Flixbus-Chef: «Es gibt Platz für einen Günstigeren als die SBB»

Aktualisiert

Flixbus-Chef«Es gibt Platz für einen Günstigeren als die SBB»

Mit seinem Start-up heizt er den Bahnen mächtig ein: André Schwämmlein. Laut dem Flixbus-Chef lassen sich in der Schweiz zehn Fernbus-Linien rentabel betreiben.

von
S. Spaeth
München

Flixbus-Chef André Schwämmlein im Interview mit 20 Minuten.

Wie lange dauert es noch, bis in der Schweiz der Fernbus-Markt liberalisiert wird?

Diese Frage war schon in Deutschland schwierig zu beantworten. Ich dachte damals, als der politische Wille da war, das kann ja nur noch ein oder zwei Jahre dauern. Gebraucht hat es dann aber drei Jahre. Klar ist: In der Schweiz ist eine Dynamik im Gang und ich würde mir wünschen, dass die Schweiz so schnell liberalisiert wie Frankreich. Dort dauerte es sechs Monate.

Dann sind Sie überzeugt, dass der Schweizer Markt für Busanbieter geöffnet wird?

Wir hoffen, dass in der Schweizer Politik aufgrund der Erfahrungen in Nachbarländern die Überzeugung reifen wird, dass die Marktöffnung einen positiven Effekt auf das öffentliche Verkehrssystem hat. Wir können die Politik aber nicht beeinflussen.

Das stimmt nicht. Sie könnten bei Schweizer Politikern für die Marktöffnung weibeln ...

Wir sprechen in der Schweiz mit allen, die auf uns zukommen. Konkreter werden kann ich aber nicht. Klar ist: Das Fernbus-Thema ist für Politiker ein Gewinner-Thema: Fernbusse schaffen Jobs und dank eines Fernbus-Halts in der Region kann sich ein Politiker bei seinen Wählern meist positiv in Szene setzen. Das hat sich besonders in Deutschland gezeigt.

Wie interessant ist denn das Schweizer Geschäft für Sie?

Das Schweizer Fernbusgeschäft ist sehr interessant, obwohl der Markt klein ist und die SBB ihn gut abdeckt. Die Schweizer sind sehr mobil und es gibt Raum für einen günstigeren Anbieter als die SBB für Menschen mit geringerem Einkommen. Zudem ist die Schweiz ein wichtiges Transitland und es gibt für uns viele Synergien zum jetzt schon vorhandenen Streckennetz.

Dann wollen Sie der SBB die Kunden abjagen?

Natürlich sind die beiden Verkehrsträger Konkurrenten, es geht aber nicht um Bus gegen Bahn. Wenn sich beide anstrengen, werden am Ende mehr Personen mit dem öffentlichen Verkehr transportiert werden – und weniger mit dem Auto. Wir könnten in der Schweiz bestimmt zehn Linien rentabel betreiben. Das Ziel muss zum Start sein, entlang der Hauptachsen die grossen Schweizer Städte Zürich, Bern und Genf zu verbinden um dann auch in die Regionen zu wachsen, wie das in Deutschland bereits der Fall ist.

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«Ich bin kein Busunternehmer», sagte Flixbus-Chef André Schwämmlein im Interview mit 20 Minuten. Flixbus sei eine Mobilitätsplattform und ein sehr technologieaffines Start-up.

«Ich bin kein Busunternehmer», sagte Flixbus-Chef André Schwämmlein im Interview mit 20 Minuten. Flixbus sei eine Mobilitätsplattform und ein sehr technologieaffines Start-up.

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Die Idee, etwas mit Bussen zu machen, kam Schwämmlein 2008, als in Deutschland die Liberalisierung im Fernbus-Linienverkehr diskutiert wurde. «Ich war damals in der Beratung tätig und sah, dass eine Marktöffnung Chancen bieten würde», sagt der Unternehmer.

Die Idee, etwas mit Bussen zu machen, kam Schwämmlein 2008, als in Deutschland die Liberalisierung im Fernbus-Linienverkehr diskutiert wurde. «Ich war damals in der Beratung tätig und sah, dass eine Marktöffnung Chancen bieten würde», sagt der Unternehmer.

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Flixbus transporitierte im Jahr 2015 rund 20 Millionen Gäste. Gewisse Städte werden im 30-Minuten-Intervall angefahren.

Flixbus transporitierte im Jahr 2015 rund 20 Millionen Gäste. Gewisse Städte werden im 30-Minuten-Intervall angefahren.

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Das Schweizer Eisenbahnpersonal mag Flixbus gar nicht. Es organisierte kürzlich eine Anti-Billigbus-Demonstration. Wie lebt es sich als Feindbild?

Natürlich finden die Bahnen es grundsätzlich doof, dass es Fernbusse gibt. Das ist aber bei allen Wettbewerbern so und es steckt hier viel falsche Ideologie dahinter. Klar ist: Durch die Fernbus-Konkurrenz ist die SBB gezwungen, noch besser zu werden. Das ist zwar schwer vorstellbar, aber jedes Unternehmen hat Luft nach oben.

Im Sommer machte Flixbus Schlagzeilen mit Gästen, die illegal in der Schweiz ausgestiegen sind. Hat Ihnen die Diskussionen ums Kabotage-Verbot geschadet? Oder ist jede Presse gut?

Ich würde nicht sagen, dass jede Presse gut ist. Das Thema der möglichen Verstösse gegen das Kabotage-Verbot hat uns aber hoffentlich nicht geschadet. Die Berichterstattung hat viel zur Debatte über Fernbusse in der Schweiz beigetragen, was an sich positiv ist. Klar ist: Wir halten uns ans Kabotage-Verbot, auch wenn wir es ökonomisch und ökologisch nicht so intelligent finden.

Wie kamen Sie als Wirtschaftsingenieur auf die Idee, Busunternehmer zu werden?

Ich bin kein Busunternehmer. Die Idee, etwas mit Bussen zu machen, kam, als 2008 in Deutschland die Liberalisierung im Fernbus-Linienverkehr diskutiert wurde. Ich war damals in der Beratung tätig und sah, dass eine Marktöffnung Chancen bieten würde. Medial war das damals aber kein grosses Thema, weshalb auch nur wenige Gründer die Gelegenheit bemerkten.

Wenn Sie schon kein Busunternehmer sind, was sind Sie dann?

Flixbus ist eine Mobilitätsplattform und ein sehr technologieaffines Start-up. Spannend ist die Kombination des traditionellen Busgeschäfts mit modernen IT-Lösungen und dem neuen Denken von Fahrplänen und Preissystemen.

Die FAZ hat Sie mal «Herrscher der Busse» genannt. Gefällt Ihnen das?

Uns macht stolz, was wir mit Flixbus in nur vier Jahren erreicht haben. Es ist unglaublich, wie viele Menschen uns heute als Marke kennen und regelmässig nutzen. Im letzten Jahr haben wir 30 Millionen Menschen befördert. Für mich persönlich fühlt es sich immer noch etwas unwirklich an. Meine zwei Mitgründer und ich machen den Job aber nicht wegen des persönlichen Ruhms, sondern weil es uns Spass macht, etwas zu bewegen.

Kriegen Sie manchmal Angst vor dem Ausmass, das das Ganze annimmt?

Ich habe viel Respekt vor der Aufgabe. Die Zahlen sind mittlerweile enorm: Wir operieren heute mit 1000 Bussen, 5000 Fahrern und unsere Mitbewerber sind Staatskonzerne. Dass wir nicht nervös werden, hängt damit zusammen, dass wir mit dem Unternehmen mitgewachsen sind.

Grösse macht auf die Dauer unsympathisch ...

Im Vergleich zu unseren Konkurrenten – den Bahngesellschaften – werden wir noch lange ein kleines Unternehmen bleiben. Wichtig ist, dass uns die Kunden trotz unserer Entwicklung als sympathisch wahrnehmen. Ich möchte nicht, dass Kunden uns nutzen, weil sie müssen oder weil wir die billigsten sind. Kunden sollen gern Flixbus fahren.

Wie stark muss eine Busfahrt ausgelastet sein, damit sie nicht zum Verlustgeschäft wird?

Mit einer Auslastung von weniger als 60 Prozent wird es sehr schwierig, Geld zu verdienen. Darüber beginnt es für unsere Buspartner und für uns Spass zu machen. Im deutschsprachigen Raum werden wir in diesem Jahr erstmals einen Gewinn schreiben. Das ist die Folge einer verbesserten Auslastung, da wir die Fahrpläne, das Angebot und den Service angepasst haben. Wir fahren heute an starken Reisetagen beispielsweise häufiger als mitten in der Woche.

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