Nahostkonflikt - «Es sieht düster aus - der Extremismus auf beiden Seiten nimmt zu»
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Nahostkonflikt«Es sieht düster aus - der Extremismus auf beiden Seiten nimmt zu»

Die Gewalt zwischen Israel und Palästina eskaliert so stark wie seit Jahren nicht mehr. Das ruft Emotionen hervor, auch in der Schweiz. Ein Interview mit Historiker und Nahostexperte Hans-Lukas Kieser.

von
Noah Knüsel, Ann Guenter

Im Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina sind die Seiten über die Jahre verhärtet. Diese Szene aus dem Uno-Sicherheitsrat aus dem Jahr 2014 könnte auch aus diesem Jahr stammen.

Reuters

Darum gehts

  • Der Konflikt zwischen Israel und Palästina eskaliert wieder (hier gehts zum Ticker).

  • Was sind die Hintergründe?

  • Artet die Lage in einen dritten Volksaufstand der Palästinenser aus?

  • Wieso sind die Meinungen in dem Konflikt so polarisiert und wieso gibt es weltweit viele Sympathien für die palästinensische Seite?

  • Antworten im Interview mit Historiker Hans-Lukas Kieser.

Herr Kieser*, warum ist es jetzt zu dieser Gewalt-Eskalation gekommen?

Es gibt viel angestaute Frustration, die sich an verschiedenen Punkten entlädt. Zwei davon sind besonders wichtig: Einerseits die starken Einschränkungen ihrer Freiheiten, welche die Palästinenser während des Ramadan erfahren haben. Und zweitens die israelische Siedlungspolitik, die mit den aktuellen Enteignungen in Ost-Jerusalem wieder ins Bewusstsein gerückt ist.

Wer profitiert von der Gewalt-Eskalation?

Es gibt momentan zwei hauptsächliche Profiteure: Da ist der israelische Regierungschef Benjamin Netanyahu, der hofft, aus dem Chaos Kapital für sein politisches Überleben schlagen zu können. Und auf der Seite der Palästinenser gibt es Gruppierungen, die sich nur durch gewaltsame Aktionen gegen Israel in Szene setzen können, namentlich die Hamas. Sie können sich jetzt aufspielen, aber zu einer nachhaltigen Lösung des Konflikts trägt das nicht bei.

Was hat es mit dem Hashtag #SaveSheikhJarrah auf sich, der in den sozialen Medien kursiert?

Der Hashtag ist eine Solidaritätsbekundung. Sheikh Jarrah ist ein arabisches Viertel in Ost-Jerusalem, das vor 1948 teilweise auch Juden gehörte. Gemäss der israelischen Rechtsprechung unter der Regierung Benjamin Netanjahus können Juden Grundstücke in Jerusalem zurückerhalten, die sie im Krieg von 1948 verloren – aber nicht Palästinenser. Jetzt stehen im Sheik-Jarrah-Viertel mehrere arabische Familien vor der Zwangsräumung, weil eine nationalistische jüdische Organisation Ansprüche auf die Häuser anmeldet.

Jetzt endet der Ramadan. Was dann?

Leider stehen die Zeichen auf Eskalation. Es ist zu befürchten, dass es zumindest kurzfristig so weitergeht wie in den letzten Tagen.

Die Rede ist von einem möglichen palästinensischen Aufstand, einer dritten Intifada.

Die aktuelle Situation hat das Potential dazu, ja. Denn es geht hier nicht mehr nur um die Hamas und eine Gewalt-Eskalation im Gazastreifen. Es schwelt jetzt auch in den israelisch-arabischen Städten, der Westbank und unter Muslimen weltweit, denn Jerusalem selbst ist ins Visier gerückt.

Warum ist das Klima in diesem Konflikt generell so vergiftet?

Mit dem Scheitern der letzten ernsthaften Friedensverhandlungen vor 20 Jahren ist viel Hoffnung, nämlich die damalige Friedensvision, gestorben. Auf beiden Seiten haben sich Feindbilder verfestigt und die Gewalt gehört mittlerweile zum Alltag. Bei der Hamas und ähnlichen Gruppierungen ist sie sowieso Programm. Bei den israelischen Sicherheitskräften ist sie mit Rückendeckung der rechtsgerichteten Regierungen zur Routine geworden.

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Die erneute Eskalation zwischen Israel und Palästina sorgt für Emotionen weltweit.  In Städten wie New York gingen Menschen für die Sache Palästinas auf die Strasse … 

Die erneute Eskalation zwischen Israel und Palästina sorgt für Emotionen weltweit. In Städten wie New York gingen Menschen für die Sache Palästinas auf die Strasse …

REUTERS
… ebenso ein Washington vor dem Weissen Haus, wo das Motto «Stoppt die Räumungen Jerusalems, rettet Sheik Jarrah» lautete. 

… ebenso ein Washington vor dem Weissen Haus, wo das Motto «Stoppt die Räumungen Jerusalems, rettet Sheik Jarrah» lautete.

REUTERS
Dienstagnachmittag in London … 

Dienstagnachmittag in London …

REUTERS

Wie lässt sich das ändern?

Die Brutalisierung im Alltag wird begünstigt durch die fehlende Perspektive. Dabei bräuchte es jetzt genau das: Die Aussicht auf Verbesserung durch eine pragmatische Vision. Das wäre mit anderen Worten: Ein Gesellschaftsvertrag und Kompromiss, der das gleichberechtigte Zusammenleben von Juden und Palästinensern sowohl in Israel selbst als auch in den von Israel kontrollierten Gebieten ermöglicht.

Ist das umsetzbar?

Es ist ein Plan, es sind Ziele nötig, ein realistischer Idealismus. Doch zurzeit sieht es düster aus wegen des zunehmenden Extremismus auf beiden Seiten. Eine Koalitionspolitik wäre jetzt genau das Richtige. Die neuste Gewalt stoppte leider vielversprechende Verhandlungen wieder. Dabei ginge es genau darum: arabische Israelis in die israelische Regierung einzubinden, nicht nur ins Parlament. Gemeinsam getragene Verantwortung täte gut.

Die neue Gewalt ruft auch schweizweit Emotionen hervor. Dabei haben viele Sympathien für die Seite der Palästinenser – obwohl allen klar ist, wie komplex der Konflikt ist. Wieso ist das so?

Solidarität mit der einen oder anderen Seite sollte immer abgewogen werden. Doch die Frustration der palästinensischen Seite ist objektiv nachvollziehbar. Seit 20 Jahren erlebt Palästina unter der Rechtsregierung Benjamin Netanjahus vielseitige Diskriminierungen, die Beugung des Rechts ist allgegenwärtig. Kommt die Kaltschnäuzigkeit hinzu, mit der die israelische Rechte die internationale Meinung zunehmend ignorierte. Israel muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in diesem Konflikt vieles selbstverschuldet zu haben. Wenn es um andere ging, kümmerte man sich nicht um Ethik und hörte auch nicht auf kritische inner-israelische Stimmen.

So gesehen wäre es doch nachvollziehbar und legitim, einfach pro Palästina zu sein?

Es geht nicht darum, pro-jüdisch oder pro-palästinensisch zu sein. Sondern für eine gangbare Zukunft aller Beteiligten einzustehen, zumindest aller Gutwilligen. Religiös gesprochen: Kein Messias, Mahdi, «Verborgener Imam» oder Christus kann ein Blutbad wollen, bevor er kommt. Dass die Menschen auf jenem Fleckchen Erde sich friedlich zusammenraufen, hat oberste Priorität.

* Hans-Lukas Kieser ist Geschichtsprofessor in Newcastle, Australien, und an der ­Universität Zürich. Er hat sich als Experte des nahöstlichen ­Umbruchs am Ende der osmanischen Ära international einen ­Namen gemacht. Seine Publikationen sind in mehreren Auflagen und Sprachen, darunter Türkisch und Kurdisch, erschienen.

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