Aktualisiert 04.01.2008 10:33

«Es tut uns schrecklich leid»

Beim schwersten Seilbahnunglück in der Schweiz seit acht Jahren wurden auf der Kleinen Scheidegg ein Deutscher getötet und drei weitere Personen verletzt. Kurz vor dem Unglück wurde mehrmals der Windalarm der Anlage ausgelöst - dann sprang das Seil aus der Rolle.

Bei dem Skifahrer, der am Donnerstag bei einem Sesselliftunglück auf der Kleinen Scheidegg ums Leben gekommmen ist, handelt es sich um einen deutschen Staatsangehörigen. Auch die schwer verletzte Frau ist eine Deutsche.

Die Frau erlitt mittlere bis schwere Rücken- und Lendenwirbelverletzungen, sie hat jedoch keine Lähmungserscheinungen, wie Christoph Egger, Leiter Angebot Berg der Jungfraubahnen, am Abend vor den Medien in Interlaken sagte. Die Frau befindet sich im Spital Interlaken und ist bei Bewusstsein.

Bei den beiden leicht Verletzten handelt es sich um einen Mann und eine Frau aus Australien. Der Mann erlitt Prellungen und eine Hirnerschütterung, er konnte das Spital am Abend verlassen. Die Frau erlitt Rissquetschwunden und Knieverletzungen. Mehrere weitere Personen haben laut Egger «leichte Kratzer» erlitten.

Die anderen Passagiere mussten sich am Nachmittag zunächst gedulden, bis sie gerettet wurden. Denn wegen des starken Föhns konnten die Helikopter keine Rettungsaktionen durchführen. Die Passagiere mussten von Bergführern abgeseilt werden.

Mehrmaliger Windalarm

Das Windmesssystem des «Fallboden»-Sesselifts hat vor dem Unglück beim kritischen Wert von 60 km/h «ein bis zweimal einen Windalarm angezeigt», sagte Christoph Egger, Leiter Angebot Bern bei den Jungfraubahnen, am Abend in Interlaken BE vor den Medien.

Bereits vor dem Unfall jedoch sei der Lift mindestens einmal vorübergehend abgestellt worden, noch vor dem Unglück seien auch die Vorbereitungen zur Ausserbetriebsetzung des Liftes und zwei weiterer Anlagen angelaufen. «Zum Zeitpunkt des Unfalls um 12.50 Uhr war der Zugang zu den drei Liften Fallboden, Wixi und Lauberhorn bereits geschlossen.»

Die Bahn werde nicht automatisch abgeschaltet, die Verantwortlichen seien angewiesen, darauf situativ zu reagieren. Sie müssen beachten, ob noch Passagiere in Sesseln unterwegs sind.

Der letzte Alarm sei «wenige Minuten» vor dem Unglück erfolgt. «Das Seil entgleiste bei einem Masten, dann stürzten die Sessel ab», so Egger zum Unfallhergang.

Er habe keine Zweifel, dass die internen Vorschriften eingehalten worden seien, sagte Egger. «Wir haben nicht auf Risiko gespielt». Der Bergwind sei ein sehr lokales Phänomen, die Firstbahn etwa sei bis Betriebschluss normal gefahren.

Föhnspitzen mit 90 km/h

Auf der Kleinen Scheidegg blies der Föhn am Donnerstag mit Geschwindigkeiten von bis zu 90 Kilometern pro Stunde. Diese Böenspitzen wurden laut Angaben von MeteoSchweiz bei der Messstation Eigergletscher gemessen.

Noch sei unklar, ob der starke Wind für den Unfall überhaupt ursächlich sei, betonte Walter Steueri, Direktor der Jungfraubahnen. Allenfalls seien auch mehrere Faktoren gleichzeitig für das Unglück verantwortlich. Den Angehörigen des Unglücks drückte Steuri sein Beileid aus. «Es tut uns schrecklich leid, wir sind alle sehr betroffen.»

Laut den Aussagen eines einheimischen Tourismusfachmanns ist der betroffene Sessellift besonders anfällig auf Windböen. Weil er nur 2,3 Meter pro Sekunde zurücklegt, entwickelt er eine kleinere Eigendynamik als andere Lifte, die bis fünf Meter pro Sekunde zurücklegen.

Kantonspolizei und Untersuchungsrichter sind laut Angaben der Jungfraubahnen vor Ort. Beim Sessellift Fallboden handelt es sich um eine Anlage mit Zweiersesseln der Firma Garaventa AG. Der Lift befindet sich auf der Wengener Seite der Kleinen Scheidegg. Bei der Firma Garaventa AG war niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Bund schaltet sich ein

Die Sesselbahn Fallboden war vom Bundesamt für Verkehr letztmals im Januar 2006 auf die Sicherheit hin überprüft worden. Gemäss der Sesselbahnverordnung des Bundes muss eine Sesselbahn so gebaut werden, dass sie einen vom Wind erzeugten Staudruck von 0,25 Kilonewton pro Quadratmeter aushalten kann, erklärt Gregor Saladin vom Bundesamt für Verkehr.

Gesetzliche Grenzwerte, ab welchem Staudruck respektive ab welcher Windgeschwindigkeit Sesselbahnen abgestellt werden müssen, gebe es aber nicht. Jedes Unternehmen sei laut der Verordnung des Bundes für den sicheren Betrieb seiner Anlagen verantwortlich.

In die Untersuchung des Unfalls hat sich laut Saladin aber bereits die Unfalluntersuchungsstelle für Bahnen und Schiffe des Bundes eingeschaltet. Auf Grund ihres Berichts wird das BAV dann entscheiden, ob allfällige Massnahmen notwendig sind.

(thi/tif/sda)

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