Zypern-Krise: «Es ist ein Jammer, alles zu verlieren»
Aktualisiert

Zypern-Krise«Es ist ein Jammer, alles zu verlieren»

Ein bitteres Beispiel zeigt: Es sind nicht nur die russischen Oligarchen, die in Zypern Verluste betrauern. Die wahren Katastrophen erleben die einfachen Menschen.

von
Menelaos Hadjicostis
AP
Kürzlich gingen Tausende von Bankern in der Hauptstadt Nikosia auf die Strasse, um gegen den Zugriff auf ihre Pensionsfonds zu protestieren, die bei Laiki und der Bank of Cyprus geführt werden.

Kürzlich gingen Tausende von Bankern in der Hauptstadt Nikosia auf die Strasse, um gegen den Zugriff auf ihre Pensionsfonds zu protestieren, die bei Laiki und der Bank of Cyprus geführt werden.

Zwei Jahre ist es her, da wurde bei Costas Kalapodas ein Hirntumor diagnostiziert. Die Ärzte gaben dem 43-Jährigen nur noch wenige Monate zu leben. Vor seinem Tod wollte er noch die Zukunft seiner Kinder regeln, die Ausbildung für den neun Jahre alten Jannis und die vierjährige Rita sichern. Er nahm all seine Ersparnisse, dazu noch einen Kredit über 47 000 Euro und kaufte davon Aktien der Bank of Cyprus. Seine Frau Maria instruierte er, die Aktien bei einem Kurs von einem Euro zu verkaufen. Jannis und Rita hätten dann ein finanzielles Polster von 500 000 Euro gehabt.

Die grösste Bank Zyperns galt ihm als Fels in der Brandung. Costas Kalapodas selbst war einer ihrer stolzen Angestellten. Als er im vergangenen November den Kampf gegen die Krankheit verlor, starb er in dem Glauben, dass sein Investment sicher ist, wie seine Frau erzählt. Wenige Monate später ist das Geld nahezu komplett verloren. Nach dem mit der EU ausgehandelten Rettungspaket, dem die zyprische Regierung zustimmte, sind die Aktien quasi wertlos.

«Ich fühle mich verloren»

«Costas war sich so sicher, er hat alles bis ins Detail genau geplant», sagt die 35 Jahre alte Witwe, die seit 1999 selbst an der Börse in Zypern arbeitet. Wie viel Geld ihr Mann genau investiert hat, weiss sie nicht. Aber es spielt jetzt auch keine Rolle mehr. Zusätzlich zum Verlust der Ersparnisse ihres Mannes kommt noch der Kredit dazu, den er aufgenommen hat. Wie sie die kommenden Jahre überstehen sollen, weiss sie nicht.

«Ich will mich nicht aus der Verantwortung stehlen. Aber warum soll ich für Aktien bezahlen, die wertlos sind. Ganz besonders, wenn sie eigentlich dafür gedacht waren, die Zukunft meiner Kinder zu sichern», sagt sie und fügt hinzu: «Es ist unglaublich, was in diesem Land passiert. Ich fühle mich verloren.»

Ground Zero für Wirtschaftsexperimente

Laut dem Rettungspaket der Europäischen Union erhält Zypern von seinen europäischen Partnern und dem IWF zehn Milliarden Euro Hilfskredite. Doch muss es einen Eigenanteil von knapp sechs Milliarden Euro erbringen und dafür den übergrossen Bankensektor stutzen und auf grosse Bankguthaben zugreifen. Bei Guthaben von mehr als 100 000 Euro sollen bei der Bank of Cyprus bis zu 60 Prozent und bei der Laiki-Bank, die zerschlagen wird, sogar bis zu 80 Prozent verloren gehen.

Viele glauben, dass Zypern so etwas wie der Ground Zero für Wirtschaftsexperimente der radikalsten Form geworden ist: Internationalen Gläubigern wird erlaubt, auf zyprische Vermögen zuzugreifen, um Steuerzahler anderswo nicht für die Fehler der Banken zur Verantwortung ziehen zu müssen.

Kollateralschäden

«Wenn solche drastischen Entscheidungen getroffen werden, gibt es immer Kollateralschäden», sagt der Wirtschaftswissenschaftler Sofronis Clerides von der Universität von Zypern. «Mein Eindruck ist, dass solche Entscheidungen auf einem so hohen makroökonomischen Level getroffen werden, dass von dort oben schwer zu sehen ist, was am Erdboden passiert.»

Kürzlich gingen Tausende von Bankern in der Hauptstadt Nikosia auf die Strasse, um gegen den Zugriff auf ihre Pensionsfonds zu protestieren, die bei Laiki und der Bank of Cyprus geführt werden. Zudem droht vielen der Verlust des Arbeitsplatzes, wenn Zypern tatsächlich den Bankensektor zusammenstutzt.

«Jeder, der hier steht, verliert eine Menge Geld. Das Geld, für das er sein ganzes Leben lang gearbeitet hat», sagt Marios Koullouros. «Ich habe 27 Jahre für Laiki gearbeitet. Ich finde, es ist ein Jammer, alles zu verlieren.»

Druck auf die Regierung

Der Druck auf die zyprische Regierung ist enorm. Man habe sichergestellt, dass die Laiki-Pensionsfonds nicht komplett verloren gehen, erklärte ein Regierungssprecher. Der neue Finanzminister Harris Georgiades verhandelt demnach mit den Gewerkschaften, um die Verluste möglichst gering zu halten.

All das ist nur ein schwacher Trost für Maria Kalapodas. Sie habe mit Anwälten gesprochen, die ihr zu einer Klage geraten hätten, weil in ihrem Fall möglicherweise gegen nationales Recht verstossen worden sei. Sie denke noch darüber nach. Im Moment tut sie das, was viele Zyprer machen. Sie hält sich fest an dem, was sie hat. «Ich möchte nur, dass meine Kinder und ich gesund sind», sagt sie. «Gott wird es richten.»

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