Anschlag auf Metrojet?: «Es wäre eine neue Qualität im IS-Terror»
Aktualisiert

Anschlag auf Metrojet?«Es wäre eine neue Qualität im IS-Terror»

Hat eine IS-Filiale eine Bombe in den russischen Airbus 321-200 geschmuggelt? Wenn, dann wäre das eine neue Qualität im IS-Terror, sagt Terrorexperte Steinberg.

von
Ann Guenter

Klar ist nichts. Nach dem Absturz des Metrojet-Airbus gibt es viele Theorien und Spekulationen – vor allem darüber, ob ein technischer Defekt oder ein terroristischer Anschlag 224 Menschen das Leben gekostet hatte. Im Zentrum stehen folgende Fragen:

War es eine Bombe?

Abgefangene Nachrichten erhärten den Verdacht, dass die ägyptische IS-Filiale «Wilayat Sinai» oder «Provinz Sinai», die sich vor 2014 noch «Ansar Beit al-Maqdis» nannte, einen Sprengsatz in das russische Passagierflugzeug gebracht haben könnte. Aus US-Regierungskreisen hiess es zwar, dass abgefangene Nachrichten manchmal irreführend seien. Dennoch bekräftige die britische Regierung ihre Theorie, dass ein Bombenanschlag die Passagiermaschine über dem Sinai zum Absturz brachte. Das vermuten auch die USA, wobei Washington betonte, dass es noch keine offizielle Einschätzung der CIA oder anderer Geheimdienste gebe. Die Beweismittel wie etwa die Blackbox würden noch ausgewertet. Dass der Befehl für einen Anschlag aus Raqqa kam, der inoffiziellen Hauptstadt der Terrormiliz Islamischer Staa» in Syrien und im Irak, denken Geheimdienstexperten nicht.

Russland und Ägypten hingegen weisen die Theorie eines Terroranschlages als Spekulation zurück. In Kairo ist man um den Tourismus, in Moskau um die möglicherweise falsch angelegte Anti-Terror-Strategie besorgt. Die russischen Ermittler betonten aber, dass sie auch einen möglichen terroristischen Hintergrund untersuchten.

Wer ist die Terrorgruppe «Ansar Beit al-Maqdis»?

«Die Gruppierung kennt man schon sehr lange», sagt Terror- und Jihadismusforscher Guido Steinberg. «Es ist die gleiche Gruppierung, die 2004 und 2005 mit Bombenterror im ägyptischen Badeort Taba und Sharm al-Sheikh über hundert Touristen tötete.» Mit dem IS verbindet die IS-Filiale im Sinai eine lange Tradition. Darauf weist der Ursprungsname «Ansar Beit al-Maqdis» hin, der so viel bedeutet wie «Die Helfer Jerusalems»: Die in diesem Namen enthaltene Botschaft – die Konzentration auf die Zerstörung Israels – unterstreicht die ideologische Übereinstimmung mit dem IS. Zwischen der IS-Vorgängerorganisation «al-Qaida im Irak» und «Ansar Beit al-Maqdis» im Sinai besteht schon seit Jahren enger Kontakt.

Was bezwecken die Terroristen?

Der IS aus Syrien/Irak meldet sich in einem neuen Propagandavideo zu Wort: IS-Mitlieder drohen teils auf Arabisch, teils auf Russisch mit weiteren Anschlägen gegen russische Ziele. «Präsident Wladimir Putin, du Schwein», heisst es da unter der Versprechung, dass seine Bürger im eigenen Land mit Angriffen rechnen müssten. Auch die ägyptische IS-Gruppierung hat ihren Anspruch wiederholt, das russische Passagierflugzeug zum Absturz gebracht zu haben. In einer Audiobotschaft erklärten Mitglieder der «Provinz Sinai»: «Wir, Allah sei Dank, sind jene, die das Flugzeug zum Absturz brachten. Wie wir das taten, müssen wir nicht offenlegen. Doch wir werden es zu gegebener Zeit tun.» Man habe das Flugzeug auf den Tag genau zum Absturz gebracht, als man dem IS vor einem Jahr die Treue geschworen habe und «Ansar Beit al-Maqdis» zur «Provinz Sinai» wurde. Der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi tat dies als reine Propaganda ab.

Steckt die al-Qaida hinter dem Absturz?

Der IS muss nicht unbedingt hinter dem möglichen Anschlag auf die russische Passagiermaschine stecken, es könnte auch die konkurrierende al-Qaida sein. «Sollte sich bewahrheiten, dass das ein Anschlag war und dieser durch eine Bombe etwa in einem Laptop ausgelöst wurde, dann riecht das weniger nach IS, sondern mehr nach al-Qaida und deren Sprengstoffspezialisten. Allerdings ist es auch möglich, dass der IS sich dieses Wissen mittlerweile ebenfalls angeeignet hat. Das wäre beunruhigend und eine neue Qualität im IS-Terror.»

Wieso ist die IS-Filiale in Ägypten noch immer stark?

Ägypten wird in der Anti-Terrorbekämpfung von den USA, den Saudis und von Europa unterstützt. Seit General al-Sisi an die Macht kam, nahmen die Repressionen und Überwachungen zu – doch parallel dazu auch die islamistischen Angriffe auf die Sicherheits- und Polizeikräfte. Sicherheitsexperten schätzt, dass derlei Angriffe in den letzten zwei Jahren um über 1000 Prozent angestiegen sind.

Darauf angesprochen, sagt Terrorexperte Steinberg: «Tatsächlich hat Ägypten enorme repressive Fähigkeiten. Es hätte alles in der Hand, denn die Terrorbekämpfung ist seit den 1970er-Jahren fast schon Tradition geworden.» Doch es seien Korruption, Misswirtschaft und die fehlende Motivation bei den Sicherheitskräften und in der Armee, die es ermöglichten, dass der Kampf gegen den Terror im eigenen Land trotz aller langjähriger Erfahrung heute nur bedingt erfolgreich sei. «Das Militär ist in Ägypten längst zu einem Wirtschaftsunternehmen geworden, Soldaten werden da auch schon mal auf Bauernhöfe zum Eiersammeln geschickt. Diese sehen die Korruption in den oberen Rängen, und sie sehen sich einem Gegner gegenüber, der ideologisch motiviert, gut finanziert und von der Bevölkerung teils unterstützt wird – für die unteren Ränge ist das alles wenig ermutigend, die Motivation bleibt zunehmend aus», sagt Steinberg. «Der jüngste Anschlag, sollte es denn einer gewesen sein, ist klar ein Warnzeichen.»

Terrorismusexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin beschäftigt sich auch intensiv mit Terrorismus in Afrika. (Bild: SWP)

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