sagt Besson.

Die Polizei finde alle möglichen Inhalte. Einerseits seien das etwa Nacktfotos, die gegen den Willen der Ersteller verschickt würden. Andererseits seien es pornografische Videos. Wer solche Aufnahmen an unter 16-Jährige schickt, macht sich strafbar. Wer Videos verschickt oder herstellt, die sexuelle Handlungen mit Minderjährigen zum Inhalt haben, riskiert eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Das gilt auch für Jugendliche, die Aufnahmen von sich selbst anfertigen.

Jeder sechste Bub verschickt Fotos

Daneben finden die Polizisten aber auch immer häufiger pornografische Aufnahmen, die Gewalt oder Tiere beinhalten. «Es sind teilweise recht gravierende Filme, die von Jugendlichen herumgeschickt werden», sagt Besson. «Das inhaltliche Spektrum ist sehr breit.»

Immer häufiger stossen die Polizisten auch auf Erpressungsversuche. Nächste Woche steht etwa in Rorschach ein 24-Jähriger vor Gericht, der vor einem Jahr einer damals 14-Jährigen mit der Veröffentlichung von Nacktaufnahmen gedroht haben soll, sollte sie ihn nicht oral befriedigen. Letztes Jahr startete der Bund eine Kampagne gegen die sogenannte «Sextortion», ein Kunstwort aus «Sex» und «Extortion». «Speichern Sie die Textnachrichten und Screenshots. Erstatten Sie Anzeige», rät das Bundesamt für Polizei. Ganz wichtig: «Zahlen Sie kein Geld!»

Gegen den Trend, Nacktfotos zu verschicken, sind aber auch die Behörden machtlos. Eine Studie in Basel, über die die «Schweiz am Wochenende» berichtete, zeigt etwa, dass rund 15 Prozent der Buben schon erotische Bilder von sich verschickt hatten.

*Name der Redaktion bekannt

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