Weltfrauentag: «Es ist halt nicht cool, diskriminiert zu werden»
Aktualisiert

Weltfrauentag«Es ist halt nicht cool, diskriminiert zu werden»

Spricht man junge Schweizerinnen auf Gleichberechtigung an, rümpfen sie die Nase und sagen: «Haben wir doch schon!». Historikerin Fabienne Amlinger von der Uni Bern erklärt warum.

von
Jessica Pfister
Geschlechterforscherin Fabienne Amlinger ist wenig überrascht, dass sich junge Frauen kaum ungleich behandelt fühlen.

Geschlechterforscherin Fabienne Amlinger ist wenig überrascht, dass sich junge Frauen kaum ungleich behandelt fühlen.

Unsere Umfrage hat gezeigt: Gleichstellung ist bei den Frauen unter 20 Jahren kaum ein Thema mehr. Wie erklären Sie sich das?

Fabienne Amlinger: Es verwundert mich wenig, dass Frauen unter 20 sich nicht oder kaum ungleich behandelt oder benachteiligt fühlen. Gerade in Sachen Bildung haben sie in den letzten Jahrzehnten enorm aufgeholt. Heute besuchen mehr Mädchen das Gymnasium als Knaben und es gibt Studienrichtungen, bei denen Frauen klar in der Mehrzahl sind. Sobald man aber die Statistiken zu den höheren Bildungsabschlüssen anschaut – also die Doktoratsstufe oder Lehrstühle – präsentiert sich ein ganz anderes Bild.

Das scheint die jungen Frauen nicht zu stören.

Es sind Realitäten, die 20-jährige Frauen noch nicht aus eigener Erfahrung kennen. Auch die Diskriminierungen im Berufsleben werden oft erst später deutlich. Dass ich weniger verdiene als mein Arbeitskollege, der die gleichen Aufgaben erledigt, merke ich meistens nicht mit 20. Genauso wenig wie die Schwierigkeiten bei der Jobsuche, weil man im gebärfähigen Alter ist. Selbstverständlich kennen jüngere Frauen andere Benachteiligungen aufgrund ihres Geschlechts.

Welche?

Denken wir nur an den Sexismus – ein Thema, über das momentan offenbar mal wieder mit viel Unwissen diskutiert wird. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder fehlende Gleichberechtigung wahrzunehmen, ist schmerzlich. Und es ist nicht cool diskriminiert zu werden oder gar Opfer zu sein. Lieber zeigen sich da junge Frauen stark und wollen nichts wissen von Ungleichbehandlungen.

Vielleicht wollen sich die jungen Frauen mit solchen Aussagen auch von ihren Müttern distanzieren, die für Gleichberechtigung gekämpft haben?

Das komische Bild wird immer wieder gebraucht: eine Müttergeneration, die stärker gekämpft hat als ihre Töchtergeneration. Dabei gab es in jeder Generation Kämpfe. Einige waren öffentlichkeitswirksamer und sind deswegen besser in Erinnerung als andere. Und gegenüber was genau sollte sich denn die jüngere Generation abgrenzen? Gegen das Recht auf Selbstbestimmung? Gegenüber dem Kampf gegen Gewalt an Frauen? Oder Lohngleichheit?

Auffallend in der Umfrage war das unterschiedliche Männerbild der Generationen. Jüngere Frauen wünschen sich einen Macho, mit dem sie sich streiten können, ältere sehnen sich nach einem gleichberechtigten Partner, der sie respektiert. Ist das eine Art von Abgrenzung?

Ich bezweifle stark, dass junge Frauen – die oft ja sehr gut ausgebildet sind – sich eine Zukunft unter der Bevormundung eines Mannes wünschen.

Gleichberechtigung? Die haben wir doch schon

Das vielleicht nicht, aber offenbar doch eine starke Schulter zum Anlehnen. In welche Richtung wird sich wohl die heranwachsende Frauengeneration entwickeln?

Es zeigt sich immer wieder, dass die Geschlechterverhältnisse von Wandel und Persistenz geprägt sind. Während sich in einigen Gebieten Fortschritte bemerkbar machen – zum Beispiel die erwähnte Bildungsexpansion bei den Frauen –, sind auf anderen Gebieten Rückschläge hinzunehmen. Solange wir in einer Gesellschaft leben, in der es Ungerechtigkeiten und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts gibt, wird es in jeder Generation Themen geben, für welche sich Frauen einsetzen – Männer hoffentlich auch!

Fabienne Amlinger ist Historikerin und Geschlechterforscherin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern.

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