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«Es ist grässlich hier, jeder will nach Hause»

Vor ihrer zweiten Nacht im Superdome dürfen sie endlich für ein paar Minuten nach draussen, frische Luft schnappen.

9.000 Menschen haben im Footballstadion von New Orleans Zuflucht vor dem Hurrikan «Katrina» gesucht, und in der Arena der New Orleans Saints ist es zwar sicher, aber stickig, feucht, und - abgesehen von der Notbeleuchtung - grösstenteils dunkel. «Oh Gott, frische Luft, das ist wunderbar», sagt Robin Smith. Schon am Montagvormittag fiel die Klimaanlage aus, bis zum Abend waren die Waschräume völlig verdreckt, die Mülleimer quellen über.

«Es ist heiss, es ist grässlich hier, und jeder will nach Hause», sagt Rosetta Junne. Eine 23-Jährige bestätigt: «Wir alle wollen zu Hause sein. Wir wissen, dass wir nicht zu Hause sein können, aber man kann nichts dagegen machen, dass man frustriert ist».

Shanda Wilson gehört zu den Glücklichen, die am Montagabend kurz nach draussen dürfen. «Ich habe noch nie so viel Dunkelheit gesehen», staunt die 29-Jährige - mit den ersten Ausläufern von «Katrina» ist in New Orleans der Strom ausgefallen, die Stadt liegt komplett im Dunkeln.

Schwer haben es im Superdome vor allem die Alten und Kranken in Rollstühlen. Rad an Rad stehen sie, in fünf Reihen an der Wand. Der Infusionsbeutel eines Patienten ist provisorisch an einem Schild befestigt. Die Verantwortlichen zerbrechen sich die Köpfe, wo sie die gebrechlichen Flüchtlinge besser unterbringen können. «Es ist zu heiss, zu primitiv, zu unbequem für die Patienten, und das medizinische Personal hat Schwierigkeiten mit der Arbeit», sagt der Arzt Kevin Stephens. Zwei Menschen seien in der Arena bereits gestorben, erklärt Superdome-Vizepräsident Doug Thornton. Einzelheiten nennt er nicht.

Den Montag haben die Flüchtlinge, die kein Auto oder kein Geld hatten, um die Stadt zu verlassen, auf den Sitzreihen der Arena verbracht. Andere haben es sich auf Decken und Handtüchern auf dem Boden mehr oder weniger gemütlich gemacht. Sie spielen Karten oder lesen, soweit die Notbeleuchtung das zulässt. Zwei Mahlzeiten erhalten sie täglich.

Verdreckte Waschräume und keine Klimaanlage

Ins Dach des Stadions hat «Katrina» mehrere Löcher gerissen, auch durch Fahrstühle und Treppenschächte peitscht die Nässe herein. Als das Dach in Mitleidenschaft gezogen wurde, habe sie Angst bekommen, sagt die 82-jährige Anice Sexton. «Abgesehen davon war es nicht so schlimm. Die Leute sind so nett und kooperativ. Nur die Waschräume sind schrecklich.» Harald Johnson sieht das nicht so gelassen. «Ich hätte zu Hause bleiben und sehen können, wie mein Dach weggerissen wird», schimpft der 43-Jährige. «Stattdessen bin ich hierher gekommen und habe gesehen, wie das Dach des Superdome weggeblasen wird».

Der Arzt Thuong Vo wollte eigentlich seine Hochzeitsreise in New Orleans verbringen, als er und seine schwangere Frau am Sonntag in den Superdome gebracht wurden. Seitdem versorgt er tagsüber Kranke und schläft nachts auf dem Betonboden. Er versucht das Beste aus der Situation zu machen: «Das war mit Sicherheit eine ereignisreiche Hochzeitsreise.» (dapd)

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