Aktualisiert 27.10.2009 08:58

Schweinegrippe«Es könnte zum Wettlauf kommen»

In Deutschland hat die grösste Impfaktion aller Zeiten begonnen, die Schweiz hinkt massiv hinterher: Bei uns wird frühestens im Dezember geimpft. Und nun malt die EU-Kommission ein düsteres Szenario.

Nach Einschätzung der EU-Kommission wird möglicherweise jeder dritte Europäer an der Schweinegrippe erkranken. Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou sagte der Tageszeitung «Die Welt», es sei zu befürchten, dass sich das Virus im Laufe der kommenden Monate verändere und deutlich aggressiver werde. «Nach allem, was wir wissen, können sich bis zu 30 Prozent der Bevölkerung mit der Schweinegrippe infizieren. In diesem Fall wird man leider auch mit einer erheblichen Zahl von Toten rechnen müssen. Wir müssen wachsam bleiben», wird die Kommissarin zitiert.

Auch die möglichen wirtschaftlichen und sozialen Folgen dürfe man nicht vernachlässigen. Die wirtschaftliche Erholung in der EU könne durch die Schweinegrippe geschwächt werden: «Bestimmte Wirtschaftszweige, wie Tourismus oder Freizeitindustrie, könnten Einbussen erleiden», sagte Vassiliou. Ausserdem seien eine niedrigere Produktivität und Störungen der Produktionsabläufe in den Unternehmen durch höhere Krankenstände und weniger Konsum infolge von Unsicherheit denkbar.

Vassiliou forderte schnelles Handeln im Falle von Infektionen: «Es gibt derzeit keine Notwendigkeit, zur Vorsorge Massenschliessungen von Schulen vorzunehmen. Wenn allerdings bei einzelnen Schülern Infektionen mit der Schweinegrippe festgestellt werden, sollten die betroffenen Schulen unverzüglich schliessen. Auch im Freizeitbereich sollten dann Gruppenveranstaltungen, wie Sport, Musikunterricht oder Tanzkurse, abgesagt werden», sagte die Kommissarin. Der Kontakt zwischen den Jugendlichen müsse in solchen Fällen reduziert werden.

Wettlauf um den Impfstoff

Innerhalb der EU könne es zu einem Wettlauf um den Impfstoff kommen, sollte sich das Virus ausbreiten und aggressiver werden. «Möglicherweise wird aber nur eine Impfung, anstatt wie bisher geplant zwei Impfungen notwendig sein, das wird in Kürze von den europäischen Gesundheitsbehörden entschieden. Es wäre gut, wenn diejenigen Staaten, die dann über zu viel Impfstoff verfügen, etwas davon abgeben könnten an die Länder, die zu wenig haben.»

Die EU-Kommissarin rief die Bevölkerung zur Impfung auf: «Es ist wichtig, dass sich möglichst viele Menschen gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Je höher die Zahl der geimpften Menschen ist, desto weniger kann sich die Pandemie ausbreiten.» (sda)

Milliarden Impfdosen zu wenig

In den Entwicklungsländern ist der Bedarf an Impfstoff gegen das Schweinegrippe-Virus nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei weitem nicht zu decken. Im Falle einer Seuche würden «Milliarden von Impfdosen» fehlen, sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Montag (Ortszeit) bei einem Besuch in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Die WHO will demnach im November damit beginnen, Impfstoffe an mehr als 100 Entwicklungsländer zu liefern, darunter auch Kuba.

Die WHO hatte bereits vor zwei Wochen davor gewarnt, dass mit den bislang von Pharmakonzernen und Industrieländern zur Verfügung gestellten Chargen nur rund zwei Prozent der Bevölkerung in den Entwicklungsländern geimpft werden können.

Seit dem erstmaligen Auftreten des Virus A (H1N1) starben bislang mindestens 5000 Menschen in 195 Ländern an der Schweinegrippe.

Impfstoff auch in den USA knapp

Auch in den USA werden nach Behördenangaben 45 bis 55 Millionen Impfdosen weniger zur Verfügung stehen als ursprünglich geplant. Wie der Leiter des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID), Anthony Fauci, sagte, rechnen die Behörden mit 140 bis 150 Millionen Impfdosen bis Ende 2009.

Ursprünglich hatte die US-Regierung 195 Millionen Impfdosen bestellt. Nach Angaben von Fauci gehen die Gesundheitsbehörden mittlerweile aber ohnehin davon aus, dass sich nur die Hälfte der US-Bürger impfen lassen will. (sda)

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