Ab ins Timeout: «Es gibt richtige Meitli-Schlägertrupps»
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Ab ins Timeout«Es gibt richtige Meitli-Schlägertrupps»

Sie prügeln sich, kiffen oder stören den Unterricht: Schon 12-jährige Mädchen fallen in der Schule negativ auf. Lehrer müssen sie immer öfter in Timeouts schicken.

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vro/hal

Wenn die Lehrer mit einem Schüler nicht mehr weiterwissen, verordnen sie ihm eine Auszeit. Doch diese Störenfriede im Unterricht sind nicht mehr nur Jungs: Die Zahl der Mädchen, die in der Schule nicht mehr tragbar sind und in sogenannte Timeouts geschickt werden, steigt deutlich.

Noch 2008 war das Timeout im Kanton Baselland eine Bubenbastion. Heute ist jeder Dritte der 110 bis 130 Schüler, die pro Jahr dort landen, weiblich, wie Timeout-Leiter Heinz Treuer gegenüber der «Basler Zeitung» und dem «SRF-Regionaljournal» sagte. Schweizweite Zahlen gibt es keine. Doch Bernd Müller, pädagogischer Leiter des Move On in Untersiggenthal AG, beobachtet dieselbe Entwicklung: In seinen Auszeiten machen Schülerinnen schon 40 Prozent der Teilnehmer aus.

«Es sind je länger, je mehr Mädchen, die zu uns kommen», so Müller. Die Gründe sind die gleichen wie bei den Buben: Alkohol, Kiffen, Mobbing, Schwänzen – und Gewalt. «Es gibt mittlerweile richtige Meitli-Schlägertrupps», sagt Müller. «Wenn Mädchen gewalttätig werden, kommt es oft zu üblen Kratz- und Bisswunden.»

Mehr Gewalt unter Mädchen

Dass Mädchen häufiger zuschlagen, haben auch Studien gezeigt. So hat sich die Zahl der minderjährigen Frauen, die wegen Gewaltdelikten verurteilt werden, zwischen 1999 und 2009 verdreifacht. Mitte 2012 schlug auch der Basler Jugendanwalt Beat Burkhardt Alarm, weil er einen «sprunghaften» Anstieg bei Mädchengewalt beobachtete, während Knaben sogar leicht weniger gewalttätig waren.

Heinz Treuer vom Timeout im Kanton Baselland sieht zudem, dass massiv mehr unter 15-jährige Mädchen in der Schule nicht mehr tragbar sind. Neben Gewalt werden sie auch wegen Essstörungen oder Selbstverstümmelungen in die Auszeiten geschickt, wie Müller sagt. Für sie braucht es ein Extraprogramm, zum Beispiel in betreuten Institutionen wie dem Tischleindeckdich. Ältere Schüler werden zum Arbeiten in Betriebe geschickt. Das Ziel: Sie sollen Verantwortung übernehmen, Distanz gewinnen und motiviert werden, sich in der Schule zu benehmen.

«Problemkinder länger geduldet»

Zwischen vier und acht Wochen dauern diese schulischen Auszeiten in der Regel. Vier Mädchen wurde dieses Jahr in Untersiggenthal in eine solche geschickt, fünf in Basel. Die meisten kommen aber erst jetzt: Am Anfang des Schuljahres versuchen es die Lehrer noch mit normalen Strafen – erst nach den Herbstferien wächst die Verzweiflung.

Billig sind die mehrwöchigen Timeouts nicht: Beim Trivas in Mettmenstetten ZH kommt die gesamte Auszeit inklusive Vorbereitung auf 16'000 Franken zu stehen. Nicht alle Gemeinden wollen sich das leisten: «Das Geld ist ein grosses Problem. Deshalb werden Problemkinder auch länger geduldet», sagt Müller. Die Zahlen seien deshalb insgesamt rückläufig. Nur nicht jene der Mädchen.

«Viel Druck auf Mädchen»

Frau Konstantinidis, wieso schlagen Mädchen zu?

Elena Konstantinidis*: Aus denselben Gründen wie Jungs – zum Beispiel weil sie zu Hause Gewalt erlebt haben, in der Schule nicht ernst genommen oder benachteiligt werden. Hinzu kommt der Rollenkonflikt: Den heutigen Mädchen steht vermeintlich die Chance offen, Alpha-Mädchen zu werden: attraktiv zu sein, sexuell frei, beruflich erfolgreich und trotzdem noch traditionellen Rollenbildern zu entsprechen. Das ist viel Druck. Mädchen, die schlechtere Startchancen haben, wählen manchmal auffälliges Verhalten als kompensierende Strategie.

Und deshalb schlagen sie häufiger zu?

Nein. Das Problem liegt beim Bild von Mädchen in der Gesellschaft. Wir wissen nicht, ob es das früher weniger gab, oder ob man es einfach nicht wahrnahm. Heute werden Anzeigen schneller gemacht. Es sind also nicht unbedingt mehr Mädchen, die zuschlagen, sondern mehr, bei denen es auffällt.

Gibt es für Mädchen genug solche Angebote?

Programme wie Timeout helfen im Einzelfall. Sozialpädagogische Familienbegleitung gibt es in der Schweiz noch zu wenig. Das könnte eine grosse Hilfe sein. Bei Mädchen mit Schwierigkeiten ist es generell wichtig, dass ihre Persönlichkeit gestärkt wird und sie die Konfliktbewältigung üben, wie das auch im Freizeitbereich durchgeführt werden kann.

*Elena Konstantinidis ist Geschäftsführerin des Dachverbands offene Kinder- und Jugendarbeit DOJ

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