Sorgentelefon 143: «Es gibt Leute, die rufen zehn Mal am Tag an»
Aktualisiert

Sorgentelefon 143«Es gibt Leute, die rufen zehn Mal am Tag an»

Einsamkeit und Beziehungsstress: Das Sorgentelefon zählte 2013 rund 5000 Gespräche mehr als im Vorjahr. Der Chef erklärt, wie der Verein dank Facebook Selbstmorde verhindern will.

von
daw
Franco Baumgartner ist der Chef des Sorgentelefons.

Franco Baumgartner ist der Chef des Sorgentelefons.

Herr Baumgartner, letztes Jahr wurde das Sorgentelefon 220'000 Mal angerufen – das sind sechs Prozent mehr Anrufe als im letzten Jahr. Können Sie so viele Menschen in Not noch gut beraten?

Die Zunahme führen wir darauf zurück, dass wir unser Angebot mit verschiedenen Aktionen bekannter gemacht haben. Unsere gut 620 freiwilligen Mitarbeiter mussten Ratsuchende vermehrt auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten – abgewiesen haben wir aber niemanden. Zudem gibt es Extremfälle von einsamen Menschen, die täglich bis zu zehn Mal mit uns sprechen wollen. Da sagen wir dann: Einmal am Tag sind Sie willkommen, aber es gibt auch noch andere Menschen in Not.

Sie beraten selber unter der Nummer 143. Was sind das für Leute, die so oft anrufen?

Das kann eine Frau sein, die sich psychisch in einer Ausnahmesituation befindet und völlig isoliert ist. Im Gespräch merkt man, dass sich die Frau kaum mehr organisieren kann, dass sie seit Tagen nicht mehr richtig gegessen hat und mit der Nachbarschaft verkracht ist. Wir sind dann die einzige Möglichkeit, um überhaupt noch mit der Aussenwelt Kontakt zu haben. Da frage ich mich manchmal schon: Wie ist so etwas Dramatisches nur möglich?

Ist Einsamkeit auch bei Jungen ein Thema?

Wenn junge Leute anrufen, dann äussern sie meist einen grossen Wunsch nach einem Partner oder einer Partnerin. Sie sind aus verschiedenen Gründen nicht mehr attraktiv auf dem Partnermarkt – etwa weil sie in der Gesellschaft zwischen Tisch und Bank gefallen sind. Oder es sind ganz alltägliche Beziehungsprobleme: Ein junger Mann ist tieftraurig, weil er vor drei Monaten von seiner Freundin verlassen wurde und viel stärker darunter leidet, als er erwartet hätte. In einem solchen Fall versucht man in einer Beratung, herauszufinden, ob es Menschen im Umfeld gibt, die ihnen in der schwierigen Situation beistehen können. Und wir raten, wieder unter die Leute zu gehen.

Neben dem Thema Einsamkeit suchten viele Leute wegen Gewalt Hilfe. Worum geht es da?

Oft geht es um häusliche Gewalt. Eine Frau ruft an, weil sie nach einem Streit Angst vor der Heimkehr ihres Mannes hat, der sie schlägt. Die Gewalt in Beziehungen wird manchmal auch einfach beiläufig im Gespräch erwähnt. Dann geht es darum, dieser Frau klarzumachen, dass das nicht rechtens ist – denn oft fehlt dieses Bewusstsein. Zudem verweisen wir auf Beratungsstellen oder Frauenhäuser.

Gab es im letzten Jahr einen Fall, der Sie persönlich stark mitgenommen hat?

Aus der Bahn geworfen hat mich kein Fall, sonst könnte ich den Job nicht machen. Belastend sind Fälle, in denen Leute mit einem Suizid liebäugeln. Da fragt man sich, ob es wohl gelungen ist, den Menschen zu stabilisieren und ob er sich wieder meldet.

Müssen Sie hier manchmal direkt handeln?

Bei uns ist jede Beratung anonym. In äusserst seltenen Fällen kommt es vor, dass eine Person ihren Standort verraten will und wir beispielsweise die Polizei einschalten.

Im Bereich der Suizidgefahr arbeiten Sie mit Facebook zusammen. Wie funktioniert das?

Wenn jemand auf Facebook Dinge verbreitet, die darauf schliessen lassen, dass sich die Person etwas antun möchte, können das andere User anzeigen. Problematische Beiträge waren etwa: «Ich denke öfter an den Tod als an das Leben» oder «ich möchte mich umbringen». Die suizidgefährdete Person bekommt dann eine E-Mail mit der Einladung, sich mit uns in Verbindung zu setzten – im letzten Jahr war das 27 Mal der Fall. Die Zusammenarbeit hat für beide Partner Vorteile: Facebook will aus Image-Gründen keine solchen Beiträge auf seinem Netzwerk, und wir erreichen die Leute dort, wo sie sich aufhalten.

*Franco Baumgartner ist Geschäftsführer der Dargebotenen Hand. Die Zahl der Anrufe auf das grösste Schweizer Sorgentelefon 143 hat 2013 um sechs Prozent auf über 220'000 zugenommen. Die Zahl der Gespräche stieg um vier Prozent auf 156'654, wie der Verein heute mitteilte. 46'430 Telefongespräche oder gegen ein Drittel sind laut der Mitteilung mit Männern geführt worden, 110'000 mit Frauen. Mit je einem Fünftel dominierten «Beziehungsthemen», Gespräche zur «Alltagsbewältigung» und «psychische Leiden». Grössere Anteile hatten auch Themen wie «Einsamkeit», «materielle Existenz», «körperliche Leiden» oder «physische und psychische Gewalt».

*Franco Baumgartner ist Geschäftsführer der Dargebotenen Hand. Die Zahl der Anrufe auf das grösste Schweizer Sorgentelefon 143 hat 2013 um sechs Prozent auf über 220'000 zugenommen. Die Zahl der Gespräche stieg um vier Prozent auf 156'654, wie der Verein heute mitteilte. 46'430 Telefongespräche oder gegen ein Drittel sind laut der Mitteilung mit Männern geführt worden, 110'000 mit Frauen. Mit je einem Fünftel dominierten «Beziehungsthemen», Gespräche zur «Alltagsbewältigung» und «psychische Leiden». Grössere Anteile hatten auch Themen wie «Einsamkeit», «materielle Existenz», «körperliche Leiden» oder «physische und psychische Gewalt».

*Franco Baumgartner ist Geschäftsführer der Dargebotenen Hand. Die Zahl der Anrufe auf das grösste Schweizer Sorgentelefon 143 hat 2013 um sechs Prozent auf über 220'000 zugenommen. Die Zahl der Gespräche stieg um vier Prozent auf 156'654, wie der Verein heute mitteilte. 46'430 Telefongespräche oder gegen ein Drittel sind laut der Mitteilung mit Männern geführt worden, 110'000 mit Frauen. Mit je einem Fünftel dominierten «Beziehungsthemen», Gespräche zur «Alltagsbewältigung» und «psychische Leiden». Grössere Anteile hatten auch Themen wie «Einsamkeit», «materielle Existenz», «körperliche Leiden» oder «physische und psychische Gewalt».

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