Aktualisiert 09.03.2020 04:40

Orliks Coming-out«Es gibt sicher noch einige schwule Schwinger»

Das Coming-out von Schwinger Curdin Orlik macht vielen Mut. Auch der ehemalige Schwinger Enrico Matossi freut sich und outet sich selbst.

von
Nils Hänggi
1 / 13
Curdin Orlik ist der erste aktive männliche Topsportler in der Schweiz, der sein Coming-out hatte – international gibt es einige Athleten, die sich ebenfalls geoutet haben.

Curdin Orlik ist der erste aktive männliche Topsportler in der Schweiz, der sein Coming-out hatte – international gibt es einige Athleten, die sich ebenfalls geoutet haben.

Instagram
Der ehemalige deutsche Fussball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger outete sich 2014 – nach seinem Karriereende. Der Mittelfeldspieler lief 53-mal für Deutschland auf und gewann 2007 mit dem VfB Stuttgart den Meistertitel. Seit 2019 ist er Vorstandsvorsitzender beim VfB.

Der ehemalige deutsche Fussball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger outete sich 2014 – nach seinem Karriereende. Der Mittelfeldspieler lief 53-mal für Deutschland auf und gewann 2007 mit dem VfB Stuttgart den Meistertitel. Seit 2019 ist er Vorstandsvorsitzender beim VfB.

Keystone
Vor acht Jahren hatte der Puerto Ricaner Orlando Cruz sein Coming-out. Er ist bis heute der einzige Boxer, der diesen Schritt während seiner aktiven Karriere gemacht hat.

Vor acht Jahren hatte der Puerto Ricaner Orlando Cruz sein Coming-out. Er ist bis heute der einzige Boxer, der diesen Schritt während seiner aktiven Karriere gemacht hat.

Keystone

Als Enrico «Rico» Matossi am Freitag erfuhr, dass sich Curdin Orlik geoutet hatte, lächelte er. «Ich habe es einfach cool gefunden. Vor allem, weil alle denken, dass Schwingen eine Sportart ist mit lauter konservativen Menschen», erklärt er. Dass sich etwas anbahnte, sei ihm seit dem letzten Eidgenössischen bewusst gewesen, als es hiess, dass sich ein Schwinger outen werde.

Die Freude Matossis ist verständlich. Der 70-fache Kranzgewinner ist auch homosexuell. Im Gegensatz zu Orlik unterdrückte er seine sexuellen Neigungen jedoch während Jahrzehnten. Und als er es seinem Umkreis dann sagte, musste er feststellen, dass alle überrascht waren. Keiner hat es geahnt. «Ich hatte aber auch immer einen festen Händedruck. Nicht so einen sanften, von dem man sagen könnte, dass das schwul sei», sagt er.

Dass Curdin Orlik in der Welt der «Bösen» nicht alleine ist, da ist sich «Rico» Matossi sicher. «Es gibt sicher noch einige schwule Schwinger», sagt er. «Outen werden die sich aber wohl in der nächsten Zeit nicht.» Weshalb weiss Matossi nicht. Und er versteht es auch nicht. Heute würde doch nichts mehr dagegen sprechen, meint er.

Aber das Problem bestehe ja nicht nur bei den Schwingern. «Gibt es einen aktiven Fussballer, der sich geoutet hat?», fragt er, nur um gleich selbst die Antwort zu geben: «Nein!». Auch aus diesem Grund freut sich Matossi umso mehr, dass die Schwinger-Welt nun dank des Outings von Orlik der glamourösen Fussball-Welt etwas voraus hat.

«Ich hatte ja auch wunderschöne Freundinnen»

«Lieber Curdin, ich gratuliere dir zu diesem Schritt. Ich hätte mir gewünscht, dass ich in meiner Zeit als aktiver Schwinger ebenfalls den Mut gehabt hätte um in aller Öffentlichkeit zu meiner Homosexualität zu stehen.» Diesen Kommentar hinterlässt der Thurgauer auf Orliks Instagram-Profil, nachdem dieser sich geoutet hatte. Die Sätze wirken nachdenklich. Matossi sagt: «Ich hätte mich damals nicht getraut.» Ein bäuerliches Umfeld und ein Vater, der in der SVP politisierte, hätten ein Coming-Out verhindert. Auch habe er sich selbst lange nicht eingestehen wollen, dass er auf Männer stehe. Er sagt: «Ich hatte ja auch wunderschöne Freundinnen.»

Und nicht nur das: Matossi wurde als 32-Jähriger Vater einer Tochter, war jahrelang mit einer Frau zusammen. Er merkte jedoch stets, das etwas fehlte. Dennoch wahrte er den Schein. Bis ins Jahr 2007. Dann hielt es der heute 62-jährige Ostschweizer nicht mehr aus. Er trennte sich von seiner Freundin und lebte seine Homosexualität aus. Matossi schlief mit vielen Männern, er hatte einiges was aufzuholen. Heute lebt Matossi, der während 15 Jahren als Schwing-Experte im Schweizer Fernsehen überzeugte, mit seinem Partner Manuel in einer eingetragenen Partnerschaft.

Matossi glaubt an Orlik

Seiner Freundin sagte er 2007 nicht, dass seine Homosexualität der Grund für die Trennung ist. Das sei erst später geschehen, erzählt er. Auch seiner Tochter habe er es lange verschwiegen. «Ihr würde ich es im Rückblick wohl früher erzählen.» Wie Matossi hat auch Orlik ein Kind, gezeugt mit einer Frau, mit der er zusammen war. Für Orlik ist sein Sohn gar der Hauptgrund, warum er seine sexuelle Orientierung öffentlich machte.

«Ob das wirklich der Hauptgrund ist, weiss ich nicht», sagt Matossi, und weiter: «Aber das spielt ja eigentlich auch keine Rolle.» Er hoffe einfach, dass Orlik sich jetzt frei fühle und sich auf die Saison konzentrieren könne. «Es soll die beste Saison werden, die er je hatte.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.