Aktualisiert 26.07.2011 17:22

Krise in den USA

«Es ist wie ein Autounfall in Zeitlupe»

In den USA sind die Verhandlungen zur Anhebung der Schuldenobergrenze zum Erliegen gekommen. Wirtschaftsexperte Joachim Klement warnt vor der totalen Katastrophe.

von
Alex Hämmerli
Die US-Politik sorgt für Unbehangen.

Die US-Politik sorgt für Unbehangen.

Die USA schauen in den Abgrund – und der Rest der Welt zittert mit. Es stellt sich die Frage, ob die grösste Volkswirtschaft der Erde ihre Schuldenprobleme in den Griff bekommt. Experte Joachim Klement befürchtet einen Wischi-Waschi-Kompromiss.

20 Minuten: Herr Klement, wenn die US-Politiker ihren Schuldenstreit nicht bis in einer Woche beilegen, droht den Vereinigten Staaten dann die Staatspleite?

Klement: Die Verhandlungen zwischen den Demokraten und Republikanern sind beinahe zum Erliegen gekommen. Das ist zwar beunruhigend: Sollten die beiden Parteien aber zu keiner Einigung kommen, führt das nicht zwingend zu einem Zahlungsausfall.

Würde den USA nicht das Geld fehlen, um die Zinsen für die Staatsanleihen zu zahlen?

Die monatlichen Steuereinnahmen der USA belaufen sich auf 172 Milliarden Dollar. Diese Mittel kann der Staat einsetzen, wie er will. Entscheidet die Regierung, die Schuldzinsen von rund 29 Milliarden Dollar pro Monat weiter zu bezahlen, kommt es auch zu keinem Zahlungsausfall.

Den monatlichen Einnahmen von 172 Milliarden Dollar stehen Ausgaben von 306 Milliarden gegenüber. Zahlen die USA die Zinsen weiter, bleiben 105 Milliarde Dollar unbezahlte Rechnungen…

Genau. Es käme also zu einem Zahlungsstopp: Nicht nur für die Löhne der Staats-Angestellten, sondern auch für andere wichtige Ausgaben.

Welche wären?

Die grössten Ausgabeposten sind die Verteidigung mit 31 Milliarden Dollar pro Monat, die Sozialhilfe und Renten mit 50 Milliarden Dollar und die medizinische Versorgung von älteren Bürgern mit weiteren 50 Milliarden Dollar. Diese Zahlungen müssten drastisch gekürzt – oder sogar eingestellt werden.

Was wären die Folgen solcher Budgetkürzungen?

Die Konsequenzen wären schwerwiegend: Finden die Einsparungen bei den sozialen Leistungen statt, würgt das den Konsum ab, was die labile Wirtschaft in eine weitere Krise werfen dürfte. Spart man beim Militär, hemmt das die Investitionen, was der Wirtschaft ebenfalls zusetzt. Budgetkürzungen – wo auch immer sie die Regierung ansetzen würde – hätten ein erhebliches Rezessionsrisiko und eine höhere Arbeitslosigkeit zur Folge.

Ist es dann nicht wahrscheinlicher, dass die USA zuerst die Zahlung der Zinsen aussetzt? Schliesslich tut das den Bürgern nicht unmittelbar weh.

Möglich ist das schon, aber es wäre äusserst unklug: Selbst wenn die USA ihre Zinsen nur einen Tag nicht zahlen, würde das die Zinskosten drastisch in die Höhe treiben. Wir sprechen von ungeheuren Beträgen, die auf die USA zukommen würden. Das Land würde langfristig von einer Schuldenspirale erdrückt. Und das wäre weitaus dramatischer.

Steigen die Zinsen auf US-Staatsanleihen nicht sowieso, wenn die US-Politiker zu keiner Einigung kommen?

Doch, das ist sicher, denn die Unfähigkeit zur Einigung würde als politische Schwäche beurteilt werden. Eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit durch die Ratingagenturen wäre unvermeidbar. Zahlen die USA die Zinsen aber brav weiter, kommt es wahrscheinlich aber ebenfalls zu einer Herabstufung, wenn die grassierende Staatsverschuldung nicht gebremst werden kann. Wir gehen davon aus, dass die Zinsen dann um rund 0,5 Prozent steigen werden.

Die Zeit wird knapp: Am 2. August, also am kommenden Dienstag läuft die Frist für eine Einigung aus. Werden sich die Politiker in letzter Sekunde arrangieren?

Ich gehe davon aus, dass es zu einer Einigung kommt, ja. Es heisst, dass Präsident Obama eine Erhöhung der Schulden-Obergrenze notfalls sogar eigenmächtig anheben könnte, falls keine Lösung in Sicht ist.

Wieso konnten sich die Politiker bis jetzt noch nicht einigen? Seit dem Zweiten Weltkrieg war die Erhöhung des Schuldenplafonds eine Routineangelegenheit, die immer problemlos durchgewinkt wurde.

Die US-Parteien verhalten sich dieses Mal wie zwei Fünfjährige, die sich um ihr Lieblingsspielzeug streiten. Die Verhandlungen sind nicht weitergekommen, weil sich Republikaner und Demokraten im Parlament die Waage halten und partout nicht von ihrer Linie abweichen wollen, insbesondere weil wir am Anfang des Präsidentschaftswahlkampfs stehen. Es ist zum Haare Raufen.

Wie dürfte die Einigung am Ende aussehen?

Es wird ein Wischi-Waschi-Kompromiss sein. Ich gehe weder von einer spürbaren Steuererhöhung aus, wie es die Demokraten fordern, noch von grösseren Einschnitten bei den Ausgaben, wie es die Republikaner gerne hätten. Ich fürchte, die US-Politik ist weder gewillt noch fähig, ihre Budgetprobleme in den Griff zu bekommen.

Also können wir nicht durchschnaufen, auch wenn es zu einer Erhöhung der Obergrenze kommt.

Nein: Die Frage ist, ob es schlecht oder ganz schlecht kommt.

Das klingt pessimistisch…

Das langfristige Szenario ist aber auch eine totale Katastrophe! Die Schuldenkrise in Europa ist gar nichts im Vergleich zu den Probleme in den USA. Diesseits des Pazifiks wird wenigstens gespart, in den USA dagegen geschieht gar nichts! Die Vereinigten Staaten tun so, als hätte man alle Zeit der Welt, während das höchste Budget-Defizit der OECD-Staaten die Schulden in die Höhe schnellen lassen. Mir kommt es vor, als würden wir einen Autounfall in Zeitlupe beobachten: Irgendwann kommt es zum grossen Knall, das ist sicher.

Kommen die US-Politiker nicht doch noch zur Vernunft?

Ich fürchte nein. Im Moment jedenfalls haben sie die Schwere der Situation nicht erkannt. Und ich habe wenig Hoffnung, dass sie in den nächsten Jahren zur Besinnung kommen.

Die USA bekommen also Ihrer Meinung nach die Schulden nicht in den Griff. Was sind die mittelfristigen Folgen für die Weltwirtschaft?

Das globale Wachstum wird abgeschwächt. Und es wird häufiger zu Rezessionen kommen.

Joachim Klement ist Partner der international tätigen Unternehmensberatung Wellershoff & Partners. Seine Expertise liegt in den Bereichen Vermögensverwaltung und dem Einfluss persönlicher Werte und der Anlegerpsychologie auf Anlageentscheidungen. Er legt besonderen Wert auf die Wirkung von Emotionen auf die Finanzmärkte. Klement studierte Mathematik an der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Hagen.

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