Langnau am Albis: «Es ist beschämend, dass man hier hungern muss»
Aktualisiert

Langnau am Albis«Es ist beschämend, dass man hier hungern muss»

Grosse Solidarität für Fabian Wietlisbach aus Langnau, der hungern muss, weil er vom Sozialamt keine Hilfe erhält: Viele Leser schenken ihm Geld und Essen, manche kochen gar für ihn.

von
som
1 / 3
Fabian Wietlisbach vor dem Gemeindehaus Langnau am Albis - hier wollte er beim Sozialamt Soforthilfe beantragen.

Fabian Wietlisbach vor dem Gemeindehaus Langnau am Albis - hier wollte er beim Sozialamt Soforthilfe beantragen.

wed
Man habe ihm aber lediglich ein Anmeldeformular in die Hände gedrückt, so Wietlisbach. Er sollte unzählige Formulare liefern: «Sie sagten mir, dass ich etwa einen gebührenpflichtigen Betreibungsauszug bräuchte.» Nur wisse er nicht, wie er diesen bezahlen solle: «Ich kann mir nicht mal eine Briefmarke leisten.»

Man habe ihm aber lediglich ein Anmeldeformular in die Hände gedrückt, so Wietlisbach. Er sollte unzählige Formulare liefern: «Sie sagten mir, dass ich etwa einen gebührenpflichtigen Betreibungsauszug bräuchte.» Nur wisse er nicht, wie er diesen bezahlen solle: «Ich kann mir nicht mal eine Briefmarke leisten.»

wed
Auch habe man ihm nicht sagen können, wann er die «Soforthilfe» bekomme: «Als ich sagte, dass ich Hunger habe, gab man mir nur den Tipp, per Autostopp ins nächste Spital oder zu den Pfarrer-Sieber-Hilfswerken zu fahren.»

Auch habe man ihm nicht sagen können, wann er die «Soforthilfe» bekomme: «Als ich sagte, dass ich Hunger habe, gab man mir nur den Tipp, per Autostopp ins nächste Spital oder zu den Pfarrer-Sieber-Hilfswerken zu fahren.»

wed

«Es ist beschämend, dass in der reichen Schweiz jemand hungern muss», findet Sandra Coray aus Winterthur, nachdem sie den Artikel über Fabian Wietlisbach gelesen hat. Sie will dem 28-Jährigen helfen, der vom Sozialamt Langnau am Albis ZH dringend Geld bräuchte, nachdem er einen Job wegen eines Unfalls nicht antreten konnte. Weil er an den bürokratischen Hürden scheiterte, hat er seit Tagen nichts mehr zu essen. Coray will umgehend für Abhilfe sorgen und ihn mit Lebensmitteln oder vorgekochten Menüs versorgen: «Ich kann fast alles kochen und bringe ihm das auch gerne vorbei – ich weiss ja, dass er sich nicht mal ein Zugbillett kaufen kann.»

Sie ist nicht die einzige 20-Minuten-Leserin, die ihm helfen will. Dutzende Personen – mehrheitlich Frauen – wollen Wietlisbach Geld und Lebensmittel spenden. «Ich bin Muslim und dass man Notbedürftigen hilft, gehört in unserer Religion dazu», sagt ein junger Leser. Helfen will auch Anita Müller aus der Region Schaffhausen: «Ich habe einen vollen Kühlschrank.» Dass jemand in der Schweiz unter Mangelernährung leiden muss, mache sie traurig: «Ich dachte immer, das wäre nur in fernen Ländern möglich.»

«Ich weiss genau, wie man sich fühlt»

Betroffen zeigt sich auch die 30-jährige Monika Sucic aus Auw AG, die Wietlisbach 100 Franken für dessen Stromrechnung geben will: «Schliesslich kann das jedem passieren.» Das findet auch Michèle Meyer aus Hölstein BL: «An meinem Tisch hat es immer Platz für Menschen in Not.» Sie hole ihn auch gerne in Langnau ab: «Ich war auch schon froh, wenn mir jemand etwas zu essen gab, als ich hungrig war.»

Mit Fabian Wietlisbach in der Migros war am Montagmittag bereits eine alleinerziehende Mutter aus seinem Wohnort, obwohl sie für sich und ihr fünfjähriges Kind selbst nur 2500 Franken pro Monat zur Verfügung hat. «Trotzdem kann es nicht sein, dass jemand so schlecht dran ist.» Mit dem Sozialamt Langnau habe sie selbst negative Erfahrungen gemacht, wie sie sagt: «Ich wurde oft abgespiesen.» Obwohl sie unter dem Existenzminimum lebt, kriegt sie keine Sozialhilfe: «Meine Wohnung ist 66 Franken zu teuer – nur leider findet man in meiner Situation nicht so leicht eine neue Bleibe.»

Wietlisbach ist überwältigt

Etliche Erfahrungen mit Sozialämtern hat auch Sara Ulmann aus Ittigen BE gesammelt. «Ich weiss genau, wie man sich fühlt», sagt die 24-Jährige, die seit ihrem Lehrabschluss vor drei Jahren trotz 600 verschickten Bewerbungen keine Festanstellung gefunden hat: «Die bürokratischen Hürden auf den Sozialämtern sind hoch.» So müsse man etwa eine Kopie oder einen Ausdruck von sämtlichen Dokumenten mitbringen: «Doch wie will man Kopien bezahlen, wenn man kein Geld hat?» Ulmann ist überzeugt, dass sie ohne Unterstützung ihrer Mutter schon oft gehungert hätte. Da sie momentan gerade temporär arbeitet, will auch sie Wietlisbach unterstützen: «Ich weiss, dass in so einer Situation schon 20 Franken helfen können.»

Fabian Wietlisbach selbst ist überwältigt ob dieser grossen Hilfsbereitschaft: «Mein Telefon klingelt ununterbrochen.» Das hätte er niemals erwartet: «Es ist extrem schön, dass es das gibt.» Gerne würde er sich bei den Helfern revanchieren, sobald er wieder Geld hat. «Allerdings möchten viele anonym bleiben», so Wietlisbach. Er hofft nun, dass durch seine Geschichte die Sozialämter ihre Praxis ändern: «Ich wünsche mir weniger Bürokratie und mehr Menschlichkeit.»

Deine Meinung