Aktualisiert 15.03.2020 12:16

Mercedes-CEO«Es ist völlig ok, das Auto stehen zu lassen»

Marc Langenbrinck von Mercedes Schweiz und Gian-Mattia Schucan vom Schweizer Startup Fairtiq bieten E-Kunden bezahlten Umstieg auf den ÖV an.

von
Thomas Borowski
15.3.2020
Marc Langenbrinck von Mercedes-Benz Schweiz und Gian-Mattia Schucan vom Schweizer Startup Fairtiq spannen zusammen.

Marc Langenbrinck von Mercedes-Benz Schweiz und Gian-Mattia Schucan vom Schweizer Startup Fairtiq spannen zusammen.

Marc Langenbrinck und Gian-Mattia Schucan, ehrliche Antwort von Ihnen beiden: Benutzen Sie den öffentlichen Verkehr?

Langenbrinck: Einzelfahrten unternehme ich pro Woche sicherlich zehn, am Wochenende bin ich fast ausschliesslich mit ÖV unterwegs. Auch zu Terminen in der Zürcher City fahre ich fast immer mit den ÖV.

Schucan: Ich habe eine Familie mit vier Kindern und kein eigenes Auto, deshalb bin ich praktisch nur mit dem Velo oder mit ÖV unterwegs.

Gian-Mattia Schucan, was bietet Fairtiq und welches sind die Vorteile der App?

Kern unserer App ist es, den öffentlichen Verkehr einfach zugänglich zu machen. Mann lädt die App, welche für den ganzen ÖV der Schweiz gültig ist, startet sie bei Beginn einer Reise und stoppt sie wieder am Ende und fertig. Der Fairtiq-Kunde muss sich keine Gedanken mehr machen über jedes einzelne Billet, das macht unser System automatisch und verrechnet am Ende des Tages immer den günstigsten Tarif.

Marc Langenbrinck, wird Mercedes-Benz Schweiz in Kooperation mit Fairtiq nun zum ÖV-Anbieter?

Nein, wir steigen jetzt nicht ins Schweizer ÖV-Angebot ein. Aber wir integrieren die öffentliche Mobilität mittels Fairtiq gerne in unser Angebot, weil wir glauben, dass das zu unserem Qualitätsstandard passt. Mir ist wichtig, dass wir moderne Mobilität nicht nur in Form von komfortablen Autos anbieten, sondern dass wir uns schon heute als intelligenten Mobilitätsanbieter definieren.

Wollen Sie Ihre Kunden mit Fairtiq dazu bewegen, das Auto weniger zu gebrauchen?

Jeder muss selber entscheiden, welches Fortbewegungsmittel er oder sie nutzen möchte. Unsere Kunden sind von ihrem Fahrzeug begeistert und es gibt viele Situationen, in denen das Auto das beste Transportmittel ist. Schliesslich leben wir nicht alle nur in Städten wie Zürich, Bern, Basel oder Genf. Viele leben auf dem Land, wo ÖV-Verbindungen den Transport auch mal länger und komplizierter machen als mit dem eigenen Auto. Und nicht zu vergessen: Viele Handwerksbetriebe sind auf ihre Nutzfahrzeuge angewiesen.

Welche Vorteile hat die Mercedes-Benz-Kundschaft denn vom Fairtiq-Angebot?

Seit Oktober 2019 bekommen alle Kunden unseres EQC-Elektroautos von Mercedes-Benz Schweiz für ein Jahr ein monatliches Fairtiq-Guthaben von 40 Franken geschenkt. Dieser Betrag kann im gesamten ÖV der Schweiz verbraucht werden. Und ab sofort weiten wir das Angebot auch auf Käufe von Elektro-Smarts sowie von Mercedes-Plug-in-Hybridmodelle aus.

Gian-Mattia Schucan, was versprechen Sie sich langfristig von dieser Kooperation?

Fairtiq ist darauf ausgerichtet, zu einem sinnvollen Mobilitätsmix in unserer Gesellschaft beizutragen. Die Entwicklung der Automobilindustrie von Verbrenner- hin zu Elektromotoren ist in unserem Sinn. Zusammen mit Fairtiq macht Mercedes mehr Lust auf den öffentlichen Verkehr, was im Interesse unserer ÖV-Partner ist.

Marc Langenbrinck, warum sind Sie von der Fairtiq-Partnerschaft so begeistert?

Die Kooperation ist gut, weil sie unsere Kunden überrascht. Denn wir stellen uns hier als Automarke hin und geben bekannt: Es ist völlig ok, das Auto stehen zu lassen. Da spüren wir einen grossen Sympathieeffekt. Sowas wird von uns nicht erwartet.

Im Zuge der anhaltenden CO2-Debatte kann man Ihre Kooperation mit Fairtiq auch als reine Alibiübung sehen. Was sagen Sie dazu?

Wir treiben in diesem Jahr die Digitalisierung und Elektrifizierung konsequent voran. Ziel ist es, die CO2-Emissionen unserer Flotte um mehr als 20 Prozent zu reduzieren. Bis 2039 wollen wir die ganze Mercedes-Benz-Flotte CO2-neutral haben. Das ist erst einmal ein Riesenanspruch. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, eine nachhaltig-moderne Premiummarke zu werden, mit entsprechenden Dienstleistungen. Wir wollen das Thema Nachhaltigkeit – wie alle anderen Automobilhersteller auch – umsetzen, da trägt Fairtiq einen wichtigen Teil dazu bei.

Was glauben Sie, wie wird die Mobilität des Mercedes-Kunden in zehn Jahren aussehen?

Ich lag bisher noch mit jeder Zehnjahresprognose falsch! Klar ist, dass eine Metropolisierung stattfindet, mit entsprechender Auswirkung auf die Mobilität. Die täglichen Fahrten im stadtnahen Verkehr werden noch mehr im ÖV stattfinden. Trotzdem gehe ich davon aus, dass individuelle Mobilität weiterhin gross geschrieben wird. Denn es wird immer Individualverkehr geben.

Aber das Auto verliert momentan doch deutlich an Stellenwert, oder nicht?

Die Kunden zeigen immer noch grosse Leidenschaft und Begeisterung für ihre Fahrzeuge. Das Freiheitsgefühl, welches ein Automobil vermittelt, bleibt wichtig. Auch wenn es Verschiebungen der Mobilität hin zum ÖV geben wird – das Auto wird immer eine ganz wichtige Rolle spielen.

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