Aktualisiert 15.04.2020 21:27

Corona-Falle Altersheim«Es gibt Abteilungen mit 75 Prozent Infizierten»

Seit einem Monat sind Altersheime von der Aussenwelt abgeschnitten. Das Virus schaffte es trotzdem hinein. Mit drastischen Folgen.

von
S. Guanziroli und Z. Schaad

Anfang April berichtete 20 Minuten über die Absperrungen zum Altersheim Brühlgut in Winterthur. Trotz dieser Massnahmen schaffte es das Virus jetzt in die Einrichtung. (Video: M. Gerber/20 Minuten)

Gleich in mehreren Einrichtungen spitzt sich die Lage derzeit zu. So wütet das Virus seit Anfang April im Pflegeheim Bühli in Ennenda im Kanton Glarus, im Stadtzürcher Zentrum Gehrenholz und im Alterszentrum Frohsinn in Oberarth im Kanton Schwyz. Das sind aber längst nicht alle betroffenen Einrichtungen in der Deutschschweiz.

Wie 20 Minuten weiss, ist die Krankheit mittlerweile auch im Alterszentrum Brühlgut in Winterthur ausgebrochen. «Aktuell haben wir auf zwei Etagen insgesamt sechs Bewohnende mit einer bestätigten Covid-19-Infektion», sagt Markus Wittwer, Geschäftsführer der städtischen Abteilung Alter und Pflege.

Tatsächlich hatte das Virus hier bereits tödliche Folgen. «Ein Bewohner ist am letzten Montag an der Covid-19-Infektion verstorben», bestätigt Wittwer. Mit einem Schreiben wurden die Angehörigen am Samstag informiert. Seither ist die Unsicherheit bei den Bewohnern gross. «Ich darf mein Zimmer nur noch in Begleitung eines Pflegers verlassen. Dreimal täglich wird bei mir Fieber gemessen», beschreibt ein 90-jähriger Bewohner seine Lage. «Ich fühle mich ausgeliefert. Mir bleibt nichts anderes übrig, als abzuwarten.»

Mitarbeiter kommen mit Symptomen zur Arbeit

Dass dabei auch das Personal teilweise überfordert ist, zeigen die Schilderungen der Pflegerin Patricia*. Sie arbeitet in einem anderen Alters- und Pflegezentrum im Kanton Zürich. Weil sie um ihren Job fürchtet, will sie anonym bleiben. Mit ihren Aussagen möchte sie aber trotzdem aufrütteln, sie beschreibt die Lage als dramatisch. «In einzelnen Abteilungen sind 75 Prozent der Bewohner infiziert», berichtet sie. «Kommt dazu, dass es an einem Krisenkonzept fehlt. So haben wir eine mangelnde Hygieneschulung, zum Teil kein Oberflächendesinfektionsmittel, und Mitarbeitende kommen mit Symptomen zur Arbeit.»

Wie fatal die Folgen sind, wenn das Virus erst im Heim ist, zeigen auch die Fallzahlen aus dem stark betroffenen Kanton Tessin. Bereits Anfang April an einer Pressekonferenz gab Kantonsarzt Giorgio Merlani zu, dass praktisch jedes dritte Corona-Opfer im Altersheim gelebt hatte.

Deshalb nimmt auch die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich die Schilderungen der Pflegerin ernst. Auf Anfrage heisst es dort: «Wir bedauern, dies zu hören, zumal wir feststellen, dass die Alters- und Pflegeheime die Anordnungen und Empfehlungen des Bundes und der Gesundheitsdirektion generell sehr gewissenhaft umsetzen», sagt Sprecher Patrick Borer. «Wir bitten die Person, sich bei uns zu melden, damit wir den Vorwürfen nachgehen können.»

Soldaten unterstützen betroffenes Heim

In Winterthur im Alterszentrum Brühlgut will man von den Zuständen, wie sie die Pflegerin beschreibt, nichts wissen - im Gegenteil. «Oberstes Ziel ist es, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Dies ist nur mit einschneidenden Schutzmassnahmen und konsequenter Einhaltung der Hygienemassnahmen möglich», sagt Wittwer.

Und die würden im Zentrum konsequent umgesetzt. So müssen Bewohner auf ihren Etagen bleiben und in ihren Zimmern essen. Sie dürfen diese auch nur in Begleitung von geschultem Personal verlassen. «Dafür haben wir zehn Sanitätssoldaten zur Unterstützung erhalten», so Wittwer weiter. Die Einhaltung der Hygienemassnahmen würden zudem durch das Pflegekader und den Heimarzt überprüft.

Auf Abteilungen, die stärker betroffen sind, wurden alle Mitarbeiter und Bewohner einem Test unterzogen. «Die Resultate sind noch ausstehend.»

Wegen der hohen Ansteckungsgefahr und den möglichen schweren Folgen für die Bewohner sowie der langen Inkubationszeit bleiben die einschneidenden Massnahmen in Winterthur für die nächsten 14 Tage bestehen. Wittwer: «Wir brauchen die Sicherheit, dass alle infizierten Personen identifiziert werden können.»

* Name von der Redaktion geändert.

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