Betrugsfall in Biel - «Es kann nicht sein, dass sie immer wieder damit davonkommt»
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Betrugsfall in Biel«Es kann nicht sein, dass sie immer wieder damit davonkommt»

A.S. will der neuen Mieterin im Block in einer Notsituation helfen. Nachdem sie ihr Geld gegeben hat, stellt sie fest, dass die Frau gar nicht in ihrem Gebäude wohnt.

von
Lucas Orellano
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Tiffany** erzählte, sie brauche Geld für den Zug ins Inselspital.

Tiffany** erzählte, sie brauche Geld für den Zug ins Inselspital.

Facebook
«Ich dachte mir ‹Die Ärmste!› und gab ihr ein Nötli. Sie bedankte sich und ging wieder», sagt A.S.*

«Ich dachte mir ‹Die Ärmste!› und gab ihr ein Nötli. Sie bedankte sich und ging wieder», sagt A.S.*

20min/Matthias Spicher
Wie A.S. später herausfand, ging sie aber wohl nicht ins Inselspital nach Bern.

Wie A.S. später herausfand, ging sie aber wohl nicht ins Inselspital nach Bern.

20min/Matthias Spicher

Darum gehts

  • Die Bielerin A.S. wurde Opfer eines Kleinbetruges.

  • Eine Frau stand vor ihrer Wohnungstür und fragte nach Geld für den Zug. Ihre Mutter sei ins Spital gebracht worden.

  • Die Polizei hat Ermittlungen aufgenommen.

Als eine verzweifelte junge Frau an ihrer Wohnungstür stand und um Hilfe bat, war für A.S.* der Fall klar: Sie wollte helfen. «Sie sagte mir, sie sei die Tiffany** aus dem zweiten Stock und ihre Mutter sei gerade mit der Ambulanz abgeholt worden und auf dem Weg ins Spital. Ob sie 20 Franken für das Zugticket nach Bern ausleihen könne. Sie habe gerade mit der Hauswartin gesprochen, die habe sie weiterverwiesen», sagt A.S. «Ich dachte mir ‹Die Ärmste!› und gab ihr ein Nötli. Sie bedankte sich und ging wieder.»

Wie A.S. später herausfand, aber wohl nicht ins Inselspital nach Bern. «Am Abend traf ich unsere Hauswartin und sagte ihr, dass ich ihr geholfen hatte», sagt sie. «Sie hat mich nur angeschaut und gesagt: ‘Wir haben keine neuen Mieter im zweiten Stock’.»

«Ich bin froh um jeden Franken»

A.S. fällt aus allen Wolken. In ihrem Ärger postet sie ihr Erlebnis auf Facebook. Der Beitrag wird rege kommentiert, verschiedene Personen melden sich auch direkt bei ihr. Teils, weil sie selber Opfer dieser Betrugsmasche geworden sind, teils, weil sie sich über den Beitrag von A.S. ärgern. «Viele haben auf Facebook geschrieben, ich solle nicht so schwierig tun, es handle sich ja nur um 20 Franken», sagt sie. «Aber als Rentnerin mit Ergänzungsleistungen bin ich um jeden Franken froh, den ich habe.»

Und weiter: «Das Fiese ist, dass sie ihre Masche nicht etwa in den reichen Gegenden abzieht, sondern hier bei mir, wo es viele Leute gibt, die selber nicht viel haben. Sie profitiert dabei einzig von der Gutmütigkeit der Menschen

Tiffany hat mehrere öffentliche Profile auf Facebook, auf denen A.S. die Frau wiedererkennt: «Sie benutzt sogar denselben Namen, mit dem sie sich mir vorgestellt hat.»

Mit anderen Betroffenen will A.S. zur Polizei gehen. Weil es sich um geringfügige Beträge handelt, geht sie davon aus, dass eher etwas passiert, wenn möglichst viele Geschädigte Anzeige erstatten. Doch lediglich eine weitere Frau kommt mit. «Es ist nicht zu glauben, wie feige die Leute sind», sagt sie. «So viele Menschen haben mir geschrieben, dass ihnen das auch passiert sei. Aber wenn es dann darum geht, bei der Polizei eine Meldung zu machen, dann ziehen alle den Schwanz ein. Sie macht das anscheinend seit Jahren. Es kann doch nicht sein, dass sie immer wieder damit davonkommt.»

Es handelt sich um Antragsdelikte

Wie es bei der Kantonspolizei Bern auf Anfrage heisst, wären zusätzliche Meldungen durchaus hilfreich. «Je mehr Anzeigen bei der Polizei eingehen, desto eher werden unter Umständen Ermittlungsansätze und Zusammenhänge zwischen einzelnen Delikten erkennbar», sagt Mediensprecher Patrick Jean. «Letztlich handelt es sich bei geringfügigen Beträgen jedoch um Antragsdelikte und es steht jeder Person frei, eine Anzeige zu erstatten oder darauf zu verzichten.»

Zum vorliegenden Fall kann die Polizei keine näheren Angaben machen. «Es sind Ermittlungen dazu im Gang», sagt Jean. Es gebe immer wieder ähnliche Fälle, wobei die Vorwände, unter denen sich Personen Geld erschleichen, variieren. «Wenn wir feststellen, dass das örtlich oder zeitlich gehäuft vorkommt, dann werden Parallelen natürlich geprüft.»

Und auch, wenn es sich um eher kleinere Beträge handelt, kann sich das in der Summe rechtlich durchaus zusammenzählen. «Lässt sich eine grössere Anzahl Delikte auf eine Täterschaft zurückführen oder anderweitig ein gewerbsmässiges Vorgehen belegen, mit dem die Täterschaft zumindest einen Teil ihres Lebensunterhalts bestreitet, kann sich dies aber trotz der geringen Einzelbeträge qualifizierend auf die rechtliche Beurteilung des Sachverhalts auswirken», sagt Jean.

*Name der Redaktion bekannt.

**Name geändert.

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