Aktualisiert 16.11.2015 10:40

Marc Janko«Es ist sehr unangenehm, gegen uns zu spielen»

Ein Länderspieljahr ohne Niederlage: Das ist nur ein Grund für FCB-Stürmer Marc Janko, das Prestige-Duell gegen die Schweiz gewinnen zu wollen.

von
E.Tedesco & S. Compagno

Es gibt viele Gründe für die Österreicher, gegen die Schweiz siegen zu wollen. Zum einen würden sie ein Länderspieljahr erstmals seit 1996 ungeschlagen beenden, dann spielen sie im Fifa-Ranking um Platz 9. So gut wären die Ösis seit der Einführung der Weltrangliste 1993 noch nie dagestanden. Und dann ist da auch noch Marcel Koller, ihr Schweizer Trainer, der bis in die Haarspitzen motiviert ist und zeigen will, dass sein Team besser ist als seine Landsleute.

Marc Janko, Sie spielen mit Österreich gegen die Schweiz. Welche Bedeutung hat dieses Testspiel für Sie?

Es ist «nur» ein Freundschaftsspiel. Aber natürlich wollen wir es gewinnen. «Nur» ein Freundschaftsspiel ist es jeweils für die Mannschaft, die verliert. Man kann sich von einem Sieg nichts kaufen, aber wir wollen ihn trotzdem.

Um Ihre Weltranglisten-Position vor der Schweiz zu rechtfertigen?

Nein, damit hat das nichts zu tun. Aber seit Marcel Koller bei uns am Ruder ist, gehen wir in jedes Spiel mit dem Ziel zu gewinnen. Egal, wie der Gegner heisst. Das muss für uns zur Selbstverständlichkeit werden. Zudem wollen wir uns von den Fans versöhnlich verabschieden, die uns super unterstützt haben in dieser EM-Qualifikation. Jedes Heimspiel in Wien war ausverkauft.

Diese Begeisterung ist für uns Aussenstehende nicht ganz nachzuvollziehen. Der Österreicher gilt ja als «Grantler», als sehr kritischer Mensch.

In Österreich ist es in der Tat so: Wenn der Erfolg da ist, ist die Begeisterung riesig. Aber beim ersten Dämpfer ist oftmals gleich alles schlecht. Momentan gibt es nicht viel zu jammern. Wir haben zuletzt fast immer gewonnen und wir haben uns erstmals für eine Europameisterschaft qualifiziert. Das ist für die Schweizer anders, für sie ist es ja schon fast zur Gewohnheit geworden.

Was macht Teamchef Marcel Koller anders als seine erfolglosen Vorgänger?

Zuallererst ist er ein guter Psychologe, der jeden Spieler so anspricht, wie er es braucht. Wir haben unterschiedliche Typen in unserer Mannschaft – auch solche, die nicht unbedingt als pflegeleicht gegolten haben, Marko Arnautovic zum Beispiel. Es gab Leute, die fanden, man dürfe Arnautovic nicht mehr in die Nationalmannschaft berufen, weil er das Gefüge zerstöre. Aber Koller hat von Anfang an gesagt: ‹Der Mann ist wichtig, den brauchen wir.› Und mittlerweile ist Arnautovic schon fast sein Lieblingsspieler geworden.

Die anfänglichen Vorbehalte waren selbstverschuldet. Arnautovic war ja eine Art österreichischer Balotelli.

Ja, das war selbstverschuldet. Aber früher war er wohl auch schlecht beraten. Bestimmte Dinge hätte er sich sparen können, aber das weiss er selber. Ich bin mit ihm immer sehr gut ausgekommen und glaube, dass er im Grunde seines Herzens ein guter Junge ist.

Zurück zu Marcel Koller. Wieso hat dieser Schweizer etwas zustande gebracht, das Hickersberger und Constantini beispielsweise nicht geschafft haben?

Ich muss jetzt etwas vorsichtig sein, ich möchte niemanden anschwärzen. Fakt ist, dass es Marcel Koller gelungen ist, eine Einheit zu formen. Es ist für jeden eine Freude, zur Nationalmannschaft zu kommen. Früher gab es immer wieder Absagen, von denen man nicht wusste, wie sie begründet sind. Seit Koller am Ruder ist, sind wir eine verschworene Einheit, der Mythos von den elf Freunden wird wirklich gelebt. Das ist authentisch und kommt beim Publikum auch so an. Zudem legt Marcel Koller sehr viel Wert auf Taktik. Wir haben eine klare Idee, wie wir agieren wollen. Das war nicht immer so. Es gab schon Nationaltrainer, die öffentlich sagten, Taktik sei überbewertet. Das ist leider Fakt.

In Ihrem 4-2-3-1 spielen Sie ein sehr aggressives Pressing.

Ja, das ist eine Spielidee, die uns Koller von Anfang an vermittelt hat. Das haben wir in den letzten Jahren sehr gut ausgeführt und konnten das von Spiel zu Spiel verfeinern. Mittlerweile ist es eine grosse Stärke. Egal, wie der Gegner heisst, es ist momentan sehr unangenehm, gegen uns zu spielen.

Die Spielweise ist sehr kräfteraubend. Könnte das an einer EM mit vielen Spielen in relativ kurzer Zeit nicht zu einem Problem werden?

Wir sind noch nicht im elitären Zirkel einer absoluten Weltklasse-Mannschaft. Deswegen müssen wir etwas mehr Aufwand betreiben.

Was liegt an der EM drin?

Zuallererst sind wir froh, dass wir dabei sind. Dann wollen wir die Vorrunde überstehen. Was danach kommt, ist Zugabe. Es ist eine strapazierte Floskel, aber wir schauen von Spiel zu Spiel.

Vor einem Jahr wollte der Schweizerische Fussballverband den Österreichern den Teamchef abwerben. Zuletzt soll Borussia Mönchengladbach mit Koller geflirtet haben. Wie störend sind diese äusseren Einflüsse für die Nationalmannschaft?

Das ist überhaupt nicht störend, sondern gehört zum Geschäft. Das ist für uns Spieler ja nicht anders. Und bei Marcel Koller liegt es auf der Hand. Er hat überragende Arbeit geleistet und das macht ihn interessant. Das ist logisch.

Wie gross war der Anteil der Mannschaft, dass Koller vor einem Jahr seinen Vertrag verlängert hat?

Ich denke, er hat gespürt, dass wir Spieler sehr gern mit ihm weiterarbeiten wollen. Das haben wir auch immer wieder kommuniziert. Der eine oder andere Spieler hat auf Kollers Social-Media-Kanälen augenzwinkernd Botschaften platziert. Ich habe damals auch geschrieben, so in der Art: «Marcel, hier ist dein Gewissen. Verlängere doch bei uns, es gefällt dir so gut!» Ich denke, er hat auch das Potenzial gesehen, das noch in dieser Mannschaft steckt. Wir sind sehr froh, dass er sich gegen den Job in der Schweiz und für Österreich entschieden hat. Ich bin vor allem froh, weil Marcel Koller doch eine besondere Figur in meiner Karriere war und noch ist.

Rechnen Sie damit, dass er nochmals verlängert?

Es gibt ja noch Ziele. Es ist beispielsweise ein Ziel, sich für die nächste WM zu qualifizieren. Es ist schon etwas länger her, dass Österreich das letztmals geschafft hat. Aber ob das reicht oder ob andere Angebote für ihn interessanter sein könnten, das entzieht sich meiner Kenntnis.

Im Sommer 2016 werden Sie 33. Hört gegebenenfalls mit Koller auch Marc Janko auf?

Er ist auf jeden Fall ein entscheidender Faktor. Es hängt sicher auch davon ab, wer nachkommt, falls Koller nach der EM geht.

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