Argentinien: Es ist wieder die Zeit der Plünderungen
Aktualisiert

ArgentinienEs ist wieder die Zeit der Plünderungen

In mehreren argentinischen Provinzen ist es in den letzten Tagen zu schweren Ausschreitungen gekommen. Das ist kein Zufall.

von
K. Leuthold
Buenos Aires

Argentinien feierte am Dienstag 30 Jahre ununterbrochene Demokratie - eine Premiere in der Geschichte des Landes, in dem von 1976 bis 1983 eine Militärdiktatur herrschte. Doch «feiern» ist in diesem Fall nur ein Ausdruck, denn der Jahrestag wird seit einer Woche durch Ausschreitungen und gewaltsame Plünderungen im ganzen Land überschattet. Angefangen hatte alles vergangenen Dienstag, als in der Provinz Córdoba die Polizei mit Arbeitsniederlegungen für höhere Löhne protestierte.

Nachdem bekannt geworden war, dass die Polizisten ihre Posten verlassen hatten, plünderten Vandalen die Geschäfte der Stadt. Sie warfen Schaufensterscheiben ein und überfielen Menschen auf offener Strasse. Mit Armut hat das nichts zu tun: Gestohlen wurden weder Lebensmittel noch Artikel des täglichen Bedarfs. Die Plünderer hatten es auf teure Kleider, Sportartikel und Hightech-Elektrogeräte abgesehen.

Präsidentin Kirchner erleidet herbe Verluste

Zehn Tote, Dutzende Verhaftete

Als sich am nächsten Tag Córdobas Gouverneur José Manuel de la Sota mit den Polizisten auf eine deutliche Gehaltserhöhung einigte, kehrte wieder Ruhe ein. Doch diese hielt nicht lange. Polizisten der anderen Provinzen hatten gehört, wie viel ihre Kollegen nun verdienen – und forderten dieselben Privilegien.

In den Tagen darauf fanden Plünderungen im Badeort Mar del Plata, in Entre Rios, in der nördlichen Provinz Jujuy und der ebenfalls im Norden gelegenen Provinz Tucumán statt. Seit Beginn der Konflikte sind zehn Menschen gestorben, darunter auch ein Polizist. Zudem wurden rund hundert Menschen verletzt und mehrere Dutzend festgenommen.

Noch unklar, wer damit verdient

Die argentinische Bundespolizei mit ihren rund 60'000 Beamten ist von den Streiks jedoch nicht betroffen. Gouverneur de la Sota glaubt zu wissen, wieso die Proteste nur in seiner Provinz begannen: Vielen korrupten Polizisten sei ein beträchtlicher Teil ihres Einkommens verloren gegangen, nachdem er angeordnet habe, rund 140 Bordelle zu schliessen, meinte er gegenüber den Medien.

Hinter den organisierten Plünderungen steckt vermutlich aber noch mehr. In den vergangenen Jahren – immer im Dezember – kam es im Land zu gewaltsamen Protesten. Darum waren die Argentinier auch diesmal nicht ganz überrascht. In ihrer Ansprache am Dienstagabend in der Hauptstadt Buenos Aires bezeichnete Präsidentin Cristina Kirchner die jüngsten Ereignisse als «überlegte Aktionen, die zu einem gewissen Zeitpunkt und mit gewissen Darstellern» geschehen und die «mit chirurgischer Fertigkeit ausgeführt» werden.

Über Facebook und Twitter wird seit Tagen zu weiteren Plünderungen an Heiligabend aufgerufen. Wer davon profitiert, ist noch unklar. Zufall ist es jedenfalls nicht.

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