Rechtsvorbeifahren wird erlaubt: «Es kann zu mehr Unfällen kommen»
Aktualisiert

Rechtsvorbeifahren wird erlaubt«Es kann zu mehr Unfällen kommen»

Nach dem Nationalrat will nun auch der Ständerat das Rechtsvorbeifahren auf der Autobahn erlauben. Was heisst das nun? Und was halten Fahrlehrer vom Entscheid des Parlaments?

von
sul
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Wer darf an wem vorbeifahren? Autos kurz vor dem Gubristtunnel.

Wer darf an wem vorbeifahren? Autos kurz vor dem Gubristtunnel.

Keystone/Gaetan Bally
Nach dem Nationalrat hat nun auch der Ständerat eine Motion von Thierry Burkart (FDP, AG) angenommen.

Nach dem Nationalrat hat nun auch der Ständerat eine Motion von Thierry Burkart (FDP, AG) angenommen.

Keystone/Anthony Anex
Auch Bundesrätin Doris Leuthard sprach sich für das Anliegen aus. Aber: «Das Problem des Staus wird so nicht gelöst.»

Auch Bundesrätin Doris Leuthard sprach sich für das Anliegen aus. Aber: «Das Problem des Staus wird so nicht gelöst.»

Keystone/Peter Schneider

Was ist der Unterschied zwischen Rechtsvorbeifahren und Rechtsüberholen? Was sieht die aktuelle Rechtslage aus?

Grundsätzlich gilt: Beim Überholen wird die Spur gewechselt, beim Vorbeifahren nicht. Fahrlehrer Beat Schwendimann veranschaulicht den Unterschied an einem Beispiel: «Ich komme auf einer dreispurigen Autobahn von rechts. Auf dem Mittelstreifen fährt ein notorischer Linksfahrer. Ziehe ich rechts an ihm vorbei und bleibe auf meiner Spur, handelt es sich um Vorbeifahren. Wechsle ich danach auf die mittlere Spur, gilt das als Überholen.»

Beides ist nach derzeitigem Recht grundsätzlich verboten. Fahrlehrer Daniel Frei erklärt: «Bis heute gilt Rechtsvorbeifahren als Rechtsüberholen – und das wird als grobe Verletzung der Verkehrsregeln geahndet.» Dieser Umstand führe bei den Verkehrsteilnehmern zu viel Unsicherheit: «Die meisten Fahrer glauben, sie überholen nicht, sondern fahren nur vorbei.»

Die ausgesprochenen Strafen würden angesichts der komplizierten Regelung oft als willkürlich empfunden, schreibt FDP-Nationalrat Thierry Burkart in seinem Vorstoss, den der Ständerat am Mittwoch angenommen hat. Für Burkart ist klar: «Beseitigt man die Rechtsunsicherheit, steigt die Verkehrssicherheit.»

Wann darf man auf der Autobahn ausnahmsweise rechts vorbeifahren?

Laut einem Entscheid des Bundesgerichts ist Rechtsvorbeifahren zulässig, wenn auf beiden oder allen drei Fahrspuren dichter, paralleler Kolonnenverkehr herrscht. Frei: «Fährt jemand links auf der Autobahn nur 40 km/h und muss noch bremsen, muss der Fahrer rechts nicht auch bremsen, sondern darf vorbeifahren. Fährt die ganze Kolonne auf der linken Spur 70 km/h, dürfen die Fahrzeuge auf der rechten Spur nicht schneller fahren, denn das würde als Rechtsüberholen gelten.»

Frei und Schwendimann monieren jedoch, dass der Begriff des Kolonnenverkehrs zu unscharf sei. So sei etwa nicht klar definiert, bei welcher Geschwindigkeit genau man von Kolonnenverkehr ausgehen könne. «Es handelt sich um einen sehr dehnbaren Begriff», sagt Schwendimann.

Neben dichtem Kolonnenverkehr darf auf dem Beschleunigungsstreifen, dem Verzögerungsstreifen (Ausfahrt) und bei Spuren mit unterschiedlichen Wegweiserzielen rechts vorbeigefahren werden.

Was halten die Fahrlehrer von einer generellen Zulassung des Rechtsvorbeifahrens auf Autobahnen?

Frei und Schwendimann sehen der generellen Zulassung des Rechtsvorbeifahrens mit gemischten Gefühlen entgegen. «Gerade auf viel befahrenen Strassen wird der Verkehrsfluss sicherlich gefördert und es gibt weniger Stau», sagt Frei. Auch Nationalrat Burkart spricht in seinem Motionstext von einer «signifikanten Kapazitätssteigerung der meistbefahrenen Strassen der Schweiz».

Andererseits bringe das Erlauben des Rechtsvorbeifahrens auch Gefahren mit sich. «Die Autofahrer sind sich gewohnt, dass auf der Autobahn von rechts niemand kommt. In der Umgewöhnungsphase kann es daher zu mehr Unfällen kommen», warnt Schwendimann. Die Verkehrsteilnehmer müssten noch aufmerksamer sein.

«Man hat es in der Vergangenheit verpasst, das Rechtsfahrgebot strikt durchzusetzen und Linksschleicher konsequent zu büssen», so Schwendimann weiter. Das zeige sich nicht zuletzt am verhängten Strafmass: Während notorische Linksfahrer eine Ordnungsbusse von 60 Franken erhalten, müssen Rechtsvorbeifahrer mit bis zu 10'000 Franken und mindestens drei Monaten Führerausweis rechnen.

Wie sieht die Gesetzeslage im Ausland aus?

In Deutschland gelten ähnliche Regeln wie bis anhin in der Schweiz: Rechtsüberholen auf der Autobahn ist grundsätzlich verboten – ausser im Kolonnenverkehr. Die USA mit ihren mehrspurigen Strassen kennen unter der Devise «hold the line» – Spur halten, rechts vorbeifahren – eine ähnliche Praxis, wie sie das Parlament künftig für die Schweiz vorsieht. Die Schweiz wäre eines der ersten Länder in Europa, die das Rechtsvorbeifahren ausdrücklich erlauben.

Wie geht es nun weiter?

Der Bundesrat arbeitet nun eine Vorlage aus, die das Rechtsvorbeifahren auf Autobahnen und Autostrassen erlauben soll. Thierry Burkhart geht davon aus, dass das neue Gesetz frühestens Anfang 2019 in Kraft tritt. Das Verbot des Rechtsüberholens soll beibehalten werden.

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