18.10.2020 19:17

Kinder von Samenspender«Es tut weh, nicht zu wissen, woher ich stamme»

Schon als Kind erzählten G.C.s (26) Eltern ihr, dass sie durch einen Samenspender gezeugt wurde. Die Frage nach ihrer Herkunft beschäftigt G.C. je länger, je mehr. Doch die Chance auf eine Antwort ist klein.

von
Anja Zingg
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G.C. (26) wurde durch einen anonymen Samenspender gezeugt.  (Symbolbild)

G.C. (26) wurde durch einen anonymen Samenspender gezeugt. (Symbolbild)

imago images/SerhiiBobyk
Von klein auf weiss sie,  dass ihr Vater nicht ihr Erzeuger ist. (Symbolbild)

Von klein auf weiss sie, dass ihr Vater nicht ihr Erzeuger ist. (Symbolbild)

REUTERS
Lange hat es G.C. nicht gross beschäftigt, dass ihr sozialer Vater genetisch nicht mit ihr verwandt ist. (Symbolbild)

Lange hat es G.C. nicht gross beschäftigt, dass ihr sozialer Vater genetisch nicht mit ihr verwandt ist. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts

  • Weil ihr Vater unfruchtbar ist, wurde G.C. 1993 mit dem Sperma eines anonymen Spenders gezeugt.

  • Seit 2001 ist eine anonyme Spende in der Schweiz verboten.

  • Für Kinder wie G.C. ist es fast unmöglich, ihren Erzeuger jemals kennen zu lernen.

  • Eine Expertin erklärt, weshalb es so wichtig ist, die Kinder über ihre Entstehung aufzuklären.

«Ich kann mich noch sehr gut an den Moment erinnern, an dem meine Eltern mir erklärten, dass mein Vater nicht mein Erzeuger ist», erzählt G.C. «Ich war damals acht oder neun Jahre alt. Mithilfe eines Buches haben sie mir aufgezeigt, wie ein Kind entsteht und weshalb sie auf einen Spender angewiesen waren.»

Lange hat es G.C. nicht gross beschäftigt, dass ihr sozialer Vater genetisch nicht mit ihr verwandt ist. «Doch seit rund fünf Jahren nimmt die Frage nach meiner Herkunft immer mehr Platz in meinem Leben ein.» Die Gründe dafür seien vielfältig. «Ich spreche offener darüber, zum Beispiel auch mit Freunden. Und ja, ich habe das Gefühl, dass ich mich nie ganz kennen lernen werde, wenn die Hälfte meiner Herkunft unbekannt bleibt.»

DNA-Tests für wenig Geld

G.C. ist sich bewusst, dass es schwierig, beinahe unmöglich sein wird, etwas über ihren Erzeuger zu erfahren. «Klar gibt es die Möglichkeit, einen DNA-Test zu machen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist.»

Heutzutage kann man schon für wenige Hundert Franken seine DNA einsenden. Eine Speichelprobe auf ein Wattestäbchen geben, das alles einsenden – und kurz darauf erfährt man etwas über seine Herkunft. Je nach Anbieter wird die eingesendete DNA mit bis zu 700’000 Datensätzen weltweit verglichen. Wird eine Übereinstimmung gefunden, zum Beispiel, weil ein Verwandter ebenfalls seine DNA eingesendet hat, erhält man eine Benachrichtigung. Es gibt Fälle von Spenderkindern, die so mehrere Halbgeschwister fanden.

Die Angst vor der Enttäuschung

Was hält G.C. von einem DNA-Test ab? «Die Tests sind ja auch nicht zu hundert Prozent verlässlich. Ich möchte mich auf keinen Fall in etwas verrennen, um dann doch enttäuscht zu werden. Zum Beispiel, wenn sich eine vermeintliche Abstammung als falsch herausstellt.»

Anonyme Spende verboten

Jährlich rund 200 Spenderkinder

Seit 2001 werden in der Schweiz laut dem Bundesamt für Statistik jährlich rund 200 Kinder durch einen Samenspender gezeugt. Dass die Statistik genau 19 Jahre zurückreicht, ist kein Zufall. Seit dem 1.1.2001 muss die Identität der Samenspender aufgezeichnet werden. Davor waren anonyme Spender möglich, so wie sie auch bei G.s Mutter stattgefunden hatte. Wer seit 2001 durch fremdes Sperma gezeugt wurde, hat mit 18 Jahren die Möglichkeit, bei der Spenderdatenbank des Eidgenössischen Amtes für Zivilstandswesen Informationen über seinen Erzeuger zu erhalten. Ist der Samenspender einverstanden, kann ein Treffen vereinbart werden.

Sie hat sich nie fremd gefühlt in der Familie, sagt G.C. «Aber das Band zu meiner Mutter ist viel stärker als das zu meinem Vater. Ob das wirklich mit dem Samenspender zu tun hat, ist natürlich schwierig zu sagen.» Sie könne auch mit ihrer Mutter über alles reden. Der Vater thematisiere eigentlich nie, wie sie entstanden sei. «Ich glaube, es tut ihm weh, darüber zu sprechen.»

Sie wünscht sich keinen Vater, betont G.C., denn sie habe bereits einen. «Mich beschäftigt die Frage nach meiner Abstammung. Es würde mich zum Beispiel sehr interessieren, wie mein Erzeuger aussieht, was er arbeitet oder welche Nationalität er hat.» Sie wisse lediglich, dass er ein Student gewesen sei. «Der behandelnde Arzt meiner Mutter verstarb unerwartet noch vor meiner Geburt. Darum mache ich mir keine Hoffnung, dass ich von der Arztpraxis etwas über den Spender erfahren werde.»

Sie wisse, dass es im Grunde fast unmöglich sei, dass sie jemals ihren leiblichen Vater kennen lerne. «Es tut weh, dass ich nicht weiss, woher ich stamme. Ich versuche es zu akzeptieren. Doch ein Teil von mir wird immer fehlen.»

Spenderkinder

«Ehrlichkeit ist wichtig»

In der Schweiz gibt es klare Vorgaben, wenn ein Paar ein Kind durch eine Samenspende zeugen möchte. Erstens muss das Paar unfruchtbar sein, verheiratet, und vor der Insemination muss ein Beratungsgespräch stattgefunden haben.

Solche Beratungen führt auch Anna Raggi. Die Ärztin ist Präsidentin von FertiForum, einer Kommission der Schweizerischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin. Ausserdem ist sie Mitgründerin von Fertisuisse, einem Zentrum für Kinderwunschbehandlung. Raggi setzt sich sehr für Transparenz ein. «Viele Spenderkinder, die erst im Erwachsenenalter von der Samenspende erfahren haben, erzählen, dass sie sich oft anders gefühlt haben. Wenn von Anfang an klar ist, dass es den Vater, die Mutter und den Spender gibt, kann das verhindert werden.» Denn dann wisse das Kind, dass das Anderssein auf die Gene des Spenders zurückzuführen ist. «Zum Beispiel, wenn ein Kind in einem Haushalt voller Sportler aufwächst, selbst aber musikalisch begabt ist.»

In ihrer Beratung betont Raggi darum auch immer wieder, dass das Kind ein Recht hat, seine Herkunft zu erfahren. Aber es gebe auch heute noch Eltern, die finden, dass darüber nicht gesprochen werden solle. «Leider unterschätzen Paare, wie sehr dieses Geheimnis immer über der Familie schweben wird.» Raggi plädiert darum für Ehrlichkeit, das sei das Wichtigste.

Raggi begrüsst, dass Spenderkinder, die nach 2001 entstanden sind, Daten über ihren Erzeuger einfordern können. FertiForum hätte zudem eine psychologische Betreuung gutgeheissen. «Mit 18 Jahren kann sich ein Spenderkind beim Amt melden. Es erhält per Brief Informationen über den Samenspender: Name, Alter, Beruf und Nationalität. Der Spender kann eine Kontaktaufnahme aber ablehnen. Der junge Mann oder die junge Frau erhält diese Info ebenfalls per Post.» Dies sei eine unglaublich schwierige Situation für eine junge Person. «Besser wäre, wenn sie vom Anfang an eine psychologische Begleitung hätten», so Raggi.

Wie Raggi weiss, hat sich bis jetzt noch keine Person beim zuständigen Amt über seinen Samenspender informiert. Obwohl dies für alle Spenderkinder möglich wäre, die seit 2019 volljährig sind. «Natürlich weiss man nicht, ob wirklich niemand an seiner Herkunft interessiert ist oder ob die Betroffenen schlichtweg nicht wissen, dass ihr biologischer Vater ein Samenspender war», sagt Raggi.

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