Völlig ausgebrannt - «Es ist mein Herzensjob, den ich nun wegen Corona aufgeben muss»
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Völlig ausgebrannt«Es ist mein Herzensjob, den ich nun wegen Corona aufgeben muss»

Die Hauptlast der Corona-Wellen trägt das Pflegepersonal im Spital. Viele von ihnen haben nun genug: «Der Druck ist riesig», sagt etwa J.S.

von
Noah Knüsel
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Druck, Stress und viel Arbeit: In der Pandemie kündigen immer mehr Pflegende. Eine davon ist J.S.* Die 31-Jährige arbeitet auf einer Spitalstation, auf der sehr viele Corona-Patientinnen und -Patienten versorgt werden.

Druck, Stress und viel Arbeit: In der Pandemie kündigen immer mehr Pflegende. Eine davon ist J.S.* Die 31-Jährige arbeitet auf einer Spitalstation, auf der sehr viele Corona-Patientinnen und -Patienten versorgt werden.

privat
«Ich bin völlig ausgebrannt», sagt S. Die Arbeit in der Pandemie sei «schrecklich» gewesen: «Neben der stark erhöhten Arbeitsbelastung war auch der psychische Druck riesig.»

«Ich bin völlig ausgebrannt», sagt S. Die Arbeit in der Pandemie sei «schrecklich» gewesen: «Neben der stark erhöhten Arbeitsbelastung war auch der psychische Druck riesig.»

20min/Jacqueline Straub (Symbolbild)
Der Gesundheitszustand von Covid-Patientinnen und -Patienten habe sich sehr schnell verschlechtern können, so S.: «Teilweise wussten wir nicht, ob dann noch ein Intensivbett frei sein würde.»

Der Gesundheitszustand von Covid-Patientinnen und -Patienten habe sich sehr schnell verschlechtern können, so S.: «Teilweise wussten wir nicht, ob dann noch ein Intensivbett frei sein würde.»

20min/Jacqueline Straub (Symbolbild)

Darum gehts

  • Wegen der hohen Arbeitsbelastung und des psychischen Drucks hängen immer mehr Pflegende ihren Job an den Nagel.

  • Eine davon ist J.S.* «Ich bin völlig ausgebrannt», sagt sie.

  • «Es ist mein Herzensjob, den ich nun wegen Corona aufgeben muss», so die 31-Jährige.

  • Dass sich wegen Corona die Probleme im Pflegebereich weiter zuspitzten, bestätigt Yvonne Ribi, die Geschäftsführerin des Berufsverbands der Pflegefachpersonen SBK.

  • Es brauche nun eine Ausbildungsoffensive und bessere Arbeitsbedingungen

Pflegende leiden besonders stark unter der Pandemie. Neben Pöbeleien setzt ihnen auch die grosse Arbeitsbelastung zu. Das Pflegepersonal sei müde, sagt Yvonne Ribi, die Geschäftsführerin des Berufsverbands der Pflegefachpersonen SBK: «Wir stehen seit anderthalb Jahren an vorderster Front.» Sie befürchtet wegen Corona einen Exodus in der Pflege: «Es gibt erste Hinweise darauf, immer mehr steigen aus.»

Eine davon ist J.S.* Sie ist Pflegefachfrau in einem Zürcher Spital und arbeitet auf einer Station, auf der sehr viele Corona-Patientinnen und -Patienten versorgt werden. Vor wenigen Wochen – mitten in der vierten Welle – hat sie gekündigt, wie die 31-Jährige erzählt: «Ich bin völlig ausgebrannt.»

Auch Junge kündigen

Die Arbeit in der Pandemie sei «schrecklich» gewesen: «Neben der stark erhöhten Arbeitsbelastung war auch der psychische Druck riesig.» Der Gesundheitszustand von Covid-Patientinnen und -Patienten habe sich sehr schnell verschlechtern können, so S.: «Teilweise wussten wir nicht, ob dann noch ein Intensivbett frei sein würde.»

In der vierten Welle habe man stark gemerkt, dass das ganze Team am Anschlag sei: «Die meisten haben die Nase voll von Corona und wollen nur noch, dass es endlich vorbei ist.» Es gebe viele Kündigungen in ihrem Spital, so S.: «Auch Junge kehren dem Job den Rücken.»

«Gebe Herzensjob auf»

S. will zunächst einmal ganz weg aus dem Gesundheitswesen: «Es war sehr schwer, mir einzugestehen, dass ich das nicht mehr schaffe.» Im Pflegebereich zu arbeiten sei ein Kindheitstraum gewesen: «Es ist mein Herzensjob, den ich nun wegen Corona aufgeben muss.»

Es habe bereits vor der Pandemie viele Probleme in der Pflege gegeben, so S.: «Für viele war Corona aber der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.»

Ausbildungsoffensive und mehr Lohn

Dass sich wegen Corona die Probleme im Pflegebereich weiter zuspitzten, bestätigt Yvonne Ribi vom SBK: «Der Hauptausstiegsgrund für Pflegefachpersonen war schon länger emotionale Erschöpfung: Druck und Stress sind sehr hoch.»

Es brauche nun eine Ausbildungsoffensive, so Ribi. Gleichzeitig müsse aber auch sichergestellt werden, dass die ausgebildeten Personen in der Pflege bleiben. Dafür müssten sich die Arbeitsbedingungen verbessern: «Es braucht eine bessere Abgeltung der Pflegeleistungen und mehr Personal auf den Schichten.» Sonst könne irgendwann die Qualität der Pflege nicht mehr sichergestellt werden.

* Name der Redaktion bekannt

«Rekrutierung wird schwieriger»

Konkrete Zahlen zu Ein- und Austritten in der Pflege nennen verschiedene angefragte Spitäler nicht. Die Personalfluktuation bewege sich im gewohnten Rahmen, teilen etwa das Unispital Basel oder die Berner Insel-Gruppe mit. Die Rekrutierung von Pflegefachpersonen werde aber immer schwieriger, heisst es etwa bei der Privatklinik-Gruppe Hirslanden: «Das vor allem in Spezialgebieten wie der Intensivbetreuung.» Marc Kohler vom Spital Thurgau sagt zudem: «Es wird oft darüber gesprochen, dass die Pflegenden frustriert und erschöpft sind.»

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