Psychosen bei Jugendlichen
Aktualisiert

Psychosen «Es ist, als hätte ich ein zweites Leben im Kopf» 

Die Einnahme von Medikamenten gegen Psychosen ist in den vergangenen Jahren bei jungen Menschen deutlich angestiegen. Auch Bettina* (18) ist auf die Mittel angewiesen: «Dank der Medikamente sind die Stimmen in meinem Kopf leiser geworden.»

von
Gabriela Graber
Zora Schaad
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«Zu jeder Tageszeit höre ich Stimmen, meist von Männern, die mich beschimpfen. Ich sehe schwarze Umrisse von Menschen, die durch den Raum huschen», erzählt die 18-jährige Bettina*. 

«Zu jeder Tageszeit höre ich Stimmen, meist von Männern, die mich beschimpfen. Ich sehe schwarze Umrisse von Menschen, die durch den Raum huschen», erzählt die 18-jährige Bettina*. 

Privat 
Angefangen hätten ihre Psychosen, als sie zum ersten Mal LSD konsumiert habe. «Seitdem sind die Stimmen und Halluzinationen für mich zum Alltag geworden – obwohl ich Drogen nie mehr angerührt habe», so Bettina (Symbolbild).

Angefangen hätten ihre Psychosen, als sie zum ersten Mal LSD konsumiert habe. «Seitdem sind die Stimmen und Halluzinationen für mich zum Alltag geworden – obwohl ich Drogen nie mehr angerührt habe», so Bettina (Symbolbild).

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Psychosen können durch die Einnahme von Drogen ausgelöst werden, so Ingo Butzke, Chefarzt Klinik für Psychose und Abhängigkeit des Psychiatriezentrums Münsingen. 

Psychosen können durch die Einnahme von Drogen ausgelöst werden, so Ingo Butzke, Chefarzt Klinik für Psychose und Abhängigkeit des Psychiatriezentrums Münsingen. 

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Darum gehts:

  • Gemäss Daten des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums nehmen junge Schweizer*innen deutlich mehr Antipsychotika ein als noch vor ein paar Jahren. 

  • Eine 20-Minuten-Leserin erzählt, wie sehr sie unter ihrer Psychose leidet. Ihre Krankheit wurde ausgelöst durch einen LSD-Trip. 

  • Auch andere Drogen – insbesondere Cannabis – würden die Entstehung von Psychosen zum Teil massiv begünstigen, sagt Psychose-Spezialist Ingo Butzke. 

  • Wie eine Psychose entsteht, wie man sie erkennt und was dagegen getan werden kann, erklärt Kinder- und Jugendpsychiater Alain Di Gallo.

Der Konsum von Antipsychotika hat in der Schweiz zugenommen. Gerade bei jungen Menschen ist der Anstieg laut neuen Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums OBSAN auffällig: Bei den 16- bis 18-Jährigen sind die bezogenen Tagesdosen pro 1000 Einwohner*innen von 2017 bis 2020 um 25,6 Prozent gestiegen, bei Kindern (0–15 Jahre) um 12,1 Prozent. 

Psychosen können durch die Einnahme von Drogen ausgelöst werden: Drogen stimulieren Rezeptoren im Gehirn, was unerwünschte Nebenwirkungen haben könne, erklärt Ingo Butzke, Chefarzt Klinik für Psychose und Abhängigkeit des Psychiatriezentrums Münsingen.

«Es gibt einzelne Fälle, bei denen ein LSD-Trip in eine Schizophrenie mündete.»

«Kokain und Amphetamine führen zum Beispiel oft zu Ängsten oder Depressionen. Ecstasy, Cannabis, LSD und Pilzdrogen können psychoseähnliche Zustände auslösen und den Verlauf von bestehenden psychischen Erkrankungen verschlechtern», so der Psychiater. «Es gibt einzelne Fälle, bei denen ein schlechter LSD-Trip in eine Schizophrenie mündete.»

Gemäss mehreren Studien erhöhe Cannabiskonsum unmittelbar das Psychose-Risiko bei Jugendlichen. «Durch den Verzicht auf hochpotentes Cannabis liessen sich im Durchschnitt etwa zwölf Prozent aller Psychosen vermeiden.» Im Psychiatriezentrum Münsingen beobachte er, dass rund die Hälfte der an Schizophrenie Erkrankten regelmässig kiffe, so Butzke. «Marihuana rauchen ist leider gerade bei Jugendlichen weiterhin im Trend.»

Bettina* (18) leidet an Psychosen, seit sie das erste Mal LSD konsumiert hat. Mit uns redet sie über ihre Krankheit:

«Mein Leben fühlt sich an wie ein Horrorfilm»

«Es ist, als hätte ich ein zweites Leben im Kopf. Zu jeder Tageszeit höre ich Stimmen, meist von Männern, die mich beschimpfen. «Du bist es nicht wert! Du bist Abschaum!», rufen sie. Ich sehe schwarze Umrisse von Menschen, die durch den Raum huschen. Mein Leben fühlt sich an wie ein schlimmer Horrorfilm. 

Angefangen haben meine Psychosen im Dezember 2020, als ich zum ersten Mal LSD konsumiert habe. Der Trip war furchtbar, ich dachte, dass ich sterben würde. Seitdem sind die Stimmen und Halluzinationen für mich zum Alltag geworden – obwohl ich Drogen nie mehr angerührt habe. 

Anderthalb Jahre habe ich niemandem vom Horrorfilm in meinem Kopf erzählt. Ich schämte mich so. Doch mein Zustand wurde immer schlechter, ich wurde depressiver. Da entschied ich mich, in eine psychiatrische Klinik zu gehen. 

«Die Medikamente helfen, die Stimmen etwas leiser zu machen»

In der Klinik erzählte ich zum ersten Mal von meinen Psychosen und bekam Medikamente, die halfen, die Stimmen leiser zu machen. Die Mittel verloren mit der Zeit ihre Wirkung, dennoch geht es mir grundsätzlich etwas besser. Ich mache viel Sport, gehe spazieren oder dusche kalt, um meine Zustände in den Griff zu bekommen. Wegen meiner Erkrankungen musste ich leider meine Lehre abbrechen und kann nicht arbeiten. Ich gehe zwei Mal pro Woche in Therapie und versuche, mir eine Tagesstruktur zu geben. Mein Freund, meine Familie und meine Freunde helfen mir sehr.»

*Name geändert.

«Psychose-Betroffene nehmen sich oft nicht als krank wahr»

Alain Di Gallo, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Alain Di Gallo, Direktor der Klinik für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Privat

Was sind Psychosen? 
Das sind Krankheiten, die das Verhalten und das Erleben der Realität bei den Betroffenen stark beeinträchtigen. Typische Symptome sind ein Durcheinander der Gedanken, Halluzinationen, wie das vermeintliche Hören von Stimmen oder Wahnvorstellungen, zum Beispiel die feste Überzeugung, verfolgt zu werden.

Weiss man, wie eine Psychose entsteht? 
In der Regel sind mehrere Faktoren beteiligt. Besonders bei Schizophrenien spielt die erbliche Komponente eine wichtige Rolle. Wenn grosser Stress oder Drogenkonsum dazukommen, kann die Krankheit ausbrechen. Weiter können auch Schädel-Hirn-Verletzungen, Demenz oder sehr schwere Depressionen psychotische Symptome auslösen. 

Kann jeder Mensch eine Psychose bekommen? 
Da es viele Ursachen und Arten von Psychosen gibt, ist es schwierig, hier allgemein zu antworten. Bei Schizophrenie wissen wir jedoch, dass rund einer von 100 Menschen davon betroffen ist. Es gibt jedoch unterschiedliche Schweregrade der Krankheit: Manche Betroffene können dank Medikamenten ein normales Leben führen. Andere werden stark von der Krankheit beeinträchtigt.  

Neuen Zahlen zufolge konsumieren junge Menschen mehr Antipsychotika. Warum? 
Das ist schwierig zu sagen, denn die Medikamente werden nicht nur gegen Psychosen, sondern in Einzelfällen auch bei schweren Verhaltensstörungen oder starken Stimmungsschwankungen eingesetzt. Nach wie vor werden Antipsychotika massiv seltener bei Kindern und Jugendlichen angewendet als bei Erwachsenen. 

Sind bestimmte Altersgruppen anfälliger als andere?
Schizophrenien entwickeln sich meist in der Jugend oder im jungen Erwachsenenalter. Oft zeigen sie sich zuerst nur mit unspezifischen Symptomen wie Leistungsabfall, Ängsten, starken Konzentrationsproblemen oder Misstrauen.  

Kann man etwas gegen Psychosen tun? 
Die frühe Erkennung und Behandlung von Psychosen ist essenziell. Das Problem: Betroffene nehmen sich oft nicht als krank wahr. Wird die Psychose erkannt, ist es wichtig, dass nicht nur Medikamente verabreicht werden, sondern auch geschaut wird, dass der Mensch nicht aus dem Alltag fällt. Vorbeugen kann man, indem man kein Cannabis und andere Substanzen konsumiert, die die Entstehung von Psychosen begünstigen.   

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine psychische Erkrankung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Kinderseele Schweiz, Beratung für psychisch belastete Eltern und ihre Angehörigen

Verein Postpartale Depression, Tel. 044 720 25 55

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

VASK, regionale Vereine für Angehörige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Problem mit illegalen Drogen?

Hier findest du Hilfe:

Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

Infodrog, Information und Substanzwarnungen

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