Tom Lüthi: «Es sind extrem viel mehr PS zu bewegen»
Aktualisiert

Tom Lüthi«Es sind extrem viel mehr PS zu bewegen»

Mit Podestplätzen rechnet er nicht, bloss mitfahren will er nicht: Tom Lüthi über den spannenden, aber schwierigen Neustart in der MotoGP.

von
A. Stäuble
1 / 56
Die Karriere von Tom LüthiSaison 2017: Reicht es für den WM-Titel? Drei Rennen vor Schluss weist der Berner einen Rückstand von 19 Punkten auf Franco Morbidelli auf.

Die Karriere von Tom LüthiSaison 2017: Reicht es für den WM-Titel? Drei Rennen vor Schluss weist der Berner einen Rückstand von 19 Punkten auf Franco Morbidelli auf.

epa/Kimimasa Mayama
Lüthi beeindruckt über die ganze Saison gesehen mit konstanten Leistungen, die ihm bereits diverse Podestplätze und einen Sieg (in Brünn) eingebracht haben.

Lüthi beeindruckt über die ganze Saison gesehen mit konstanten Leistungen, die ihm bereits diverse Podestplätze und einen Sieg (in Brünn) eingebracht haben.

epa/Christian Bruna
Das zahlt sich aus. Am 23. August wird bekannt, dass der 30-Jährige ab der kommenden Saison in der MotoGP-Klasse an den Start geht.

Das zahlt sich aus. Am 23. August wird bekannt, dass der 30-Jährige ab der kommenden Saison in der MotoGP-Klasse an den Start geht.

epa/Martin Divisek

Tom Lüthi, herzliche Gratulation!

Danke. Ich freue mich riesig. Das ist ein Lebenstraum, der sich erfüllt.

Ein Lebenstraum, aber auch ein riesiges Abenteuer und die grösstmögliche Herausforderung. Was von all dem am meisten?

Alles miteinander. Es ist eine riesige Sache und der Traum eines jeden Rennfahrers, in der Königsklasse mit dabei zu sein. Gleichzeitig ist es aber auch eine riesige Challenge, weil es nicht das Ziel sein darf, irgendwo mitzufahren, sondern sich auch gut zu verkaufen.

Die Euphorie und das Interesse nach der Bekanntgabe des Wechsels sind gross. Befeuern Sie diese oder sind Sie bemüht, den Ball flach zu halten?

Ich halte mich eher zurück. Ich spüre die Unterstützung und Freude der Schweizer Bevölkerung. Das ist cool! Andererseits soll der Fokus voll und ganz auf dieser Saison bleiben, weil es noch sehr viel zu erreichen und gewinnen gibt. Dafür muss das alles möglichst bald aus meinem Kopf verschwinden.

Sie bestreiten Ihre elfte Saison in der Moto2. Es gibt kaum einen Fahrer, der so beharrlich auf ein Ziel hingearbeitet hat.

Es war nicht so, dass die Gedanken, den Aufstieg jetzt zu schaffen, Jahr für Jahr durch meinen Kopf schwirrten. Mir war immer klar, dass ich den Schritt nur dank guten und konstanten Leistungen schaffen werde. Im letzten Jahr – saisonübergreifend betrachtet – ist mir das nun wirklich gelungen.

Am Ende konnten Sie das Marc-VDS-Team nicht nur mit Ihren konstanten Leistungen, sondern auch mit einer starken Performance bei den MotoGP-Tests für KTM im vergangenen Jahr überzeugen. Wurde Ihnen das so bestätigt?

Ja. Das wurde mir so gesagt. Von meinem neuen Team habe ich immer wieder gehört, dass mir intensiv auf die Finger geschaut wurde, als ich vergangenes Jahr MotoGP-Tests für KTM absolvierte. Offenbar habe ich mich dort nicht so schlecht geschlagen (lacht).

Gab es damals bereits Kontakt zum neuen Team?

Nein.

Wann wurde dieser aufgenommen?

Der Kontakt kam erst in den letzten Wochen zustande.

Gab es in all den Jahren Momente, in denen Torschlusspanik aufkam?

Es gab während meiner Karriere schwierige Momente. Beispielsweise 2013, als ich mich Anfang des Jahres bei einem Unfall am Ellbogen verletzte. Damals dachte ich nicht an die MotoGP, sondern daran, ob es überhaupt weitergeht. Klar habe ich mich während all den Jahren immer mal wieder gefragt, ob ich es noch schaffen werde, wenn mich ein Jüngerer überholte, durchmarschierte und eine Chance kriegte. Es ist wichtig, sich nicht ewig mit solchen Gedanken zu beschäftigen.

Nun könnten andere Gedanken aufkommen. Egal, ob mit einem Weltmeistertitel oder konstanten Leistungen im Gepäck: Eine Garantie, dass ein Spitzenfahrer der Moto2 in der MotoGP Fuss fassen kann, gibt es nicht. Macht Ihnen das Angst?

Angst ist es auf keinen Fall. Eine Garantie gibt es nicht, das ist so. Ich betrachte es als Challenge an, bei der es am Ende wieder um das Gleiche geht: Wenn ich einen guten Job mache, kriege ich die Chance, Fuss zu fassen.

Wie schätzen Sie das Material ein, das Ihnen zur Verfügung stehen wird?

Es ist ein sehr professionelles Privatteam mit Erfahrung in der MotoGP. Mir war sehr wichtig, nicht irgendwo hinzukommen, wo es bereits von Haus aus sehr schwierig ist. Das Team steht auf einem guten Fundament. Das sorgt wiederum bei mir für Vertrauen, dass ich meinen Job gut machen kann und die Zusammenarbeit gut sein wird.

Aus der Sicht eines Laien: Wie unterscheidet sich Ihr Job konkret von dem in der Moto2?

Ich werde viel lernen müssen. Es ist grundsätzlich ein anderes Fahren. Es sind extrem viel mehr PS, die wir bewegen müssen. Doch die höhere Geschwindigkeit bedarf nicht wirklich einer Umstellung, weil wir auch in der Moto2 schnell unterwegs sind. Aber weil wir viel mehr PS haben, kommen die ganzen elektronischen Fahrhilfen dazu, die eine andere Linienwahl und eine ganz andere Abstimmung des Motorrades bedingen.

Inwiefern sind dabei Ihr Alter und Ihre Erfahrung ein Bonus?

Die Erfahrung hilft ein Stück weit. Was die Fahrwerksabstimmung angeht, kann ich ein paar Dinge mitnehmen, aber was die Elektronik angeht, bin ich, wie soll ich das sagen, ein Greenhorn.

Sie sind ein Realist und werden sich davor hüten, eine Prognose abzugeben, oder?

Das bin ich. Es ist enorm schwierig, weil sich diese Klasse von Jahr zu Jahr verändert. Nehmen wir Johan Zarco, den Moto2-Weltmeister 2016, als Beispiel. Er macht einen Hammer-Job in der MotoGP und stand, wie Jonas Folger als Newcomer auch, auf dem Podest. Beide sind auf einer letztjährigen Yamaha unterwegs, die in diesem Jahr fast besser funktioniert als die Werks-Yamaha. Das sind Dinge, die lassen sich im Vornherein nicht abschätzen und das ist auch im Hinblick auf 2018 so.

Ich will keineswegs schwarzmalen, aber nehmen wir an, Sie bleiben unter Ihren Erwartungen und denen der Schweizer Motorsportfans. Befürchten Sie, dass das Interesse an Ihrer Person und am Motorradrennsport abnehmen könnte?

Klar ist es immer schöner, Teil der Spitzengruppe und im TV-Bild zu sein sowie auf dem Podest zu stehen. Aber nun beginnt eine neue Ära in einer anderen Klasse und es wäre überschätzt, wenn ich mit so etwas rechnen würde.

2017 gehören Sie zu den Anwärtern auf den Sieg, genauso wie WM-Leader Franco Morbidelli. Ist das nicht etwas skurril, wenn man bedenkt, dass Sie nächste Saison die Box teilen?

Ein bisschen schon. Für mich sind es zwei paar Schuhe. 2017 ist 2017, und jetzt geht es darum, ihn zu schlagen. 2018 werden wir enger beieinander sein, weil wir für den gleichen Rennstall fahren, sind aber genauso Gegner.

Wie ist das Verhältnis zum Italiener?

Gut. Ich verstehe mich gut mit ihm. Wir haben zusammen Pre-Events, etwa vor Brünn, absolviert. Das passt.

Ich habe Sie noch nie sagen hören, dass Sie sich mit einem Fahrer- oder Teamkollegen nicht gut verstehen. Sind Sie womöglich zu «nett» für die MotoGP?

Das muss man trennen. Im Fahrerlager spricht man ab und zu miteinander und fragt, wie es so geht. Auf der Strecke fährt man nebeneinander auf eine Kurve zu. Ich komme mit allen gut aus. Es gibt keine Fahrer oder Feinde, die ich nicht grüssen kann. Mir ist ein respektvoller Umgang wichtig, auch wenn man sich auf der Strecke nichts schenkt.

Ihr Rückstand im WM-Klassement beträgt vor Silverstone 26 Punkte. Es wird schwierig, wenn man bedenkt, wie konstant Morbidelli heuer Siege einfährt, oder?

Das ist genau der Punkt. Er ist unglaublich konstant und gewinnt viele Rennen. Chapeau vor dieser grossartigen Leistung! Unmöglich ist es nicht, aber ich bin schon darauf angewiesen, dass er irgendwann einen Fehler macht. Letztes Jahr hat gezeigt, wie viel in der zweiten Saisonhälfte noch passieren kann.

Deine Meinung