Kaufleuten-Prozess: «Es tut mir leid, aber ich hatte Angst»
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Kaufleuten-Prozess«Es tut mir leid, aber ich hatte Angst»

Shivan M. steht seit heute Morgen vor dem Bezirksgericht Zürich, weil er vor dem Kaufleuten Vigan M. (23) mit elf Messerstichen getötet hat. Er habe aus Angst zum Messer gegriffen.

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num

In hellem Hemd und den Kopf stets leicht gesenkt steht Shivan M.* (22) vor dem Bezirksgericht Zürich. Die Hände vor dem Körper verschränkt, gibt er mit schleppender Stimme dem Richter Antwort. Shivan M. sitzt derzeit im Gefängnis Pöschwies - für ein Verbrechen, das er im Juli 2012 begangen hat. Damals soll er laut Anklage Vigan M.* (23) mit elf Messerstichen getötet haben. Der Bruder des Opfers wurde bei der Auseinandersetzung schwer verletzt.

Der Richter versucht zu erfahren, weshalb Shivan M. in den Stunden vor der Bluttat plötzlich aggressiv wurde. Er schiebt die Schuld auf die Brüder M.: «Ich wurde vor dem Club zusammengeschlagen.» Die Brüder M. hätten ihn ins Gesicht geschlagen, ein Stück eines Zahnes habe er verloren.

«Ich habe gedacht, jetzt ist endgültig fertig»

Er sei danach aber nicht aggressiv gewesen. «Ich hatte Angst und war in einem Schockzustand», sagt Shivan. Er sei noch nie in eine Schlägerei verwickelt gewesen, sei in Panik geraten. Er habe Hilfe holen wollen, um den Streit zu schlichten, deshalb habe er weinend seinen Kollegen angerufen. Auf dem Weg im Auto habe dieser ihm ein Messer gegeben. Vor dem Kaufleuten sei er von hinten an die späteren Opfer herangelaufen.

Da habe er einen Schrei gehört von einem der Brüder. Der sei auf ihn zugekommen. «Ich habe gedacht, jetzt ist endgültig fertig.» Es sei alles so schnell gegangen, er könne sich aber an die Tat nicht erinnern. Er habe einfach das Messer genommen und «gebraucht». Shivan M.: «Ich war noch nie in einem solchen Zustand.»

Als der Richter nachfragt, warum er elf Mal auf den Körper eines Menschen eingestochen habe, antwortet der Täter: «Es tut mir leid, aber ich hatte Angst. Ich war alkoholisiert.» Der Richter konfrontiert ihn mit einem Zitat aus einem abgehörten Telefon. Wenige Stunden nach der Tat sagte er damals zu seiner Freundin: «Ich bereue es nicht, dass ich die niedergestochen habe. Ich würde es wieder tun», sagte er. Shivan M. erklärt heute vor Gericht: «Ich bereue die Tat zutiefst.»

Dass er mit geöffnetem Messer aus dem Auto gestiegen sei, stimme nicht. Er habe das Butterfly-Messer erst kurz vor der Tat geöffnet. Shivan sagt, er habe noch nie Waffen besessen, wisse nicht, wie man ein Butterfly-Messer bediene.

Kollegen belasten Täter

Sein Kollege S., der wegen Gehilfenschaft angeklagt ist, schildert eine andere Version der Geschehnisse. Shivan M. sei im Auto aggressiv gewesen. Er habe alkoholisiert erzählt, was passiert sei. Vor dem Kaufleuten habe S. mit den Gebrüdern M. geredet - da sei Shivan M. von hinten auf die Gruppe zugelaufen und habe zugestochen. Das Ganze sei «in einer Sekunde» vorbei gewesen. Er habe ihm das Messer aber nicht gegeben.

Auch der andere Kollege, der wegen Begünstigung vor Gericht steht, belastet Shivan. Er habe im Auto gesagt, er gehe die Brüder «niederstechen», erzählt Kollege M. Er habe Shivan davon abhalten wollen, weiterzufahren, er solle umkehren. Beim Kaufleuten habe er im Auto gewartet, bis plötzlich Leute davongerannt seien. Shivan habe ihn dann ruhig angerufen und befohlen, ihn am Bellevue abzuholen. Dort habe er schliesslich davon geredet, wie er «einen umgebracht» habe.

Die Verhandlung geht am Nachmittag mit den Plädoyers weiter. Das Urteil wird voraussichtlich am Mittwochnachmittag eröffnet.

* Namen der Redaktion bekannt

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