Nervengift Nowitschok: «Es ist die reine Folter, der Schmerz hält Wochen an»

Aktualisiert

Nervengift Nowitschok«Es ist die reine Folter, der Schmerz hält Wochen an»

Ex-Spion Sergej Skripal und seine Tochter ringen weiter mit dem Tod. Ihre Qualen müssen laut einem der Giftstoffentwickler fürchterlich sein.

von
Fee Riebeling
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Noch vor zwei Wochen erfreute sich der russische Ex-Spion Sergej Skripal bester Gesundheit, ebenso seine Tochter Yulia. Doch seit einer Nervengiftattacke am 4. März 2018 kämpfen die beiden im Spital um ihr Überleben. (Im Bild: Überwachungskamera-Aufnahme von Skripal kurz vor dem Anschlag)

Noch vor zwei Wochen erfreute sich der russische Ex-Spion Sergej Skripal bester Gesundheit, ebenso seine Tochter Yulia. Doch seit einer Nervengiftattacke am 4. März 2018 kämpfen die beiden im Spital um ihr Überleben. (Im Bild: Überwachungskamera-Aufnahme von Skripal kurz vor dem Anschlag)

AFP/ITN
Laut Premierministerin Theresa May wurden die beiden mit einem Nervengift namens Nowitschok vergiftet. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von hochgiftigen Nervenkampfstoffen, die in etwa 100 Varianten vorkommen. Je nach Variante in sowohl fester, flüssiger als auch pulveriger Form.

Laut Premierministerin Theresa May wurden die beiden mit einem Nervengift namens Nowitschok vergiftet. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von hochgiftigen Nervenkampfstoffen, die in etwa 100 Varianten vorkommen. Je nach Variante in sowohl fester, flüssiger als auch pulveriger Form.

Screenshot AFP
Erstmals wurde es im Kalten Krieg in der Sowjetunion produziert. Dies mit der Absicht, ein Gift zu entwickeln, das mit gängigen Nato-Methoden nicht nachweisbar ist und von Schutzkleidung nicht abgehalten werden kann. Schon ein winziger Tropfen auf der Haut oder in der Atemluft reicht, um ...

Erstmals wurde es im Kalten Krieg in der Sowjetunion produziert. Dies mit der Absicht, ein Gift zu entwickeln, das mit gängigen Nato-Methoden nicht nachweisbar ist und von Schutzkleidung nicht abgehalten werden kann. Schon ein winziger Tropfen auf der Haut oder in der Atemluft reicht, um ...

AFP/Adrian Dennis

Knapp zehn Tage nachdem der frühere russische Doppelagent Sergej Skripal und seine Tochter Yulia bewusstlos auf einer Parkbank im britischen Salisbury aufgefunden wurden, vermeldet London: Die beiden wurden mit einem Nervengift «von militärischer Qualität» attackiert – Nowitschok.

Dabei beruft sich Premierministerin Theresa May auf Experten des Wissenschafts- und Technologielabors des britischen Verteidigungsministeriums in Porton Down, wie die BBC berichtet.

Geschaffen, um zu töten

Bei Nowitschok (zu Deutsch: Neuling) handelt es sich um eine Gruppe von hochgiftigen Nervenkampfstoffen, die in etwa 100 Varianten vorkommen. Je nach Variante sowohl in fester, flüssiger als auch pulveriger Form.

Erstmals wurde es in den 1970er- bis 1990er-Jahren in der Sowjetunion entwickelt. Dies mit der perfiden Absicht, ein Gift zu produzieren, das mit gängigen Nato-Methoden nicht nachweisbar ist und das von Schutzkleidung nicht abgehalten werden kann.

«Einer der Hauptgründe für die Entwicklung dieser Stoffe ist, dass ihre Bestandteile nicht auf der Verbotsliste stehen», so Gary Stephens, Pharmakologe an der University of Reading zur BBC.

Deutlich giftiger als Sarin und VX

Nowitschok ist ein sogenannt binärer Kampfstoff. Das heisst: Die Bestandteile der einzelnen Varianten – jeder für sich relativ harmlos – können getrennt gelagert werden. Das ermöglicht eine nahezu ungefährliche Handhabung vor dem Einsatz. Erst miteinander kombiniert entfalten sie ihre tödliche Wirkung bei geringsten Dosen.

Und die ist enorm: Mindestens eine Variante – das sogenannte Nowitschok A-230 – soll fünf- bis achtmal potenter sein als die Cholinesterasehemmer Sarin und VX. Letzteres Gift hat im Februar 2017 zum Tod des Halbbruders von Kim Jong-un geführt.

Unklarer Ursprung, schlimme Folgen

Wann und in welcher Form es zu Skripal und seiner Tochter gelangt ist, ist noch unklar. Auch ob das Nervengift tatsächlich aus Russland stammt, ist gemäss Russland-Experte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck ungewiss: «Seine Zusammensetzung ist bekannt und es kann inzwischen überall hergestellt werden, wo es entsprechende Labore gibt.» Laut dem Politikwissenschaftler hätten auch die USA Zugang zu den Formeln gehabt. «Selbst die Briten könnten diesen Kampfstoff hergestellt haben.»

Fest steht nur, dass Sergej und Yulia Skripal seit der Exposition fürchterlich leiden. «Es ist die reine Folter», so der russische Ex-Militärchemiker Wil Mirsajanow, der an der Entwicklung von Nowitschok beteiligt war, zur «Daily Mail». «Sogar in niedriger Dosierung dauern die Schmerzen wochenlang an. Man kann sich das Grauen nicht vorstellen.»

Keine Heilung möglich

Schon ein winziger Tropfen auf der Haut oder in der Atemluft reicht, um die Opfer zu kontaminieren. Nach 30 Sekunden bis zwei Minuten zeigen sich die ersten Symptome. Der Körper reagiert mit Krämpfen, dann setzt die Lähmung ein. Am Ende fällt die Atmung aus und es kommt zum Tod.

Als Gegenmittel gilt Atropin. Dieses stammt von der Tollkirsche und stoppt die von dem Kampfstoff ausgelöste Reizüberflutung im zentralen Nervensystem. Dabei gilt wie nach allen Nervengift-Einsätzen: Je schneller das Atropin verabreicht wird, desto grösser sind die Chancen auf Heilung. Doch auch wer dank des Atropins überlebt, muss sich auf schwere und bleibende Schäden einstellen.

Das zeigt ein Fall aus dem Jahr 1987, als ein Forscher im sowjetischen Nowitschok-Labor mit Partikeln des Gifts in Berührung kam, wie Bild.de schreibt: Der Betroffene sollte sich trotz sofort ergriffener Gegenmassnahmen nie wieder von der Kontaminierung erholen. Bis zu seinem Tod fünf Jahre später litt er an verschiedenen schweren Krankheiten – unter anderem an Hepatitis, Leberzirrhose, Epilepsie und anhaltender Muskelschwäche.

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