Jeans for Jesus: «Es gibt keine Coolness mehr»
Publiziert

Jeans for Jesus«Es gibt keine Coolness mehr»

Das neue Album der Berner Mundart-Popband Jeans for Jesus erscheint mit einem passenden Parfum. Mit 20 Minuten sprechen sie über Düfte, Ironie und den Tod der Coolness.

von
Neil Werndli
1 / 12
Die Berner Mundart-Band Jeans for Jesus hat ihr neues Album «P R O» veröffentlicht. 20 Minuten präsentiert die stärksten Zeilen der insgesamt 18 Songs.

Die Berner Mundart-Band Jeans for Jesus hat ihr neues Album «P R O» veröffentlicht. 20 Minuten präsentiert die stärksten Zeilen der insgesamt 18 Songs.

Walter Pfeiffer
«Mä stirbt als Idiot und wachst uf als Genie.» (Aus «Dr Letscht Popsong (Gäubi Taxis Im Sand)»)

«Mä stirbt als Idiot und wachst uf als Genie.» (Aus «Dr Letscht Popsong (Gäubi Taxis Im Sand)»)

Michael Schaer
«Es Lebe näbe oder vor dem hie – schiess es weg willd ja eh chasch es nöis bstellä.» (Aus «Jedi Berüehrig»)

«Es Lebe näbe oder vor dem hie – schiess es weg willd ja eh chasch es nöis bstellä.» (Aus «Jedi Berüehrig»)

Instagram / Jeans4Jesus

Mit ihrem Debütalbum und Songs wie «Estavayeah» hat die Berner Band Jeans for Jesus den Mundart-Pop aufs 21. Jahrhundert getrimmt. Nun ist der Zweitling «P R O» erschienen – als Album sowie als Parfum.

20 Minuten hat den (nach dem ersten Spesenessen seines Lebens leicht beschwipsten) Jeans-for-Jesus-Sänger Michael Egger zum Interview getroffen und ist mit ihm von der Parfum-Debatte über klischeehafte Popsongs bis zum Neoliberalismus abgeschweift.

Euer Parfum «P R O» soll unisex sein – ich finde, es riecht männlich.

Andere sagen das Gegenteil. Und die meisten Frauen, die wir kennen, mögen es. Aber das ist doch genau das Spannende an einem Unisex-Duft: Plötzlich fragen wir uns, wer wieso eher nach Blumen riechen will oder eben nicht?

Und ihr startet jetzt einen Parfum-Vertrieb?

Natürlich, das Jeans-for-Jesus-KMU. Nein, im Ernst: Wir verkaufen es einfach über unsere Website und bei der Deluxe Edition des Albums ist ein Fläschchen dabei. Unser Freund Niklaus Mettler hat den Duft kreiert. Als wir ihm sagten, wir bräuchten fünf Liter, hat er es nicht mehr gesehen.

Jeans For Jesus – «PRO»-Werbespot

«PRO», das neue Album der Berner Mundart-Pop-Band Jeans For Jesus erscheint mit einem passenden Duft. 20 Minuten zeigt den Werbespot für das Parfüm.

Zum Jeans-for-Jesus-Parfum gibt es einen eigenen Werbespot.

Ihr habt viele Fans erschrocken mit «Dr Letscht Popsong», der nach all den cheesy Hits von Major Lazer, Calvin Harris und Co. klingt.

Teil des Problems ist wahrscheinlich, dass wir jetzt bei Universal sind – deshalb hat der Joke vielleicht viele überfordert.

Es ist auch etwas widersprüchlich: Das Parfum soll den neoliberalen Ansatz des Musikmachens kritisieren, gleichzeitig unterschreibt ihr aber bei Universal, dem grössten Label.

Ja, aber das Parfum riecht auch gut. Es ist mehr als eine Kritik. Der Duft bildet das Album ab. Aber klar, das ist ein Dilemma, das wir auch lange diskutiert haben. Das Problem mit Grosskonzernen stellt sich ja schon früher, etwa bei der Frage, ob du auf Spotify, Apple und in die kommerziellen Läden gehen willst.

Für die Single «Dr Letscht Popsong» wurden Jeans for Jesus «von befreundeten Musiker zusammengeschissen».

Ihr sprecht von Post-Ironie. Was versteht ihr darunter?

Seit der Trump-Wahl ist das ein stehender Begriff. Die kritische Linke wie auch viele Liberale flüchten sich spätestens seit den Neunzigerjahren in die Ironie. Wir dachten uns irgendwann während der Albumproduktion: Die Zeit der Ironie ist vorbei – es braucht eine positive, ernst gemeinte Message. Damals war Trump ein Witz, der Brexit weit weg. Jetzt sind sie Tatsache.

Wo stellt ihr das denn im Alltag fest?

Das ist uns zum Beispiel bei Moneyboy aufgefallen: Da gab es ständig Debatten, was bei Konzeptkünstlern wie ihm ernst gemeint ist. Wir haben sein Ding anfänglich klar als Ironie wahrgenommmen, aber ab einem gewissen Punkt hat man gemerkt: Falls das irgendwann mal ironisch gemeint war, lebt er heute wirklich seine Rolle.

In die gleiche Kerbe schlägt der Begriff «Post-Cool». Was ist heutzutage noch cool?

Genau das ist der Punkt: Es gibt keine Coolness mehr. Ironische Distanz oder die Coolness, sich um nichts zu kümmern, ist immer irgendwie ein Selbstschutz. Aber sie macht unverbunden und zynisch. Wir wollen uns kümmern und Ja sagen zu Sachen, die uns wichtig sind. Auch wenn das vielleicht gerade nur Dinge wie Freundschaft, Bildung, Toleranz, ein Grundeinkommen oder vielleicht eine postkapitalistische Gesellschaft sind.

Die zweite Single «Wosch no chli blibä» handelt nicht etwa von einem Date, sondern von der Flüchtlingskrise.

Heute Abend treten Jeans for Jesus im Kiff, Aarau auf.

Deine Meinung