Aktualisiert

Euro 2008Es lebe die Jukebox!

Während uns die Japaner mit dem Violine spielenden Roboter beglücken, beschreitet Michael Wäckerlin wacker den umgekehrten technologischen Weg. Er betätigt sich als lebende Jukebox – und rockt das Haus

von
Rupen Boyadjian

Man wählt einen Song und wirft zwei Franken ins grüne Sparschwein. Dann zieht Michael Wäckerlin seinen Karton-Helm an und steigt in eine Art überdimensionierte Konservendose – fertig ist die Wandlung zur lebenden Jukebox. Die Technik liefert die Begleitmusik, der Mensch Wäckerlin singt. Und das kann er verdammt gut. Schliesslich absolviert er eine Ausbildung zum Opernsänger.

Diesen besonderen Ohren- und Augenschmaus bietet die Rocker-Bar «Restaurant zur alten Metzg» an der Zürcher Langstrasse 112 während der Fussball-Europameisterschaft. Das Ganze nennt sich: The Human Jukebox (THJ).

Harter Junge in sanfter Box

«Ich habe als Hardcore- und Deathmetal-Sänger angefangen», sagt Wäckerlin – als THJ betritt er nicht völliges Neuland. Die Songs sind jedoch meist recht weit entfernt von seinen musikalischen Ursprüngen - und vermutlich auch vom Musikgeschmack der Stammkundschaft der «alten Metzg». Sein Repertoir umfasst 55 Stücke, die er eigens für die Auftritte als Jukebox einstudiert hat. Es sind vorwiegend Klassiker der Rock- und Popgeschichte, darunter Songs von Elvis, Bob Marley, den Rolling Stones und Tom Jones. Auf der Liste stehen aber auch Stücke neueren Datums wie «Rehab» und «Valerie» von Amy Winehouse oder «Crazy» von Gnarls Barkley. Als Trost für die Hardrock-Fans schmettert Wäckerlin immerhin Iron Maiden, Guns'n'Roses, System of a down und Metallica aus seiner Kiste.

Natürlich spielt «The Human Jukebox» nur jeweils vor und nach den Fussballspielen sowie während der Pausen. Zum Repertoire gehören des Weiteren fünf Nationalhymnen und – ebenso standesgemäss – «Torna a Surriento» von Opernstar Luciano Pavarotti. Diese Stücke kosten allerdings fünf Franken.

Anlässlich der Partie Türkei - Deutschland, bei der 20 Minuten Online anwesend war, profilierte sich Wäckerlin als ideale Ergänzung zum Fussball-Match. Vor dem Spiel und in der Pause bot THJ Unterhaltung auf dem Gartensitzplatz mit den bequemen Stühlen und den leckeren American Hot Dogs. Und nach dem Spiel im Lokal, voll Rohr mit Mikrofon - was draussen nicht möglich war, weil es wohl zu Lärmklagen geführt hätte. Den Gästen der «alten Metzg» hat es offensichtlich gefallen.

Hang zum Absurden und Exotischen

Michael Wäckerlin ist kein unbeschriebenes Blatt in der Zürcher Musikszene. Er hat bereits mit «Michi's Spielgruppe» seinen Hang zum Absurden bewiesen. Und er hat in mehreren Rock-Bands mitgewirkt und sich auch in der Sparte Elektro-Musik versucht. «Musik muss mich einfach berühren, damit ich sie gut finde», sagt der 32-jährige. Im Alter von drei bis zehn Jahren war er mit seinen Eltern in Paraguay und Guatemala. Ihn begeistern auch heute noch Salsa- und Merengue-Rhythmen. Zur Oper sei er eigentlich nur durch Zufall gekommen. Nachdem er Gesangsunterricht in Jazz-Musik genommen habe, sei er bald an Grenzen gestossen. Seine Gesangslehrerin habe ihn dann auf die klassische Musik gebracht.

The Human Jukebox kann man übrigens auch mieten. Im Internet gibt er zudem bekannt, wo er als nächstes zu sehen und hören sein wird.

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