Aktualisiert 10.03.2020 10:09

Coronavirus in Italien«Es ist, als wären wir in Wuhan»

Italien hat ein Dutzend Orte abgeriegelt. Die Strassen Codognos, des Epizentrums des Coronavirus-Ausbruchs, sind wie leer gefegt.

von
rab

In der lombardischen Gemeinde Codogno, wo der Virus erstmals auftrat, herrscht Ruhe in den Strassen: Schulen und andere öffentliche Einrichtungen wurden geschlossen. (Video: AP)

Städte abgeriegelt, menschenleere Gassen, rasant steigende Infektionszahlen – diesmal nicht in China, sondern direkt vor unserer Haustür: Italien wird von einem Covid-19-Ausbruch überraschenden Ausmasses erfasst.

Beim Karneval in Venedig sind sie gerade wieder sehr präsent: die typischen Schnabelmasken, die Ärzte in Zeiten der Pest trugen, um sich zu schützen. Doch zunehmend bestimmt in Norditalien ein anderer Mundschutz das Strassenbild, und eine ganz junge Seuche macht den Menschen Angst: Das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 ist im Land. Wie grossflächig es schon um sich gegriffen hat, lässt sich derzeit kaum absehen.

Die italienische Regierung will die Ausbreitung des Coronavirus im Norden des Landes stoppen und die am stärksten betroffenen Städte abriegeln. «Das Betreten und Verlassen dieser Gebiete ist verboten», sagte Regierungschef Giuseppe Conte. Betroffen seien zunächst knapp ein Dutzend Orte südöstlich von Mailand mit etwa 50'000 Einwohnern sowie Vo' im benachbarten Venetien mit rund 3000 Bewohnern.

In zehn Gemeinden der Lombardei wurden Schulen und ein Grossteil der Geschäfte vorübergehend geschlossen. Rund 50'000 Einwohner sind aufgerufen, möglichst zuhause zu bleiben. Grossveranstaltungen wie Gottesdienste, Karnevalsfeste und Sportevents wurden verboten. Auch in Venetien wurden Massnahmen vorbereitet, die eine weitere Ausbreitung des Virus verhindern sollen. Alle Sportveranstaltungen wurden abgesagt. Die Gebiete gelten nun als «rote Zone».

Wie eine Geisterstadt

Der lombardische Ort Codogno, nur knapp 150 Kilometer von Lugano entfernt, glich laut Medienberichten am Samstag einer Geisterstadt. «In Codogno ist keine Menschenseele mehr auf der Strasse. Es ist, als wären wir in Wuhan», sagte ein Bewohner gegenüber dem italienischen Staatsfernsehen.

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Die 90-jährige Suzanne Hoylaerts verzichtete freiwillig auf ein Beatmungsgerät und starb an Covid-19. (Quelle: Facebook)

Die 90-jährige Suzanne Hoylaerts verzichtete freiwillig auf ein Beatmungsgerät und starb an Covid-19. (Quelle: Facebook)

25. März: Luis Fernando Chuquispuma aus Madrid verlor am 14. März seinen Vater an Covid-19. Der 25-Jährige verbrachte 16 Stunden in der Wohnung mit der Leiche, bevor die Behörden sie abholten.

25. März: Luis Fernando Chuquispuma aus Madrid verlor am 14. März seinen Vater an Covid-19. Der 25-Jährige verbrachte 16 Stunden in der Wohnung mit der Leiche, bevor die Behörden sie abholten.

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25. März 2020: In Wuhan werden bereits Barrieren entfernt, ihre Stadt verlassen dürfen die Bewohner aber noch nicht.

25. März 2020: In Wuhan werden bereits Barrieren entfernt, ihre Stadt verlassen dürfen die Bewohner aber noch nicht.

China Daily Cdic

«Ich feiere nicht, ich werde keinen Kuchen haben und keine Kerzen ausblasen. Ich werde keine Geschenke öffnen und den ganzen Tag allein mit meinem Vater zu Hause verbringen», schrieb gestern ein Mädchen aus Codogno auf Twitter, das heute ihren 17. Geburtstag feiert. «Wir erleben eine absurde Situation, hier in der Stadt reden wir über nichts anderes. Die meisten Menschen haben heute getan, was ich tun werde: Vorräte kaufen, wo noch Geschäfte geöffnet sind, und dann in mein Haus zurückkehren», erzählt ein Mann dem «Corriere del Ticino». Eine Leser-Reporterin berichtet von sehr besorgten Bekannten in Italien. Diese würden sich über nur langsam gelieferte Zahlen beklagen. Zudem seien Schutzmasken überteuert oder ausverkauft.

Codogno ist der Wohnort des mutmasslichen «paziente zero», des ersten Patienten, bei dem in Italien das Coronavirus diagnostiziert wurde und der seit Mittwoch schwer erkrankt in der Klinik der Kleinstadt Codogno behandelt wird. Beim ersten gemeldeten Toten handelt es sich um einen 78-Jährigen in Venetien, beim zweiten um eine Frau in der Lombardei.

Laut Medienberichten weist auch die schwangere Frau des «paziente 1» Symptome auf. In einem Wettlauf mit der Zeit versuchen die Behörden nun, alle Personen zu identifizieren, mit denen der Mann Kontakt gehabt haben könnte. Das Problem hierbei: Der 38-Jährige soll ein begeisterter Hobbysportler gewesen sein und – bevor die ersten Symptome der Krankheit auftraten – an mehreren Wettkämpfen teilgenommen haben.

So soll er am 2. Februar mit anderen Läufern in Portofino und Santa Margherita Ligure einen Halbmarathon gelaufen sein. Rund 1200 Personen, darunter auch eine aus dem Tessin, sollen daran teilgenommen haben. Am 9. Februar soll der Mann an einem Rennen in Sant'Angelo Lodigiano mitgemacht haben. Am Samstag, den 15. Februar, soll er in Codogno an einem Fussballspiel teilgenommen haben. Abends, während eines Abendessens, traten schliesslich die ersten Symptome auf. Zwei Tage später soll er einen Hausbesuch des Arztes erhalten und am 18. Februar in die Notaufnahme des Codogno-Spitals eingeliefert worden sein.

76 Infektionen, zwei Todesfälle

In der norditalienischen Lombardei steigt die Zahl der Infektionsfälle auf 89. Damit hätten sich in Italien insgesamt mehr als hundert Menschen mit dem Virus Sars-CoV-2 angesteckt, teilt der Präsident der Region Lombardei, Attilio Fontana, mit. Bereits zwei Menschen sollen daran gestorben sein. Damit ist Italien das europäische Land mit den weitaus meisten erfassten Sars-CoV-2-Infizierten.

Auch in Südtirol bereiteten sich die Behörden auf einen Notfall vor. Unter anderem empfahlen die Gesundheitsbehörden am Samstagabend dem Südtiroler Landeshauptmann Thomas Widmann vor, die Universität Bozen sowie Kitas und Kinderhorte für die kommende Woche zu schliessen. Zudem sei ein medizinischer Notfallplan erstellt worden, berichtete die Website des Rundfunksenders Südtirol. (rab/sda)

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