Aktualisiert 27.08.2018 21:35

CS-Jugendbarometer

«Es ist schade, dass wir so grossen Druck haben»

Mehr als jeder dritte Jugendliche zwischen 16 und 25 gibt an, unsicher und nervös zu sein. Das liege auch am Leistungsdruck, so ein Experte.

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nk/the
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Über ein Drittel der Schweizer zwischen 16 und 25 hat neurotische Persönlichkeitsmerkmale. Das zeigt das Credit-Suisse-Jugendbarometer. «Solche Menschen können schlecht mit Stress umgehen, machen sich oft Sorgen und werden leicht nervös», erklärt die Studien-Mitautorin Cloe Jans.

Über ein Drittel der Schweizer zwischen 16 und 25 hat neurotische Persönlichkeitsmerkmale. Das zeigt das Credit-Suisse-Jugendbarometer. «Solche Menschen können schlecht mit Stress umgehen, machen sich oft Sorgen und werden leicht nervös», erklärt die Studien-Mitautorin Cloe Jans.

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Jans ortet einen Grund für die grosse Unsicherheit der Schweizer Jugendlichen in deren Verlustangst: «Wir wachsen oft in einem behüteten Umfeld auf und haben viel zu verlieren. Das kann dazu führen, dass wir uns eher Sorgen machen.»

Jans ortet einen Grund für die grosse Unsicherheit der Schweizer Jugendlichen in deren Verlustangst: «Wir wachsen oft in einem behüteten Umfeld auf und haben viel zu verlieren. Das kann dazu führen, dass wir uns eher Sorgen machen.»

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Grossen Druck erleben viele aus dem Umfeld der 18-jährigen Maria (l.): «Gerade an der Kanti herrscht Konkurrenzdenken.» Ihre Freundin Anna (r.) ergänzt: «Ich finde es schade, dass wir so grossem Druck ausgesetzt sind.»

Grossen Druck erleben viele aus dem Umfeld der 18-jährigen Maria (l.): «Gerade an der Kanti herrscht Konkurrenzdenken.» Ihre Freundin Anna (r.) ergänzt: «Ich finde es schade, dass wir so grossem Druck ausgesetzt sind.»

20 Minuten/nk

Emotional labil, schüchtern und gehemmt: Das Credit-Suisse-Sorgenbarometer schreibt 37 Prozent der jungen Schweizer zwischen 16 und 25 Jahren «neurotische Persönlichkeitsmerkmale» zu. Zum Vergleich: In Singapur, den USA und Brasilien liegt dieser Anteil zwischen 18 und 20 Prozent.

«Solche Menschen können schlecht mit Stress umgehen, machen sich oft Sorgen und werden leicht nervös», erklärt Studien-Mitautorin Cloe Jans. Neurotizismus ist eine Dimension im «Big Five»-Persönlichkeitsmodell (siehe Box).

«Alle denken, sie müssen sich verwirklichen»

Grossen Druck erleben viele aus dem Umfeld der 18-jährigen Maria: «Gerade an der Kanti herrschen Stress und Konkurrenzdenken.» Dabei seien sich viele nicht einmal sicher, ob sie wirklich an die Uni wollten, ergänzt ihre Freundin Anna: «Ich finde es schade, dass wir so grossem Druck ausgesetzt sind.» In der Schweiz gehe es zwar vielen materiell sehr gut, so Maria: «Das heisst aber nicht, dass die Leute glücklich sind.»

Für den 24-jährigen Studenten C.S. gibt es noch ein weiteres Problem: «Wir haben hier alle Möglichkeiten. Deshalb denkt jeder, er müsse sich selber verwirklichen und macht sich unnötig Druck.» Dem 22-jährigen Micha Merz fällt eine gehemmte Grundstimmung in der Schweiz auf. Im Ausland verhielten sich Schweizer aber anders als zu Hause, so der Koch: «Dann sind sie meist sehr aufgeschlossen.»

Der Student J.F. bemerkt hingegen nichts von Schüchternheit und Nervosität: «Das fällt mir weder bei mir noch bei meinen Freunden auf.» Er sei sportlich sehr aktiv, so der 21-Jährige: «Dort lernt man, auf eine positive Art mit Druck und Kritik umzugehen.»

Konkurrenzgesellschaft fördert neurotisches Verhalten

Jans ortet einen Grund für die grosse Unsicherheit der Schweizer Jugendlichen in deren Verlustangst: «Wir wachsen oft in einem behüteten Umfeld auf und haben viel zu verlieren. Das kann dazu führen, dass wir uns eher Sorgen machen.» Zudem habe man in der Schweiz viele Optionen, zwischen denen man sich entscheiden müsse: «Auch das kann zur Unsicherheit beitragen», so Jans.

Laut Luca Bertossa, wissenschaftlicher Leiter der Eidgenössischen Jugendbefragungen ch-x, ist die Unsicherheit und Gehemmtheit zwar ein stark biologisch bedingter Persönlichkeitsfaktor, externe Aspekte können ihn aber verstärken: «In einer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft wie der unseren ist das Vorhandensein von Faktoren, die das begünstigen, sicher gross.» Die Anforderungen in Schule und Beruf seien stark gewachsen. Diese Tendenz könne man in vielen der wirtschaftlich hochentwickelten westlichen Gesellschaften beobachten.

Jobs im Bildungssektor am beliebtesten

Die Unsicherheit wirkt sich auch auf die Berufswahl aus: Während in den USA, Singapur und Brasilien die IT- und Tech-Branche mit Abstand an oberster Stelle der bevorzugten Sektoren steht, kommt sie in der Schweiz erst an fünfter Stelle. Beliebter sind Jobs im Bildungsbereich, in der Medien- und der Tourismusbranche und in der Verwaltung.

Diese Berufe seien wegen unseres grossen Sicherheitsbedürfnisses so begehrt, so die Politikwissenschaftlerin Jans: «Sie bieten gute Rahmenbedingungen und sind relativ krisensicher.» In anderen Ländern hätten die Jugendlichen einen stärkeren Drang zum sozialen Aufstieg, sagt sie. «Sie wollen die sich bietenden Chancen ergreifen, auch weil sie sehen, wie die Helden der Techbranche, etwa Mark Zuckerberg oder Elon Musk, gefeiert und vergöttert werden.»

Für Bertossa ist es dagegen schwierig, die Jobwahl an einem einzigen Persönlichkeitsmerkmal festzumachen. «Erst die Kombination der verschiedenen Dimensionen kann gewisse Verhaltenweisen oder die Berufswahl erklären helfen.» Und manchmal spiele auch der Zufall eine grosse Rolle.

Die «Big Five«:

Beim Credit-Suisse-Jugendbarometer wurden die Teilnehmer nach dem Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeitspsychologie untersucht. Es beinhaltet folgende Dimensionen:

Verträglichkeit (Umgang mit anderen Menschen)

Gewissenhaftigkeit

Offenheit (Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, Fantasie)

Extraversion

Neurotizismus

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