Experte über Basler Roma-Bettler - «Es ist nicht realistisch, dass diese Roma-Bettler eine Arbeit finden»
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Experte über Basler Roma-Bettler«Es ist nicht realistisch, dass diese Roma-Bettler eine Arbeit finden»

In Basel soll das Betteln künftig an vielen Orten untersagt werden. 20 Minuten hat den Rumänien-Experten Michael Derrer zur Lage der Roma-Bettelnden befragt und die Aussagen einer Bettlerin einordnen lassen.

von
Seline Bietenhard

Madalina Miu (26) würde gerne in der Schweiz bleiben und hier arbeiten, sagte sie im Gespräch mit 20 Minuten.

20 Minuten/Alexia Mohanadas

Der Basler Regierungsrat hat diese Woche beschlossen, dass Betteln künftig an vielen Orten untersagt werden soll. So soll das Betteln im öffentlichen Raum verboten werden, wenn dabei die öffentliche Sicherheit gestört werde. Bei Bankomaten, Bahnhofseingängen und vor Banken und Geschäften soll das Betteln verboten werden.

Am Mittwoch hat 20 Minuten mit der Roma-Bettlerin Madalina Miu über die geplanten Verbote und ihre Situation gesprochen. Dabei äusserte die 26-Jährige den Wunsch, in der Schweiz zu arbeiten. Wegen Arbeitssuche sei sie letztes Jahr auch nach Basel gekommen, behauptete sie. Wenig Worte verlor sie indes über die Rolle ihrer Familie, die ebenfalls hier bettelt. 20 Minuten hat ihre Aussagen von Rumänien-Kenner Michael Derrer einordnen lassen. Er hat 30 Jahre Erfahrung mit Osteuropa und hat unter anderem in Rumänien studiert.

Die Aussage der Roma-Bettlerin, dass sie sich eine Arbeit suchen möchte, beurteilt Derrer als skeptisch. «Ich sehe dies als Ausrede, damit die Frau nicht sagen muss, dass sie nur zum Betteln in die Schweiz gekommen ist», sagt Derrer. Er denke, dies sei bei den meisten rumänischen Bettlern der Fall. Es sei nicht realistisch, dass diese Roma-Bettler eine Arbeit finden. Laut Derrer würde es keine Arbeitgeber geben, die eine Arbeitsbewilligung einholen würden. «Diese Personen sind nirgends angemeldet, sie haben keinen festen Wohnsitz. Die meisten können in der Regel nicht gut Deutsch», erklärt Derrer. Unter diesen Umständen sei es schwierig, eine Arbeit zu finden.

«Das Betteln verstärkt Verhaltensweisen und Strukturen, die nicht mehr zeitgemäss sind»

Michael Derrer, Rumänien-Kenner

In der Regel haben gemäss Derrer solche Roma-Bettelnden keine Ausbildung und nur eine unvollständige Schulbildung. Einige seien auch Analphabeten. «Es fehlt ihnen die Gewohnheit, einer Arbeit nachzugehen», sagt Derrer. Das Betteln sei eine Tradition der rumänischen Roma. Es gebe in Rumänien aber durchaus auch Roma, die als Strassenreiniger arbeiten würden. Das Betteln verstärke Verhaltensweisen und Strukturen, die nicht mehr zeitgemäss seien.

Eine Möglichkeit wäre laut Derrer ein Experiment, wo man arbeitswilligen Roma eine Arbeit geben würde. Das könne das Säubern eines Waldweges sein oder auch eine Arbeit als Erntehelfer. «Dann würde man schauen, wie viele das Angebot auch annehmen würden und wie gut sie ihre Arbeit machen würden», so Derrer. Er vermutet aber, dass die meisten den Anforderungen der Arbeitgeber nicht entsprechen würden.

Die rumänischen Bettelnden in Basel sind in Familienclans organisiert. «Das sind Grossfamilien mit unzähligen Cousinen und Cousins», sagt Derrer. Ob sie auch tatsächlich alle Cousins seien, sei dahingestellt. Diese Clans hätten einen gewissen Organisationsgrad, wo auch Verwandte nachgeholt würden. Zwar sei die Organisation nicht so wie bei einer Firma, doch es würde alles meist reibungslos verlaufen.

«Es ist falsche Humanität, Betteln als Menschenrecht zu bezeichnen»

Michael Derrer

Der Rumänien-Experte ist für ein Bettelverbot. «Ich finde es eine falsche Humanität, wenn erlaubtes Betteln als Menschenrecht betitelt wird», sagt Derrer. Das Betteln solle verboten werden, aber es müsse den Menschen auf eine andere Weise geholfen werden. «Es wäre wichtig, dass Kinder in Rumänien eine möglichst vollständige Bildung erhalten und einen Beruf lernen.» Mit Projekten vor Ort könnten Kinder besser unterstützt werden, so Derrer. Denn Rumänien leide unter einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und würde von besser ausgebildeten Arbeitern profitieren.

Michael Derrer begleitet Schweizer Unternehmen, die in Osteuropa Fuss fassen möchten. Der Rumänien-Kenner hat zwei Jahre lang in Bukarest studiert und hat sich dort auch politisch engagiert. An den osteuropäischen Ländern faszinieren ihn vor allem die bedeutenden kulturellen Unterschiede.

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