Maskenpflicht bei Primarschülern: «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Kind im Turnunterricht umkippt»
Publiziert

Maskenpflicht bei Primarschülern«Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Kind im Turnunterricht umkippt»

In Zürich gilt für Schüler ab der vierten Klasse die Maskenpflicht. Laut Lehrerin I.S. erschwert das ständige Tragen der Maske den Unterricht – für die Kinder wie für die Lehrpersonen. Der Schweizer Lehrerverband zeigt Verständnis.

von
Michelle Muff
(20 Minuten)
Dafina Eshrefi
1 / 5
Beim Znüni, in der Pause und im Turnunterricht: Seit einer Woche gilt im Kanton Zürich für Kinder ab der vierten Primarstufe die generelle Maskenpflicht. Im Kanton Luzern zieht man ab nächstem Montag nach: Ab dem 1. Februar müssen dort neu auch Schüler ab der fünften Klasse einen Mundschutz tragen. 

Beim Znüni, in der Pause und im Turnunterricht: Seit einer Woche gilt im Kanton Zürich für Kinder ab der vierten Primarstufe die generelle Maskenpflicht. Im Kanton Luzern zieht man ab nächstem Montag nach: Ab dem 1. Februar müssen dort neu auch Schüler ab der fünften Klasse einen Mundschutz tragen.

Foto: Getty Images/iStockphoto
Das Unterrichten mit Maske verändere die Dynamik im Unterricht, erzählt I.S. (24)*. Sie arbeitet als Aushilfslehrerin in einer Zürcher Primarschule.  

Das Unterrichten mit Maske verändere die Dynamik im Unterricht, erzählt I.S. (24)*. Sie arbeitet als Aushilfslehrerin in einer Zürcher Primarschule.

Foto: Getty Images
«Durch die reduzierte Gesichtsmimik gestaltet sich die Kommunikation zwischen den Schülern und den Lehrpersonen sehr viel schwieriger.»

«Durch die reduzierte Gesichtsmimik gestaltet sich die Kommunikation zwischen den Schülern und den Lehrpersonen sehr viel schwieriger.»

Foto: Getty Images

Darum gehts

  • Seit einer Woche müssen Schüler ab der vierten Klasse im Unterricht eine Maske tragen.

  • Durch die Masken gestalte sich der Unterricht schwieriger, sagt Lehrerin I.S. (24).

  • Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) sowie der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband bestätigen, dass die Auflagen den Unterricht erschweren.

  • Dennoch sei dies immer noch besser als Fernunterricht, so die Präsidenten der Verbände.

«Der Unterricht gestaltet sich definitiv schwieriger, wenn Kinder wie Lehrperson ständig eine Maske tragen müssen», sagt I. S.* (24). S. unterrichtet als Aushilfslehrerin an einer Zürcher Primarschule. Seit neuestem gilt dort – wie im restlichen Kanton Zürich – für alle Schüler ab der vierten Klasse eine generelle Maskenpflicht. «Ob in der Pause, im Sportunterricht oder beim Umziehen in der Garderobe – die Maske darf von den Kindern auf dem Schulhausareal nie abgezogen werden.»

Das nerve die Schüler, so S.: «Viele fragen mich immer wieder, ob die Maske auf dem Pausenhof und beim Sport wirklich sein müsse.» Denn gerade im Sportunterricht schränke die Gesichtsbedeckung ein: «Die Schüler sind viel schneller ausser Atem. Wir gestalten das Sportprogramm zwar einfacher – dennoch sagen viele Schüler immer wieder, dass sie kaum Luft kriegen.»

Sie erkundige sich deswegen im Unterricht regelmässig, wie es den Schülern geht, sagt S.: «Wenn die Kinder sehr unruhig werden, gehe ich kurz mit ihnen raus und gestatte ihnen, unter genügend Abstand kurz die Maske abzunehmen. Sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein Kind im Sportunterricht umkippt.»

«Für fremdsprachige Schüler ist der Unterricht schwieriger»

Die neuen Auflagen veränderten die Dynamik des Unterrichts nicht nur beim Sport, so S.: «Durch die reduzierte Gesichtsmimik gestaltet sich die Kommunikation zwischen den Schülern und den Lehrpersonen sehr viel schwieriger.» Gerade für Schüler, die Deutsch als Zweitsprache haben, sowie im Fremdsprachenunterricht erschwere die abgedeckte Mundpartie den Unterricht: «Wenn man eine Sprache lernt, orientiert man sich stark an den Lippenbewegungen. Durch die Maske kommt es daher häufiger zu Verständnisproblemen.»

Auch für S. ist das Kommunizieren mit ihren Schülern schwieriger geworden: «Wenn die Kinder im Unterricht Unsinn machen, reicht normalerweise ein strenger Blick, und sie wissen genau, was ich von ihnen möchte. Mit der Maske geht das nicht mehr: Man muss den Kindern direkte, verbale Anweisungen geben.» Ebenso sei es, wenn sie positives Feedback überbringen möchte: «Die Kinder sehen mein Lächeln nicht – wo normalerweise ein Blick reicht, muss jetzt mehr mit Worten gearbeitet werden.» Trotz der Schwierigkeiten, die der Unterricht mit Maske mit sich bringt, werden die Massnahmen grösstenteils gut umgesetzt: «Die meisten Kinder halten sich an die Anweisungen der Lehrpersonen.»

«Maskenpflicht ist das kleinere Übel»

Dagmar Rösler, Präsidentin des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), bestätigt, dass die Maskenpflicht beim Unterrichten Schwierigkeiten mit sich bringt: «Die Kommunikation ist nicht dieselbe wie ohne Maske.» So sei etwa die Verständigung und das Lernen im Fremdsprachenunterricht eine zusätzliche Herausforderung mit Masken. «Auch für die Lehrpersonen ist es schwieriger, sich wegen der Akustik durchzusetzen.» Rösler könne es deswegen «absolut nachvollziehen», dass die neuen Auflagen bei Lehrpersonen nicht Begeisterungsstürme auslösen. Dennoch betont sie, dass auch unter diesen Umständen ein guter Unterricht möglich sei: «Wir müssen die Schulen wenn immer möglich offen halten. Die Maske bietet einen Weg, dies zu ermöglichen.»

Ähnlich sieht es auch Peter Hugi, Präsident des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes: «Die Maske schränkt die nonverbale Kommunikation ein – das ist beim Lernen ein Hindernis.» «Die Erfahrungen im Frühjahr 2020 zeigten, dass der Fernunterricht negative Auswirkungen auf die Chancengerechtigkeit und den allgemeinen Lernfortschritt hat.» Etliche Kinder und Jugendliche hätten zudem auch sozial und emotional unter den Schulschliessungen gelitten: «Insofern ist die Maskenpflicht aus pädagogischer Sicht das kleinere Übel.»

Mehr Personal und Räumlichkeiten

Susanne Walitza, Kinderpsychologin und Direktorin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich teilt die Ansicht:«Für die Kinder ist es eine viel grössere Belastung, auf die Schule zu verzichten, als Masken zu tragen.» Es sei unbestritten, dass die Schulstruktur und der soziale Austausch dort für die Kinder von enormer Bedeutung seien.

«Nicht zuletzt sind Kinder bei Schulschliessungen Gefahren wie Isolation, Depression und allfälligen häuslichen Konftlikten ausgesetzt», sagt Walitza. Daher müssten sowohl Schulen als auch Kindergärten bei der Umsetzung der Corona-Massnahmen mit Personal und mehr Räumlichkeiten unterstützt werden: «Das muss sich in Zukunft verbessern.»

* Name der Redaktion bekannt

Hast du oder jemand, den du kennst, Mühe mit der Corona-Zeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Tel. 147

Deine Meinung

861 Kommentare