Analyst Ian Bremmer : «Es gibt keinen Weltpolizisten mehr»
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Analyst Ian Bremmer «Es gibt keinen Weltpolizisten mehr»

Politologe Ian Bremmer untersucht die tiefen Ursachen von Krisen. In Teil 1 des Interviews spricht er über die Rolle der USA, Russland und den Nahen Osten.

von
Martin Suter
New York

Herr Bremmer, überall auf der Welt scheint es Krisen und Kriege zu geben. Täuscht der Eindruck, oder ist das die heutige Wirklichkeit?

Es ist sicher die Wirklichkeit. Wir leben nicht in einer G7-Welt, auch nicht in einer G20-Welt, sondern in einer G-null-Welt. Die Vereinigten Staaten sind immer noch die einzige Supermacht, aber sie sind nicht mehr die Weltpolizisten – und niemand sonst ist es. Wir erleben eine kreative Zerstörung der geopolitischen Umwelt.

Was heisst das?

Es herrscht ein Führungsvakuum. Deshalb gibt es gescheiterte Staaten überall, deshalb ist der Islamische Staat (IS) entstanden, die mächtigste Terrororganisation, die es je gab. Deshalb kam es zur Invasion der Ukraine ohne Gegenreaktion. Und deshalb gibt es mehr Flüchtlinge als je seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der Nahe Osten funktioniert nicht mehr – warum?

Ein Faktor ist, dass wegen der Energierevolution die Ölpreise in den Keller gesaust sind. Zudem haben die Länder im Nahen Osten grosse, an der Macht unbeteiligte Bevölkerungen, die über ihre Handys erfahren, was auf der Welt vorgeht und Demonstrationen organisieren. Eine Kombination dieser beiden Faktoren plus das Fehlen von Sicherheitsmechanismen und gut geführten Regierungen führen zu Instabilität. Das bedeutet Krieg und gescheiterte Staaten, Terrorismus und Flüchtlinge.

Hat Sie der militärische Eintritt Russlands in den syrischen Bürgerkrieg überrascht?

Mich überraschte, dass es so lange dauerte. Es herrschte nämlich ein vollständiges Machtvakuum. Die Amerikaner sagten, der syrische Präsident Bashar al-Assad müsse gehen. Doch das ist ein Bestreben, keine Politik. Die US-Politik war: Wir schliessen in erster Linie einen Nukleardeal mit dem Iran ab und bekämpfen in zweiter Linie den IS. Wenn das die beiden obersten Prioritäten sind, ist garantiert, dass Assad nirgendwohin geht. Indem die USA Russland für die Ukraine bestraften und in Syrien ein Machtvakuum zuliessen, schufen sie einen Raum für russisches Handeln.

Was wird in Syrien jetzt geschehen?

Putins Strategie ist es, Assad zu stützen. Je stabiler dessen Regime wird, desto eher kann Russland den Europäern sagen, Sicherheit und Stabilität in Syrien könnten einzig von Russland gewährleistet werden. Das gibt den Russen einen Hebel in die Hand, um einen Keil zwischen die USA und Europa zu treiben und schliesslich europäische Sanktionen loszuwerden. Dies wird dann der Fall sein, wenn die Ukraine stabil erscheint.

Wie gefährlich ist diese Strategie?

Sie ist nicht ohne Risiken. Assad ist ein sehr böser Kerl. Sein Regime hat eigene interne Probleme, und Russland trägt jetzt eine grosse Zielscheibe für Terroranschläge auf der Brust. Der Islamische Staat wird dank den Russen mehr Kämpfer rekrutieren können. Doch das hat Putin durchdacht. Sein Schritt war nicht dumm und auch nicht taktisch. Er macht eine strategische Anstrengung.

Will Putin seine Ziele bis Ende nächsten Jahres erreichen, damit ein nächster US-Präsident daran nicht mehr rütteln kann?Jeder US-Präsident muss mit dem Vermächtnis seines Vorgängers leben. Als Obama antrat, musste er mit dem Vermächtnis von unglaublich schmerzlichen, teuren und erfolglosen Kriegen in Irak und Afghanistan fertigwerden. Er beendete den Krieg im Irak, doch dann fiel der Irak auseinander. Er wollte den Krieg in Afghanistan beenden, ist damit aber gescheitert. Obamas Entscheidungen werden in jedem Fall viele Jahre lang auf der aussenpolitischen Tagesordnung stehen – wer auch immer 2016 Präsident wird. Wenn ich mit republikanischen Präsidentschaftskandidaten rede, geben sie sich sehr kritisch gegenüber Obamas Syrienpolitik. Aber wenn ich sie frage, was sie anders machen würden, ist der Unterschied nicht dramatisch.

Welche Lösungen gibt es?

Gute, einfache, saubere Antworten gibt es nicht. Die Instabilität des Nahen Ostens ist überdeterminiert. Das heisst: Es gibt zu viele Gründe dafür.

Was sind die wichtigsten?

Der unmittelbare Grund, glaube ich, war Europa. Die Finanzkrise Europas führte zum arabischen Frühling. Die Geldüberweisungen der Ägypter und Tunesier stammten aus Europa. Der Handel, der Tourismus, die Entwicklungshilfe - alle fanden mit Europa statt. Als Europa eine tiefe Wirtschaftskrise durchmachte, waren seine Länder wohlhabend genug, um nicht zu implodieren. Doch ärmere Länder wie Tunesien, die von den Europäern abhängen, hatten plötzlich niedriges Wachstum. Bei den massiv wachsenden Bevölkerungen war dies der Funke, der zur Explosion führte.

Die Europäer sind schuld?

Ich wettere nicht: Ihr Europäer! Denn die Länder des Nahen Ostens funktionieren aus vielen Gründen nicht. Der nächste US-Präsident wird sich nicht nur mit Obamas Syrienpolitik befassen müssen, auch mit Kolonialismus und mit Grenzen, die keinen Sinn mehr machen. Obama hat grosse Fehler begangen. Doch im Nahen Osten gibt es Dinge, die wichtiger sind als er. Allzu oft will man den USA für Dinge die Schuld geben, auf die sie relativ wenig Einfluss haben.

Letztes Jahr haben sie noch daran gezweifelt, dass ein Nuklearabkommen mit dem Iran möglich sei. Nun ist es zustande gekommen. Wie wird es sich auswirken?

In zehn Jahren wird der Iran eines der wenigen nahöstlichen Länder sein, denen es besser geht als heute. Er hat eine diversifizierte Wirtschaft, eine recht gebildete Bevölkerung und einen grossen Markt. Seine grosse Diaspora möchte zum Teil nach Hause zurückkehren und das Land globalisieren. Das wird aber Zeit brauchen, wegen der Natur des Regimes und der Natur der Beziehungen mit den USA.

Wird der Iran friedlicher oder kriegerischer?

Sicher macht der Deal den Iran stärker, viel stärker. Er erlaubt dem Land, eine Koalition mit Assad, Russland, Hisbollah und der irakischen Regierung einzugehen. Potenziell könnte er die Saudis unterminieren. Er wird die bereits geschwächte Opec [Organisation der erdölexportierenden Staaten] zerstören. Der Deal gibt einen Anfangsimpuls, so dass der Ball zu rollen beginnt. Aber der Deal schiesst selbst kein Tor. Dazu braucht es zuerst viele Veränderungen in der iranischen Gesellschaft.

Im zweiten Teil des Interviews mit Ian Bremmer geht es um globale Krisen, den Wandel der Welt und den Einfluss der Technologie.

Ian Bremmer, 45, ist einer der führenden Kenner der Weltpolitik. Der promovierte Politologe gründete 1998 in New York die Eurasia Group, die Institutionen und Unternehmen aus aller Welt über globale Risiken berät. Daneben lehrt Bremmer an der New York University und schreibt regelmässig analytische Kommentare, unter anderem für das «Time»-Magazin und die «Financial Times».

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