Diplomat zur Stein-Affäre: «Es gibt wohl nur eine symbolische Strafe»
Aktualisiert

Diplomat zur Stein-Affäre«Es gibt wohl nur eine symbolische Strafe»

Polizeikommandant Varone muss sich in Antalya vor Gericht verantworten - wie bereits mehrere Touristen vor ihm. Ein Schweizer Ex-Diplomat mit Lokalerfahrung ordnet den Fall ein.

von
Antonio Fumagalli
Der Walliser Polizeikommandant Christian Varone erklärt sich nach seiner Haftentlassung vor den Medien.

Der Walliser Polizeikommandant Christian Varone erklärt sich nach seiner Haftentlassung vor den Medien.

Der spätestens seit dem Carunfall von Sierre schweizweit bekannte Polizeikommandant Christian Varone wurde am 27. Juli in Antalya inhaftiert - wegen eines antiken Steins in seinem Feriengepäck. Am 25. September muss er sich vor einem türkischen Gericht verantworten. Max Schweizer (siehe Infobox), als Diplomat jahrelang in der Türkei stationiert, nimmt Stellung.

Herr Schweizer, waren Sie überrascht, als Sie vom «Fall Varone» hörten?

Er hat mich sofort an den Fall eines deutschen Touristen erinnert (siehe Infobox). Ich war schon erstaunt, dass es in der Türkei in dieser Hinsicht trotz allen politischen und juristischen Veränderungen der letzten Jahre offenbar keinen Fortschritt gegeben hat.

Das heisst, Sie halten Polizeikommandant Varone für unschuldig?

Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Er hat sicher nicht mit Absicht eine Straftat begangen.

Aber in der Türkei gibt es nun mal den entsprechenden Gesetzesartikel über den Diebstahl von Kulturgut.

Es ist natürlich eine Definitionsfrage, was alles in den Bereich der Kulturgüter fällt. Ich bin in all meinen Jahren als Diplomat weit herumgereist und mir sind aus anderen Ländern keine vergleichbaren Fälle bekannt. Die Türkei scheint hier eine höhere Empfindlichkeit zu haben.

Müsste man die Touristen verstärkt auf dieses Gesetz aufmerksam machen?

Absolut. Weder bei der Ein- noch bei Ausreise in die Türkei wird man damit konfrontiert. Hier muss aber auch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) seine Verantwortung besser wahrnehmen und zum Beispiel in den Reisewarnungen auf den Gesetzesartikel hinweisen.

Sie waren während vier Jahren in Ankara stationiert. Hatten Sie selbst mal Probleme mit türkischen Grenzbehörden?

In der Tat, sogar ebenfalls in Antalya. Am Flughafen bin ich – in Anwesenheit meiner Familie – bei der Ausreise festgehalten worden. Man warf mir vor, das dreimonatige Diplomatenvisum überschritten zu haben. Dabei war ich fest in Ankara auf Posten. Ich habe das Flugzeug schliesslich doch noch knapp erreicht.

Man konnte von einem türkischen Geschäftsmann lesen, der sich bei den Behörden für die Freilassung Varones eingesetzt haben soll. Lässt sich die Politik von der Justiz beeinflussen?

Ich halte dies nicht nur für möglich, ich werte es im Gegensatz zur landläufigen Meinung sogar positiv. Wenn es so war, trägt es dazu bei, den türkischen Instanzen ihr aus unserer Sicht unverhältnismässiges Handeln bewusst zu machen.

Ende September kommt es zum Prozess gegen Christian Varone. Welche Strafe droht ihm?

Das ist reine Spekulation, aber ich gehe von einer symbolischen Strafe aus. So könnte die türkische Justiz ihr Gesicht wahren und Herr Varone kommt mit einem blauen Auge davon.

Und wenn es anders kommt? Hatten Sie während Ihrer Zeit Einblicke in türkische Gefängnisse?

Meine Kollegen vom konsularischen Dienst besuchten jeweils Gefangene, ich selbst war nie dabei. Sie können sich vorstellen, dass es dort etwas bescheidener aussieht als in einem Schweizer Gefängnis.

Was sagt der Fall Varone über das schweizerisch-türkische Verhältnis aus?

Er ist gewissermassen symptomatisch für die Schweiz und die Türkei, denken Sie nur an den Fall Polanski. Wie soll ich einem türkischen Diplomatenkollegen erklären, dass Polanski zwar von unserem Justizdepartement eine Bewilligung für den Kauf einer Wohnung erhielt, aber dann Jahre später Polizeiorgane vom gleichen Departement ihn aufgrund eines alten internationalen Haftbefehls verhaften konnten? «Absurdistan» ist überall.

Spielen gar die legendären Fussballspiele zwischen der Türkei und der Schweiz von November 2005 noch eine Rolle?

Nein, das glaube ich nicht. Die Begleitumstände um das Revanche-Spiel in Istanbul haben auch viele Türken beschämt. Darunter wurde ein Schlussstrich gezogen.

Ist es der Türkei in naher Zukunft möglich, ein EU-Mitgliedsland zu werden?

Die Frage ist: Will sie das überhaupt? Der jetzige Status als Beitrittskandidat kommt ihr gar nicht ungelegen: Es gibt substantielle Leistungen aus Brüssel – und dies, ohne dass Kompetenzen abgegeben werden müssen.

Die Türkei und ihre Steinfälle

Der Fall Varone ist kein Einzelfall, allein Deutschland registrierte in den Jahren 1998 bis 2002 insgesamt 15 Verhaftungen wegen Verstössen gegen das Ausfuhrverbot von Kultur- und Naturgütern. 2003 kam es zu einem weiteren Zwischenfall, als der deutsche Tourist Jörg Koch verhaftet wurde, weil er zwei Bruchsteine aufgelesen hatte und mit nach Hause nehmen wollte. Eine Archäologin am Flughafen stufte die beiden Objekte als antike Steine ein.

In den kommenden Wochen teilte sich Koch mit Drogenhändlern, Schlägern, Betrügern – und weiteren Steindieben eine winzige Gefängniszelle. Schliesslich wurde er wegen versuchter Ausfuhr zweier Steine aus der römischen Epoche zu einem Jahr, vier Monaten und 20 Tagen Haft verurteilt. Gegen eine Kaution von 9000 Euro kam er frei. Sein Anwalt, ein Spezialist für Steinfälle, kassierte ein Honorar von 3500 Euro.

Die «Welt» spekulierte damals, dass die Türkei auf diesem Weg die Ausfälle in der Tourismus-Branche aufgrund des Irakkriegs wettmachen wollte. (kri)

Max Schweizer war während 32 Jahren im diplomatischen Korps der Schweiz tätig. Von 2003 bis 2007 war er in der Türkei stationiert und gab während dieser Zeit das Buch «Zwischen Lausanne und Ankara – Die Türkei unterwegs nach Europa» heraus. Seit Juni 2012 leitet Schweizer die neugegründete Fachstelle «Foreign Affairs & Applied Diplomacy» an der ZHAW, School of Management and Law, in Winterthur.

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